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Corona und Klima:Wie die Pandemie das Klima schützt - und bedroht

Wenn Kohle, Öl und Gas verbrannt werden, entstehen Stickstoffdioxide und verpesten die Luft. Diese beiden Aufnahmen hat ein Nasa-Satellit Anfang Januar sowie im Februar über China und Korea gemacht. Weil die Behörden wegen Corona viele Fabriken geschlossen hatten, war der gelb markierte Dreck über dem Großraum Peking, über Shanghai sowie Seoul zum großen Teil verschwunden.

(Foto: NASA; Bearbeitung SZ)
  • Während der Coronavirus-Pandemie rückt die Klimakrise in den Hintergrund.
  • In Industrie und Politik werden bereits Stimmen laut, die bisherige Umweltschutzmaßnahmen zugunsten der Wirtschaft zurückdrehen wollen.
  • Klimaexperten warnen jedoch davor, Zeit zu verspielen und fordern Investitionen in nachhaltige Technologien.

Von Michael Bauchmüller und Marlene Weiß

Kürzlich machte sich Anthony Fauci, bewaffnet mit einer Powerpoint-Präsentation, auf den Weg zu seinem Präsidenten. Fauci, dieser Tage Amerikas wichtigster Immunologe und Mitglied des Corona-Stabs im Weißen Haus, hatte alle möglichen bunten Kurven vorbereitet. Einige davon zeigten steil nach oben: Das war die Zahl möglicher Todesopfer in den USA, sollte Donald Trump auf einschneidende Maßnahmen verzichten. "Wir haben auf ihn eingeredet", erzählte Fauci später. "Und er hat zugehört." Trump habe die Zahlen angeschaut, sie verstanden, den Kopf geschüttelt. "Dann sagte er: Ich schätze, wir müssen das machen." Und so geschah es. Der Präsident lenkte ein.

Wenn das immer so einfach wäre: Politisches Spitzenpersonal, das Zahlen anschaut, versteht - und sich dann zum Kurswechsel entscheidet. Mehr als ein Jahr lang war das auch eine der Hauptforderungen der Klimaproteste: "Listen to the science!", hört auf die Wissenschaft. Schaut die Kurven an und handelt.

Doch seit ein Virus die Welt in Atem hält, ist die Klimakrise in den Hintergrund gerückt. Die Proteste verlagern sich in Chatrooms, und auf die Wissenschaft wird zwar gehört - aber einstweilen nur auf die der Virenexperten. "Es ist ganz selbstverständlich, dass alle das Coronavirus als Priorität sehen", sagt Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan. Fakt sei allerdings auch, dass der Klimawandel noch stattfindet. "Eine Krise macht die andere nicht weg oder kleiner."

Deutschland könnte sein Klimaziel für 2020 doch erreichen

Jedenfalls nicht langfristig. Auf kurze Sicht freilich dürften die CO₂-Emissionen global einbrechen wie lange nicht. Noch ist das volle Ausmaß schwer abzusehen. Der britische Klima-Informationsdienst Carbon Brief schätzt den Rückgang aufgrund von Corona in einer detaillierten Analyse auf mindestens 1600 Millionen Tonnen CO₂, das wären etwa vier Prozent der globalen Emissionen von 2019. Rob Jackson, wissenschaftlicher Leiter des renommierten Global Carbon Projects, hält sogar mehr als fünf Prozent für möglich. Beides würde den stärksten Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg bedeuten - nach der Finanzkrise 2009 waren es nur 1,4 Prozent. Der CO₂-Ausstoß in Deutschland könnte nach Berechnungen des Instituts Agora Energiewende durch die Krise um etwa vier bis zwölf Prozent zurückgehen. Hinzu kommt der milde, windreiche Winter, sodass das schon verloren geglaubte Klimaziel für 2020 doch noch erreicht werden dürfte.

Aber Grund zum Feiern? "Weniger CO₂-Emissionen sind gut für das Klima", sagt zwar auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). "Aber natürlich ersetzen wirtschaftliche Einbrüche niemals eine vernünftige Klimaschutzstrategie." Stattdessen gehe es nun darum, "Klimaschutz und Prosperität miteinander zu verbinden". Machbar sei das, findet sie: "Wenn wir den Weg aus der Corona-Krise auch dazu nutzen, klimaverträgliche und nachhaltige Wirtschaftsstrukturen zu fördern."

Wie sich das Virus langfristig aufs Klima auswirkt, hängt damit vor allem von den Schritten zur Überwindung der ökonomischen Krise ab - und damit auch von den milliardenschweren Konjunkturpaketen, die dafür absehbar geschnürt werden. In einem aktuellen Thesenpapier entwerfen die Agora-Experten Eckpunkte eines Klima-Konjunkturprogramms mit einem Volumen von 100 Milliarden Euro, das die Wirtschaft ankurbeln und zugleich die Emissionen dauerhaft verringern soll. Dazu gehört eine Senkung des Strompreises, Hilfen für die Anschaffung klimaneutraler Anlagen in der Stahl- und Zementindustrie oder die Förderung von "Sanierungsfabriken", die Wohnungen standardisiert, schnell und billig energetisch auf Vordermann bringen sollen.

