Süddeutsche Zeitung

40 Jahre DDR im Jahr 1989:"Ich hatte Angst, dass es zu einer 'chinesischen Lösung' kommt"

Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR ihr 40-jähriges Bestehen. Doch die Bürger opponierten immer stärker gegen das System. Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk über die Furcht vor einer scharfen Gegenreaktion, den Wunsch nach Wandel und die Rolle Ostdeutschlands heute.

Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR ihr 40-jähriges Bestehen. Während die Staatsspitze sich an der üblichen Militärparade delektierte, brodelte es im Volk. Immer mehr Menschen zeigten in diesen Tagen ihre Unzufriedenheit mit dem real existierenden Sozialismus. Sie debattierten in den Kirchen, gründeten Inititiativen - und sie gingen in Ost-Berlin, in Leipzig, Plauen und anderen Städten auf die Straßen.

Doch warum wurde der Wunsch nach Wandel in Ostdeutschland gerade in den Achtzigerjahren so bestimmend? Und hätte die DDR-Führung geschickter damit umgehen können? Darüber sprach die SZ mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Er hat zahlreiche Bücher und Aufsätze zur DDR-Geschichte veröffentlicht, zuletzt erschien "Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde" (Verlag C.H. Beck, München). Und er hat die Gängelei durch den Staat als Jugendlicher selbst erlebt.

SZ: Herr Kowalczuk, im Herbst 1989 waren Sie 22 Jahre alt. Wie haben Sie damals die Ereignisse rund um den 40. Jahrestag der DDR erlebt?

Ilko-Sascha Kowalczuk: Ich hatte Angst - Angst, dass es zu einer "chinesischen Lösung" kommt. Die SED-Spitze hatte sich nach der brutalen Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz im Juni 1989 mit der chinesischen Führung solidarisiert. Wir befürchteten, dass in der DDR genauso mit Protestierenden umgangen werden sollte. Und die Erlebnisse in Ost-Berlin und auch, was man aus anderen Teilen der DDR hörte, die Festnahmen, der menschenverachtende Umgang mit den Demonstranten, deuteten genau darauf hin. Ich hatte Angst, aber war nicht eingeschüchtert. Ich wollte schon lange Jahre, dass sich in der DDR endlich etwas ändert.

Wie haben Sie sich damals politisch engagiert, sind Sie auch auf die Straße gegangen?

Als die Gründungsaufrufe für die neuen Bürgerbewegungen Anfang September 1989 herauskamen, habe ich sofort mit den Initiatoren und Initiatorinnen Kontakt aufgenommen. Ich schrieb manchen auch Briefe, einige kamen an, andere fand ich später in den Stasi-Unterlagen. Ich sammelte ab Mitte September 1989 zum Beispiel Unterschriften für das "Neue Forum", ging in die Kirchen zu den Informationsandachten und solche Dinge eben. Mit anderen Worten: Ich gehörte zur kritischen Masse, ohne die Revolutionen nicht auskommen.

Das Ende der DDR sahen Sie aber nicht kommen?

Nein, das Wahrscheinlichste schien mir damals eine Verhärtung des Regimes zu sein. Eher in Richtung Militärdiktatur. Doch als das Regime bei den Protesten am 9. Oktober in Leipzig, als Zehntausende Menschen kamen, wider Erwarten nicht eingriff, als es friedlich blieb, war das eine unglaubliche Erleichterung. Da war klar, jetzt gibt es eine neue politische Tagesordnung, ohne dass ich wusste, wie die aussehen wird.

Sie standen dem DDR-System kritisch gegenüber, Ihr Vater war hingegen überzeugt vom Staatssozialismus. Der Konflikt, der damals das Land umtrieb, spielte sich quasi auch in Ihrer Familie ab. Wie äußerte sich das?

Ich bin als Kind unfreiwillig in eine Auseinandersetzung mit dem System geraten. Bereits als Zwölfjähriger hatte ich gesagt, ich will Offizier der Armee werden, mit 14 Jahren habe ich eine entsprechende Urkunde unterschrieben. Aber eigentlich nur, weil ich Angst davor hatte, meinen Vater zu enttäuschen. Ein paar Monate später habe ich diese schriftliche Verpflichtung widerrufen. Und da kam es dann zu einem schweren Konflikt mit der Schule, mit dem Staat, mit den Institutionen - und mit meinem Vater. Auch er musste sich für mein Verhalten rechtfertigen und wurde gefragt: "Was ist da los? Du bist ein guter Kommunist und hast deinen eigenen Sohn nicht im Griff?!" Von da an führten mein Vater und ich eine teilweise sehr unversöhnliche Auseinandersetzung, die umso schwieriger war, als mein Vater mich ja auch liebte. Erst der Mauerfall befreite uns von dem Konflikt.

