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40 Jahre DDR im Jahr 1989:"Honecker und seine Crew sind in der Zwischenkriegszeit hängengeblieben"

Hatte sich der DDR-Sozialismus für Sie nach den Gesprächen mit den Behörden erledigt?

Nein, so einfach war das nicht. Ich durfte dann zwar kein Abitur machen, ich bin Maurer geworden, habe als Pförtner gearbeitet, irgendwann an der Abendschule mein Abitur nachgemacht. Trotzdem habe ich mich als Linker verstanden, nicht als Antikommunist, Gott bewahre! Ich war fest davon überzeugt, wir brauchen einen demokratischen Sozialismus. Aber ich war mir immer klar: Wir leben nicht in einem sozialistischen Land. Wir leben in einer üblen Diktatur. Die da oben und die ihnen folgten waren keine Sozialisten, Kommunisten, davon war ich fest überzeugt bis 1989. In Anlehnung an faschistoid sprach ich von "ostoid".

War die Gewalt der DDR von Anfang an eingeschrieben? Immerhin verband sich mit dem Sozialismus oder Kommunismus auch die Idee eines besseren, gerechteren Systems.

Die leninistische Lesart des Marxismus im frühen 20. Jahrhundert ging davon aus, dass die Gesellschaft sich in Formationen bewegt und dass der Sozialismus/Kommunismus wie ein Naturgesetz den Kapitalismus ablöst und überwindet. Doch dafür brauchte es eine Partei neuen Typus, eine Avantgarde bewusster Menschen, die diesen Naturgesetze zum Durchbruch verhelfen würden. Das war die Geburtsstunde des Kriegskommunismus in der Sowjetunion. Und genau so sind die Volksdemokratien nach 1945 aufgebaut worden. Das Gebiet der DDR hatte für die Sowjetunion eine enorme strategische Bedeutung, das war der wichtigste Vorposten Moskaus und konnte mit Abstrichen auch nur ein Abbild davon sein. Die Gewalt, die dieser Diktatur zur Geburt verhalf, die gehörte inhärent zu diesem System, zu dieser Vorstellung von Herrschaft.

Aber hätte die DDR-Führung diese Linie nicht irgendwann aufgeben, demokratischer werden können? War die Tatsache, dass sie daran festhielt, eine reine Frage des Machterhalts oder der inneren Überzeugung?

Ich schreibe gerade an einer großen Ulbricht-Biografie, da geht es genau um diese Frage. Der kommunistische Teil der Arbeiterbewegung - und dem entstammen die DDR-Oberen - hat eine Grundsatzerfahrung gemacht: Kommunisten sind von Feinden umzingelt. Das ist nicht irgendein Hirngespinst, sondern eine ganz reale Erfahrung, schon im Ersten Weltkrieg, in der nationalsozialistischen Diktatur, auch als Emigranten. Dann kommen die Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg an die Macht. Sie sind fest davon überzeugt, dass sie die Avantgarde sind - und dass sie den Eben-noch-Nazis, mit denen sie in Deutschland konfrontiert sind, eine Grundlage bieten, damit sich deren Bewusstsein irgendwann verändert. Und Macht, die man hat, gibt man nicht mehr her, auch nicht durch Wahlen. Da hat sich Ulbricht ganz deutlich geäußert.

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Und welche Rolle spielten diese Erfahrungen in der Endphase der DDR?

Dazu komme ich jetzt. In den Achtzigerjahren war Ulbricht längst tot, Honecker schon lang an der Macht und mittlerweile alt. Diese Crew um Honecker, die Altkommunisten, das sind Leute, die in der Weimarer Republik und der Nazizeit von ihren Idealen lebten und zehrten. Die sind in der Zwischenkriegszeit hängengeblieben. Die verstehen nicht, dass Menschen, die ein Dach über dem Kopf haben, satt sind und eine Arbeit haben, damit nicht zufrieden sind und mehr fordern. Und dass es Opfer gibt, dass Menschen für ihre Haltung drangsaliert und verfolgt werden, das war für jeden einzelnen der alten Führung in ihre eigene Lebensbiografie eingeschrieben. Alle haben das selber erlebt, das war nicht schön, aber das gehörte eben zum Klassenkampf dazu. Daher fanden sie es auch nicht schlimm, dass bei ihrem Aufbau einer neuen Gesellschaft Späne beim Hobeln vom Tisch fielen.

