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Neuer Lockdown in England:"Die Wochen vor uns werden die schwierigsten sein"

Eine Mutation des Coronavirus führt in Großbritannien zu massiv steigenden Infektionszahlen, zuletzt fast 60 000 an einem Tag. Premier Johnson verhängt harte Maßnahmen für England. Bis Mitte Februar bleiben die Schulen geschlossen.

Von Alexander Mühlauer, London

Noch am Sonntag saß Boris Johnson in der "Andrew Marr Show" der BBC und machte allen Eltern Mut, ihre Kinder nach den Weihnachtsferien wieder in die Schule zu schicken. Er habe "keinen Zweifel" daran, dass es dort sicher sei, sagte der britische Premierminister. Und so öffneten am Montag zumindest die Einrichtungen in all jenen Landesteilen, wo es die Infektionszahlen nach Meinung der Regierung erlaubten.

Allerdings nur für diesen einen Tag.

Am Montagabend vollzog Johnson nämlich eine Kehrtwende und verkündete in einer Fernsehansprache einen harten Lockdown für ganz England. Für die Schulen bedeutet das: Sie bleiben geschlossen - und zwar bis Mitte Februar.

Johnson entschuldigte sich für den plötzlichen Sinneswandel, aber das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Premier in der Corona-Krise einmal mehr als Getriebener wirkte. Er habe "alles versucht", damit die Schulen weiter geöffnet bleiben können, sagte Johnson. Warum Kinder jedoch für einen Tag ins Klassenzimmer kommen sollen, um dann am folgenden Tag wieder zu Hause zu bleiben, konnte er nicht erklären. Und auf die Gefahr, dass dadurch Viren übertragen werden könnten, ging Johnson gar nicht erst ein.

Der Premierminister kündigte am Montagabend also das an, was seine wissenschaftlichen Chefberater schon seit Längerem forderten. "Wir müssen in England einen Lockdown verhängen, um die neue Corona-Variante in den Griff zu bekommen", sagte Johnson. Und wandte sich direkt an die Bürgerinnen und Bürger: "Das bedeutet, dass Sie zu Hause bleiben müssen."

Der Premier zeichnete ein dramatisches Bild der Lage. Die in Großbritannien entdeckte Corona-Mutation namens VUI-202012/01 sei bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher gängige Variante. Und sie verbreite sich in "frustrierender und alarmierender Weise", sagte Johnson. Die Zahlen sind jedenfalls alarmierend. Am Montag meldete Großbritannien 58 784 Neuinfektionen binnen 24 Stunden - so viele wie nie zuvor. Innerhalb einer Woche sind die Fallzahlen um fast 50 Prozent gestiegen. Die Inzidenz pro 100 000 Einwohner liegt nun bei knapp 490. Doch das ist nur der Durchschnitt. Im Großraum London gibt es mittlerweile Bezirke, die einen mehr als doppelt so hohen Wert verzeichnen.

Patienten werden auf Fluren versorgt

Britischen Medienberichten zufolge kommen die Krankenhäuser in der Hauptstadt an ihre Kapazitätsgrenzen. Patienten werden demnach auf Fluren untergebracht oder müssen stundenlang in Krankenwagen warten, bis ein Bett frei wird. Die Zahl der Menschen, die mit Corona-Symptomen in Krankenhäusern behandelt werden, stieg innerhalb einer Woche um 30 Prozent. Auch die Zahl jener, die am Coronavirus gestorben sind, stieg weiter an. Allein am Montag meldete die Regierung 407 Tote. Das entspricht einer Steigerung von 20 Prozent binnen einer Woche.

In England gilt nun wieder die Aufforderung, die Johnson schon beim ersten Lockdown im März überall plakatieren ließ: "Stay at home". Wie im Frühjahr dürfen die Bürgerinnen und Bürger ihr Zuhause nur verlassen, wenn sie lebensnotwendige Besorgungen machen müssen. So bleiben etwa Supermärkte, Apotheken und Banken geöffnet. Restaurants dürfen weiter Take-away-Essen anbieten, allerdings keinen Alkohol mehr verkaufen. Im Gegensatz zu Schottland können Eltern in England ihre Kinder weiter in die Kitas bringen. Auch Spielplätze bleiben, anders als beim Lockdown im Frühjahr, geöffnet. Zur Arbeitsstelle darf man nur, wenn es einem unmöglich ist, im Home-Office zu arbeiten. Einmal am Tag darf man ins Freie, um Sport zu treiben oder spazieren zu gehen.

Johnson erklärte bei seiner Fernsehansprache, dass er den Frust der Bevölkerung angesichts der harten Beschränkungen verstehe. Er rief die Bürgerinnen und Bürger zu einer letzten gemeinsamen Kraftanstrengung auf. "Die Wochen vor uns werden die schwierigsten sein", sagte der Premier. "Aber ich bin überzeugt, dass wir in die letzte Phase des Kampfes eintreten, denn mit jeder Impfung, die in unsere Arme gespritzt wird, wenden wir das Blatt - gegen Covid und zugunsten des britischen Volkes."

Im Vereinigten Königreich wurden bereits etwa eine Million Menschen gegen das Coronavirus geimpft. Am Montag erhielt der 82 Jahre alte Dialyse-Patient Brian Pinker aus Oxford in der dortigen Uniklinik als Erster das heimische Vakzin der Universität Oxford und des Pharmakonzerns Astra Zeneca. Bereits seit vier Wochen wird in Großbritannien der Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und des US-Konzerns Pfizer eingesetzt. Johnson kündigte bei seiner Fernsehansprache an, dass bis Mitte Februar alle über 70-Jährigen geimpft sein sollen. Vorausgesetzt, es laufe alles nach Plan.

© SZ/mane
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