War das üblich, dass schon Kinder für den Armeedienst rekrutiert wurden?

Die DDR hatte einen riesengroßen Sicherheitsapparat - Polizei, Stasi und Armee. Es gab Quoten, wie viele Offiziersbewerber eine Stadt, ein Stadtbezirk, eine Schule pro Jahr zu stellen hatte. Um dieses Soll zu erfüllen, wurden Jugendliche mit 14 Jahren in das sogenannte FDJ-Bewerberkollektiv aufgenommen. Bewerber für Militärberufe sowie Lehrer wurden bevorzugt mit den knappen Abiturplätzen versorgt. Ost-Berlin hatte ein besonderes Problem, seine Bewerberquoten zu erfüllen. Wenn man erst mal eingewilligt hat, kam man kaum mehr aus. Als ich nun plötzlich "Nein" sagte, wurde ich über anderthalb Jahre hinweg wöchentlich vorgeladen - manchmal mit meiner Mutter, meistens allein - und von einer Gruppe mir meist fremder Menschen befragt, aus der SED, Armee oder Stasi, manchmal auch aus der Schule.: "Warum willst du denn nicht? Ist doch toll, unser sozialistisches Vaterland zu schützen."

Wie haben sich diese Gespräche auf Sie ausgewirkt?

Im Zuge dieser wöchentlichen Befragungen, denen ich da ausgesetzt war, bin ich immer wütender geworden und habe angefangen, dieses System zu hassen. Ich bin in dieses Nein als überzeugter Jungsozialist hineingegangen, und bin aus diesem Nein als Gegner dieses Systems hervorgegangen. Sie haben mich zu ihrem Gegner erzogen, ich konnte gar nichts dafür.

Das ist die politische Ebene. Was passiert mit einem Jugendlichen, der eineinhalb Jahre vom Staat in die Mangel genommen wird?

Ich bin jahrelang mit einem Schuldkomplex durch die Gegend gelaufen. Ich habe mir vorgeworfen, mich selbst überhaupt mit dem System eingelassen zu haben. Ich habe das nur überlebt, weil ich in kirchliche Kreise kam, mit Freunden und Pfarrern, die mich auffingen. Doch erst, als mein erster Sohn 14 geworden ist - das war 2007! -, habe ich diesen Schuldkomplex richtig ablegen können. Denn erst da ist mir deutlich geworden, wie sehr man mit 14 Jahren noch ein Kind ist. Man selber nimmt sich ja in dem Alter nicht mehr als Kind wahr. Da ist mir erst bewusst geworden, was für eine traumatische Erfahrung das war. Dass das System da etwas Nachhaltiges mit mir gemacht hat und ich nicht schuld war.

"Honecker und seine Crew sind in der Zwischenkriegszeit hängengeblieben"

Hatte sich der DDR-Sozialismus für Sie nach den Gesprächen mit den Behörden erledigt?

Nein, so einfach war das nicht. Ich durfte dann zwar kein Abitur machen, ich bin Maurer geworden, habe als Pförtner gearbeitet, irgendwann an der Abendschule mein Abitur nachgemacht. Trotzdem habe ich mich als Linker verstanden, nicht als Antikommunist, Gott bewahre! Ich war fest davon überzeugt, wir brauchen einen demokratischen Sozialismus. Aber ich war mir immer klar: Wir leben nicht in einem sozialistischen Land. Wir leben in einer üblen Diktatur. Die da oben und die ihnen folgten waren keine Sozialisten, Kommunisten, davon war ich fest überzeugt bis 1989. In Anlehnung an faschistoid sprach ich von "ostoid".

War die Gewalt der DDR von Anfang an eingeschrieben? Immerhin verband sich mit dem Sozialismus oder Kommunismus auch die Idee eines besseren, gerechteren Systems.

Die leninistische Lesart des Marxismus im frühen 20. Jahrhundert ging davon aus, dass die Gesellschaft sich in Formationen bewegt und dass der Sozialismus/Kommunismus wie ein Naturgesetz den Kapitalismus ablöst und überwindet. Doch dafür brauchte es eine Partei neuen Typus, eine Avantgarde bewusster Menschen, die diesen Naturgesetze zum Durchbruch verhelfen würden. Das war die Geburtsstunde des Kriegskommunismus in der Sowjetunion. Und genau so sind die Volksdemokratien nach 1945 aufgebaut worden. Das Gebiet der DDR hatte für die Sowjetunion eine enorme strategische Bedeutung, das war der wichtigste Vorposten Moskaus und konnte mit Abstrichen auch nur ein Abbild davon sein. Die Gewalt, die dieser Diktatur zur Geburt verhalf, die gehörte inhärent zu diesem System, zu dieser Vorstellung von Herrschaft.

