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Debatte um Kanzlerkandidaten:Lasst das Zaudern, ihr habt Besseres zu tun

Trittin und Roth und vielleicht noch ein Realo: Die Grünen quälen sich seit Monaten mit Führungsfragen, die SPD will sogar bis ins kommende Jahr hinein über ihren Kanzlerkandidaten debattieren. Dabei wird kein Kandidat je die volle Zustimmung der gesamtem Basis erhalten. Machthunger ist gefragt.

Dem Spitzenkandidaten kommt in Wahlkämpfen zweifelsohne größte Bedeutung zu. Gerade wenn eine Partei den Anspruch entwickelt, tatsächlich das Kanzleramt oder eine Staatskanzlei zu übernehmen, dann muss der Kandidat diesen Machthunger auch verkörpern. Bei dem nordrhein-westfälischen CDU-Spitzenkandidaten und Ex-Minister Norbert Röttgen war das nicht der Fall. Er bugsierte sich ohne Mitschuld Dritter höchstselbst ins politische Aus.

Führungsdebatte bei den Grünen: Claudia Roth, Jürgen Trittin und Renate Künast

Wer darf die Grünen führen? Claudia Roth (links) und Jürgen Trittin sind als Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2013 im Gespräch. Renate Künast (rechts) derzeit eher weniger.

(Foto: dpa)

Auch für kleine Parteien ist die Nominierung des Spitzenkandidaten eine Herausforderung. Nähere Auskünfte erteilen gerne die Politiker der Bundes-FDP. Oder auch die Grünen: Anders als die FDP müssen die nicht ein Dasein als Splittergruppe fürchten, dafür aber öffentliche Häme. Denn ihr Spektakel um die Spitzenkandidatur steht in keinem realistischen Verhältnis zu ihrem politischen Gewicht im Land. Der Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin hat jetzt seine Bewerbung für dieses Amt erklärt. Eine Überraschung ist das nicht, weil alle Welt fest davon ausging, dass er genau dies tun würde.

Jetzt haben die Grünen zwei Spitzenkandidaten in Spe, neben Trittin noch Parteichefin Claudia Roth. Damit ist die Personalfrage längst nicht geklärt. Zudem wird in der Partei seit Monaten gemeckert, dass man nicht mit zwei Linken an der Spitze in den Wahlkampf ziehen könne. Gut möglich, dass das Führungsteam in einer Urwahl bestimmt wird, falls sich noch weitere Aspiranten melden.

Kapriziöse Personalia

Das Proporzdenken der Grünen mutet inzwischen jakobinisch an und schürt Aufregung. Aber Ursache der Führungsquerelen sind vor allem persönliche Animositäten, Richtungsstreitereien und politischer Futterneid. Damit quält sich die Partei nun schon seit Monaten, und vor dem Frühherbst ist kein Ende in Sicht. Das nennt man gemeinhin Selbstbeschäftigung, die vielleicht die Basis interessiert, nicht aber das Wahlvolk. Das muss nämlich in einem Jahr entscheiden, von wem es inmitten von tatsächlich bedrohlichen Krisen regiert werden will.

Die Grünen bieten sich an als Juniorpartner der Sozialdemokraten. Die wiederum sind ebenfalls mit Personalfragen beschäftigt und überlegen tatsächlich ernsthaft, diese Binnendebatte bis ins nächste Jahr hinein fortzusetzen. Als Wähler darf man sich darüber wundern.

Haben die Oppositionsparteien, die erklärtermaßen die schwarz-gelbe Koalition lieber heute als morgen ablösen wollen, nichts Besseres zu tun, als ihre Wahlkampfteams so auszutarieren, bis auch der letzte Kreisverband zufrieden ist? Dann nämlich kann man die Bundestagswahl verschieben. Auf den Sankt Nimmerleinstag.

Kein Spitzenkandidat wird je die volle Zustimmung der gesamten Basis bekommen. All die Meckerer, Futterneidigen und Taktierer bei SPD und Grünen wissen zwar, dass die Aussichten auf einen rot-grünen Machtwechsel gering, aber nicht vollends unrealistisch sind. Sie sollten aber auch beherzigen: Wer glaubt, sich in kapriziöse Personalia verstricken zu müssen, wird den Erfolg nicht erleben.