Die Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953, der Mauerbau 1961 waren also nur folgerichtig aus dieser Logik heraus?

Absolut, der Mauerbau war quasi ein Lerneffekt. Alle Faktoren, die im Vorfeld des 17. Juni eine Rolle spielten - Flucht, darniederliegende Wirtschaft, schlechte gesellschaftliche Atmosphäre -, das alles war im Vorfeld des 13. August 1961 noch dramatischer. Die Kommunisten haben übrigens in ihrem ganzen Territorium Mauern errichtet. Schauen Sie sich das Sowjetimperium an, das war überall von Stacheldraht und Mauern umgeben. Wir tun immer so, als ob die deutsche Mauer etwas ganz Besonderes gewesen wäre. Dabei war es eher erstaunlich, dass sie erst 1961 gebaut wurde.

Auch in der DDR wurde nicht durchgehend mit harter Hand regiert. Gerade in den Sechzigerjahren gab es doch auch eine lange Phase der inneren Entspannung, wo ausgelotet wurde, wie weit man gehen kann.

Da haben Sie recht. Das hat man immer wieder versucht, auch vor 1961 schon. Mit dem Mauerbau hatten die Herrschenden den Terrorhöhepunkt markiert - ein ganzes Volk wurde eingemauert und wer abhaute, wurde erschossen. Durch den Schritt wurde ein hohes Maß an Loyalität erzwungen, erkauft. Leistung fing an, sich zu lohnen, es gab eine neue Frauenpolitik, eine offenere Jugendpolitik, eine neue Wirtschaftspolitik wurde entworfen, Betriebe erhielten eine größere Flexibilität - das war Ulbrichts großes Werk. Er versuchte zudem, seine Politik zu entideologisieren, er baute neben dem Parteiapparat einen Apparat aus jungen Technokraten auf, so um Ende 20, Anfang 30, um die Gesellschaft zu modernisieren.

Warum stoppte dieser Reformprozess unter Ulbricht?

Die Liberalisierungstendenzen endeten schnell, spätestens dann mit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Honecker hat es Anfang der Siebzigerjahre noch mal versucht mit einer sehr großzügigen Kultur- und Sozialpolitik. Die Kulturpolitik scheiterte, als sie den regimekritischen Liedermacher Wolf Biermann aus der DDR schmissen. Und die Sozialpolitik führte die Wirtschaft ab Ende der Siebzigerjahre immer mehr in den Abgrund, weil Geld für notwendige Investitionen in eine sinnlose Subventionspolitik verschleudert wurde. Da ging Honecker nicht ran. Doch die Leute haben gesehen, was das hieß, eine billige Miete zu haben und es regnet ins Bett. Der Effekt der Systemstabilisierung schlug ins Gegenteil um.

Wenn man zum Vergleich nach Westdeutschland schaut: Die Bundesrepublik der Adenauer-Ära war ja auch ein anderer Staat, biederer und autoritärer als die Bundesrepublik der Achtzigerjahre. Warum gelang hier der Wandel?

Der große Unterschied besteht darin, dass die Adenauer-Zeit durch eine gesellschaftliche Reformbewegung von unten herausgefordert und modernisiert wurde. Natürlich gab es die politische Reformbewegung von Willy Brandt - "Mehr Demokratie wagen" -, aber die basierte auf einer gesellschaftlichen Basisbewegung in der Bundesrepublik, die zu verkürzt oft mit den 1968ern gleichgesetzt wird. Das ist der Ausdruck einer lebendigen demokratischen Gesellschaft, wenn sie sich entfalten kann. Genau das können wir in der Bundesrepublik immer wieder beobachten, dass selbst die Gegenkräfte in das System integriert werden und es gestalten und irgendwann vielleicht selber diejenigen sind, gegen die sich neue Antikräfte richten. Ein schönes Beispiel ist zum Beispiel die Punk-Bewegung, die so kommerzialisiert wurde, dass sie fast schon zum Mainstream wurde.

Und in der DDR?

Das, was wir in den kommunistischen Staaten beobachten, waren hingegen immer Herrschaftskämpfe am Hofe, die losgelöst waren von den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Denn da waren sich in der Führung ja immer alle einig, dass man die gesellschaftlichen, basisdemokratischen Kräfte unterdrücken müsse, dass man die nicht zum Zuge kommen lassen dürfe. Da liegt die Begrenzung dieser systemimmanenten Reformen.