Aber hätte die DDR-Führung diese Linie nicht irgendwann aufgeben, demokratischer werden können? War die Tatsache, dass sie daran festhielt, eine reine Frage des Machterhalts oder der inneren Überzeugung?

Ich schreibe gerade an einer großen Ulbricht-Biografie, da geht es genau um diese Frage. Der kommunistische Teil der Arbeiterbewegung - und dem entstammen die DDR-Oberen - hat eine Grundsatzerfahrung gemacht: Kommunisten sind von Feinden umzingelt. Das ist nicht irgendein Hirngespinst, sondern eine ganz reale Erfahrung, schon im Ersten Weltkrieg, in der nationalsozialistischen Diktatur, auch als Emigranten. Dann kommen die Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg an die Macht. Sie sind fest davon überzeugt, dass sie die Avantgarde sind - und dass sie den Eben-noch-Nazis, mit denen sie in Deutschland konfrontiert sind, eine Grundlage bieten, damit sich deren Bewusstsein irgendwann verändert. Und Macht, die man hat, gibt man nicht mehr her, auch nicht durch Wahlen. Da hat sich Ulbricht ganz deutlich geäußert.

Und welche Rolle spielten diese Erfahrungen in der Endphase der DDR?

Dazu komme ich jetzt. In den Achtzigerjahren war Ulbricht längst tot, Honecker schon lang an der Macht und mittlerweile alt. Diese Crew um Honecker, die Altkommunisten, das sind Leute, die in der Weimarer Republik und der Nazizeit von ihren Idealen lebten und zehrten. Die sind in der Zwischenkriegszeit hängengeblieben. Die verstehen nicht, dass Menschen, die ein Dach über dem Kopf haben, satt sind und eine Arbeit haben, damit nicht zufrieden sind und mehr fordern. Und dass es Opfer gibt, dass Menschen für ihre Haltung drangsaliert und verfolgt werden, das war für jeden einzelnen der alten Führung in ihre eigene Lebensbiografie eingeschrieben. Alle haben das selber erlebt, das war nicht schön, aber das gehörte eben zum Klassenkampf dazu. Daher fanden sie es auch nicht schlimm, dass bei ihrem Aufbau einer neuen Gesellschaft Späne beim Hobeln vom Tisch fielen.

Die Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953, der Mauerbau 1961 waren also nur folgerichtig aus dieser Logik heraus?

Absolut, der Mauerbau war quasi ein Lerneffekt. Alle Faktoren, die im Vorfeld des 17. Juni eine Rolle spielten - Flucht, darniederliegende Wirtschaft, schlechte gesellschaftliche Atmosphäre -, das alles war im Vorfeld des 13. August 1961 noch dramatischer. Die Kommunisten haben übrigens in ihrem ganzen Territorium Mauern errichtet. Schauen Sie sich das Sowjetimperium an, das war überall von Stacheldraht und Mauern umgeben. Wir tun immer so, als ob die deutsche Mauer etwas ganz Besonderes gewesen wäre. Dabei war es eher erstaunlich, dass sie erst 1961 gebaut wurde.

Auch in der DDR wurde nicht durchgehend mit harter Hand regiert. Gerade in den Sechzigerjahren gab es doch auch eine lange Phase der inneren Entspannung, wo ausgelotet wurde, wie weit man gehen kann.

Da haben Sie recht. Das hat man immer wieder versucht, auch vor 1961 schon. Mit dem Mauerbau hatten die Herrschenden den Terrorhöhepunkt markiert - ein ganzes Volk wurde eingemauert und wer abhaute, wurde erschossen. Durch den Schritt wurde ein hohes Maß an Loyalität erzwungen, erkauft. Leistung fing an, sich zu lohnen, es gab eine neue Frauenpolitik, eine offenere Jugendpolitik, eine neue Wirtschaftspolitik wurde entworfen, Betriebe erhielten eine größere Flexibilität - das war Ulbrichts großes Werk. Er versuchte zudem, seine Politik zu entideologisieren, er baute neben dem Parteiapparat einen Apparat aus jungen Technokraten auf, so um Ende 20, Anfang 30, um die Gesellschaft zu modernisieren.

Warum stoppte dieser Reformprozess unter Ulbricht?