Es wäre eine Chance, würde nach der Krise in klimafreundliche Technik investiert

Aber es kann eben auch ganz anders laufen - wie in der Krise 2009, als eine Bundesregierung mit Abwrackprämien für alte Autos den Autokonsum ankurbelte und Milliarden in neue Straßen steckte. "Die Schlüsselfrage ist jetzt: Gewinnen wir Zeit, oder verlieren wir sie?", sagt Christoph Bals, Klimaexperte der Entwicklungsorganisation Germanwatch. Immerhin seien die meisten alternativen Technologien, anders als 2009, mittlerweile marktfähig. Fließe das Geld dahin, könne das den Weg in eine klimafreundliche Zukunft beschleunigen. "Wenn es aber in alte Technologien geht und damit deren Lebensdauer verlängert", sagt Bals, "dann wirft uns diese Krise um Jahre zurück."

Zumal es Umwelt- und Klimapolitik in Krisen ohnehin nie leicht haben. In den USA etwa setzte Donald Trump Ende März strikte Verbrauchsvorgaben für Autos aus. Es brauche "die richtige regulatorische Balance zwischen der Umwelt, der Autoindustrie, der Wirtschaft und amerikanischen Familien", sagte dazu Andrew Wheeler, Chef der US-Umweltbehörde, "jetzt mehr denn je." Auch Europas Autoindustrie hat schon erste Zweifel an neuen Klimaschutz-Auflagen der EU laut werden lassen.

Aus der CDU kommen Forderungen, die Wirtschaft zu schonen

Und in Deutschland empfiehlt der Wirtschaftsrat der CDU nun eine Inventur der Umweltgesetzgebung. "Nach der Corona-Krise müssen wir prinzipiell alle Sonderbelastungen der deutschen Wirtschaft auf den Prüfstand stellen, die einer Erholung und einer Anknüpfung an unsere bisherige Stärke im Wege stehen", sagt Wolfgang Steiger, der Generalsekretär des Rates. Dazu zählten auch Sonderwege in der Klima- und Energiepolitik, "durch die eine De-Industrialisierung droht". Auf europäischer Ebene solle sich die Bundesregierung zudem "für eine zeitliche Streckung der klimapolitischen Zielvorgaben einsetzen".

Wie es anders gehen kann, macht Südkorea vor. Sowohl mit dem Ausbruch des Coronavirus als auch mit seiner Bewältigung liegt das Land einige Wochen vor den Europäern - und nun auch mit der Antwort auf die Krise. Auf Druck nicht zuletzt von Umweltschützern legte die Regierung im März Pläne für einen "Green Deal" vor, bis 2050 soll er den achtgrößten Klimasünder der Welt treibhausgasneutral machen. Koreas Weg aus der Corona-Krise würde damit klimafreundlich. Und kommende Woche wird in Südkorea gewählt.

Die EU-Kommission will an ihrem Green Deal festhalten

So ähnlich stellt sich das auch Brüssel vor. Einen Green Deal will auch die Kommission eingehen, er ist eines der Kernprojekte ihrer Präsidentin Ursula von der Leyen. Der Klimaschutz soll, neben der Digitalisierung, beim "Wiederaufbau eine ganz zentrale Rolle spielen", sagt von der Leyen. Zehn EU-Umweltminister sehen das auch so. Am Donnerstag verlangten sie in einem Brief an die Kommission, gerade jetzt den Green Deal zu forcieren. Europa müsse "ein starkes Signal an die Welt und unsere Bürger senden, dass die EU selbst in schwierigen Zeiten vorangeht", fordern sie. Eine Unterschrift aus Deutschland fehlt. Ohnehin gibt es auch ganz andere Stimmen. Tschechiens Premier Andrej Babiš etwa rät, den Green Deal zu vergessen - wegen Corona. "Es gibt Dringenderes!", schallt es auch, wenig überraschend, aus der AfD.

Längst hat Corona auch die globale Klimadiplomatie in Mitleidenschaft gezogen. Eigentlich sollten bis November alle Staaten neue, höhere Klimaziele vorlegen, beim Klimagipfel in Glasgow. Doch die Konferenz ist verschoben worden. Das freilich ändere nichts daran, sagt Germanwatch-Mann Bals, dass es rasch neue Ziele braucht, auch aus der EU. Falls dann noch im November Donald Trump als US-Präsident abgewählt werde, "kann der nachgeholte Klimagipfel sogar ein großer klimapolitischer Aufbruch werden".

So ist das mit dem Klimaschutz in Zeiten des Virus: Er ist in die zweite Reihe gerückt, aber noch ist nichts verloren. "Meine Hoffnung ist, dass die Politik auch in der Klimakrise beginnt, den Wissenschaftlern zuzuhören und deren Empfehlungen umsetzt", sagt Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan. Corona habe die Schwächen des derzeitigen ökonomischen Systems enthüllt, und es biete die Chance, Dinge grundlegend zu ändern. "Was wir gerade erleben", sagt Morgan, "ist ein Moment für unsere Zukunft."

© SZ vom 11.04.2020/thba
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