Die Liberalisierungstendenzen endeten schnell, spätestens dann mit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Honecker hat es Anfang der Siebzigerjahre noch mal versucht mit einer sehr großzügigen Kultur- und Sozialpolitik. Die Kulturpolitik scheiterte, als sie den regimekritischen Liedermacher Wolf Biermann aus der DDR schmissen. Und die Sozialpolitik führte die Wirtschaft ab Ende der Siebzigerjahre immer mehr in den Abgrund, weil Geld für notwendige Investitionen in eine sinnlose Subventionspolitik verschleudert wurde. Da ging Honecker nicht ran. Doch die Leute haben gesehen, was das hieß, eine billige Miete zu haben und es regnet ins Bett. Der Effekt der Systemstabilisierung schlug ins Gegenteil um.

Wenn man zum Vergleich nach Westdeutschland schaut: Die Bundesrepublik der Adenauer-Ära war ja auch ein anderer Staat, biederer und autoritärer als die Bundesrepublik der Achtzigerjahre. Warum gelang hier der Wandel?

Der große Unterschied besteht darin, dass die Adenauer-Zeit durch eine gesellschaftliche Reformbewegung von unten herausgefordert und modernisiert wurde. Natürlich gab es die politische Reformbewegung von Willy Brandt - "Mehr Demokratie wagen" -, aber die basierte auf einer gesellschaftlichen Basisbewegung in der Bundesrepublik, die zu verkürzt oft mit den 1968ern gleichgesetzt wird. Das ist der Ausdruck einer lebendigen demokratischen Gesellschaft, wenn sie sich entfalten kann. Genau das können wir in der Bundesrepublik immer wieder beobachten, dass selbst die Gegenkräfte in das System integriert werden und es gestalten und irgendwann vielleicht selber diejenigen sind, gegen die sich neue Antikräfte richten. Ein schönes Beispiel ist zum Beispiel die Punk-Bewegung, die so kommerzialisiert wurde, dass sie fast schon zum Mainstream wurde.

Und in der DDR?

Das, was wir in den kommunistischen Staaten beobachten, waren hingegen immer Herrschaftskämpfe am Hofe, die losgelöst waren von den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Denn da waren sich in der Führung ja immer alle einig, dass man die gesellschaftlichen, basisdemokratischen Kräfte unterdrücken müsse, dass man die nicht zum Zuge kommen lassen dürfe. Da liegt die Begrenzung dieser systemimmanenten Reformen.

"Überall Ruinenlandschaften - nichts funktionierte mehr"

Warum wurde der Wunsch nach Wandel in der DDR gerade in den Achtzigerjahren so groß?

Die wirtschaftliche Misere und deren soziale Folgen, also die Verelendung der Gesellschaft wurde damals allerorten sichtbar. Sie brauchten nur in die Innenstädte zu fahren, um zu sehen, dass etwas nicht stimmte: überall Ruinenlandschaften, heruntergekommene Wohnquartiere, nichts funktionierte mehr - das war eine alltägliche Erfahrung der meisten Menschen in der DDR. Die Rentner wurden immer ärmer, das Gesundheitswesen kam nicht mehr hinterher, die Lebenserwartung fiel entgegen dem internationalen Trend leicht ab. Der sichtbarste Krisenausdruck war, dass die Anzahl derjenigen zunahm, die das Land verlassen wollten, die einen Ausreiseantrag stellten.

Und dann kam 1985 Gorbatschow in der Sowjetunion an die Macht.

Genau, und der wollte das System mit Glasnost und Perestroika reformieren, ausgerechnet in Moskau. Das hatte eine unglaubliche Ausstrahlung. Es schuf eine Klammer um all jene, die aus unterschiedlichen Gründen auf Veränderungen in der DDR hofften. Und es trug erheblich dazu bei, die Macht- und Herrschaftsinstitutionen von innen aufzuweichen. Dass die SED-Riege unerbittlich ihren Kurs weiterfuhr und beispielsweise das sowjetische Magazin Sputnik verbot, all das führte dazu, dass die kritischen Debatten auch die SED-Parteibasis erreichten, selbst die Stasi. Die Initiatoren der Revolution von 1989 waren nur eine kleine Minderheit. Aber eine Revolution gewinnt eben nicht gegen ein starkes Regime, sondern nur gegen ein schwankendes, in Auflösung begriffenes.

Als ein konkreter Ausgangspunkt der Proteste werden häufig die gefälschten Ergebnisse der Kommunalwahlen im Mai 1989 genannt. Warum riefen sie so große Empörung hervor? Die Wahlen in der DDR wurden doch zuvor auch schon manipuliert.

Die besondere Bedeutung lag zum einen darin, dass die Opposition zeigen konnte, dass sie relativ flächendeckend in der DDR existierte - denn nur dadurch war auch eine flächendeckende Auszählung möglich. Das war ein deutliches politisches Zeichen. Zum anderen war es so ähnlich wie beim Sputnik-Verbot Ende 1988: Die eigentliche Erschütterung erzeugte der Nachweis der Wahlfälschung nicht bei den Kritikern und Oppositionellen, die ohnehin wussten, dass das alles eine Farce ist, sondern in den systemloyalen Kreisen. Ihnen wurde 1989 vor Augen geführt, dass die Wahlen systematisch gefälscht worden waren - und das konnte nur passieren, wenn es dazu Anweisungen gab.

Selbst die meisten Oppositionsgruppen in der DDR strebten 1989 aber keine Revolution, sondern eine Erneuerung des Sozialismus an. Warum wollten die Regimegegner nicht mehr?

Niemand auf der Welt konnte sich damals vorstellen, dass Moskau über Nacht seinen strategischen Vorposten im Westen für einen Appel und ein Ei aufgeben würde. Das ist wichtig zu betonen, weil es zeigt, warum eben auch die DDR-Bürgerrechtsbewegung in diesem Rahmen dachte und arbeitete - es waren Realisten und keine idealistischen Spinner.

Wenn Sie heute zurückblicken: Inwiefern unterscheidet sich Ihre Sichtweise der Ereignisse damals von der, die Sie heute als Historiker haben?

Ende der Achtzigerjahre war der Sozialismus für mich durch meine Erfahrungen in der Diktatur vollkommen diskreditiert. Bis 2008 hätten Sie zum Beispiel aus meinem Mund kaum das Wort "Kapitalismus" negativ konnotiert gehört. Erst durch die Finanzkrise hat sich das wieder verändert. Doch in der großen Linie gibt es bei mir Kontinuität. Ich habe die DDR als eine harte, unversöhnliche Diktatur erlebt, in der man gut leben konnte - aber nur, solange man sich nicht selbständig bewegte. Ich lebe jetzt seit 30 Jahren angstfrei. Ich lebe in einer Welt, die mir vor 30 Jahren unvorstellbar vorkam. Ich habe nur gewonnen. Für mich ist Freiheit nicht ein Zugewinn, sondern der Ausgangspunkt von allem anderen.

Und wie beurteilen Sie es, wenn diese Freiheit sich in der Ablehnung von allem vermeintlich Fremdem, Nichtdeutschen äußert?

Es wird jetzt viel diskutiert, wie Ostdeutschland dahin gekommen ist, wo es heute steht. Wie können wir Populismus, wie können wir Rechtsradikalismus, Neofaschismus, Illiberalismus, Nationalismus, Rassismus erklären? Das sind alles keine Randphänomene. Die sind ja viel präsenter als es Wahlergebnisse und Statistiken zeigen. Ich denke, hier kommt vieles zusammen: die Transformationserfahrung, die Diktaturerfahrung aus der DDR, aber auch viel längerfristige Entwicklungen, den unaufgearbeiteten Nationalsozialismus, Rassismus und Nationalismus. Und auch die Staatsgläubigkeit, die im Osten so extrem ausgeprägt ist. Die wird jetzt durch die AfD repräsentiert, zumindest früher hatte auch die PDS/Linkspartei ein ähnliches Verständnis von einem starken Staat. Und man muss die Folgen der Globalisierung in den Blick nehmen, die Ostdeutschland besonders hart getroffen hat, weil innerhalb einer Erwerbsbiografie zum zweiten Mal ein großer Umbruch zu erleben war - das ist sehr ungewöhnlich. Die meisten Westdeutschen kannten das zuvor gar nicht, einen so massiven Umbruch als Kollektiverlebnis.

Was kann der Westen vom Osten heute lernen?

Wenn man heute in den Osten schaut, hat manches so eine Art Laborfunktion. Vieles, was dort geschehen ist, ist anderswo auch geschehen, aber nicht in der Heftigkeit und der Schnelligkeit. Parteipolitisch, sozialpolitisch und soziokulturell scheint mir Ostdeutschland bei vielem sogar eine Schrittmacherrolle übernommen zu haben. Und das ist keine Beruhigungspille. Es sollte eher ein Alarmsignal für uns sein, was woanders drohen könnte, wenn wir nicht aufpassen und an bestimmten Stellen das Ruder endlich herumreißen.

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