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Bildung:Auf Abstand bedacht

Coronavirus - Homeschooling in Niedersachsen

Wann hat der Esstisch endlich ausgedient für Schulaufgaben? Mädchen im Homeschooling.

(Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Querlüften, Kohortenbildung, OP-Masken - an welche Bedingungen die Bundesbildungsministerin in Zukunft die Öffnung von Schulen geknüpft sehen möchte.

Von Viktoria Spinrad und Berit Uhlmann

Seit sechs Wochen sind die Schulen geschlossen, mehr oder weniger jedenfalls. 8,3 Millionen Schülerinnen und Schüler sind im sogenannten Homeschooling, im Wechselunterricht oder, wie es in der Sprache der Bildungsbürokraten heißt, in der Fernbeschulung. Und alle fragen sich: Wann kehrt die Normalität zurück, wann ist allgemeiner Präsenzunterricht wieder möglich? Mit dem Rückgang der Corona-Infektionen in den vergangenen Wochen fordern immer mehr Eltern, die Schulen wieder zu öffnen.

Das habe in der Tat "hohe Priorität", sagt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), als sie am Montag Empfehlungen zur Schule in Pandemiezeiten vorstellt. "Wir haben Ihnen viel zugemutet", fügt sie an Eltern und Lehrer gewandt hinzu. Dennoch mahnt sie angesichts der noch immer hohen Infektionszahlen und der neuen Virusvarianten zur Vorsicht. Nur nichts übereilen, so könnte man ihr unausgesprochenes Credo zusammenfassen. Alles also weiter offen.

Und was sollen die Empfehlungen? Sie sind sozusagen ein Zukunftsentwurf. Dann, wenn die Klassenzimmer irgendwann wieder öffnen, dann würden noch immer Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen erforderlich sein. Und für diese gibt es nun erstmals einheitliche wissenschaftliche Empfehlungen, eben die Leitlinie, welche die Ministerin am Montag präsentiert. Es ist die erste S3-Leitlinie zu jenen Maßnahmen, die Übertragungen von Sars-CoV-2 an Schulen verhindern sollen. S3 ist die höchste Klasse einer Leitlinie; sie setzt ein besonders umfangreiches und systematisches Vorgehen voraus.

Für die Empfehlungen haben die Autoren um Eva Rehfuess von der Pettenkofer School of Public Health an der LMU München neben Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen auch Vertreter der wichtigsten Betroffenen konsultiert: Schüler, Eltern, Lehrer und Mitarbeiter von Schul- und Gesundheitsämtern waren einbezogen.

FFP2-Masken empfehlen die Fachleute nur bei Lehrern und Schülern mit hohem Risiko

Am Ende dieses Prozesses empfahlen die Beteiligten einstimmig, dass Schüler und Lehrer im Unterricht zumindest Alltagsmasken tragen sollten. Die Gesichtsbedeckung reduziert die Übertragung von Sars-CoV-2, schadet aber nach allem, was man weiß, nicht, heißt es in der Leitlinie. Ausnahmen sollen möglich sein, wenn die Infektionszahlen niedrig sind. Skeptischer war die Expertenrunde, ob FFP2-Masken im Unterricht eine gute Idee seien. Sie verweist darauf, dass es derzeit keine speziell für Kinder angepassten Masken dieses Typs gibt und die Kosten deutlich höher sind als bei den simpleren Produkten. Dieser Schutz wird daher nur jenen Schülern und Lehrern empfohlen, die ein hohes Risiko für schwere Covid-Verläufe tragen. "Der Nutzen überwiegt hier", sagt die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill. Für den Schulbus und andere öffentliche Verkehrsmittel auf dem Schulweg wird zu OP-Masken geraten.

Zudem solle regelmäßiges Lüften unbedingt beibehalten werden, obgleich das gerade im Winter für manche Eltern ein Reizthema ist. Zwar gibt es keine umfangreichen Untersuchungen zu dieser Praxis in den Klassenzimmern. Dennoch ist naheliegend, dass mit dem Durchzug - in der Fachsprache Querlüften genannt - auch die Aerosole mit ihrer potenziell infektiösen Fracht ins Freie befördert werden. Zudem kostet Lüften nicht viel, sodass die Vorteile den Experten zufolge schwerer wiegen als eventuelle Akzeptanzprobleme. Die Leitlinie sieht vor, dass Fenster und Türen jeweils für drei bis fünf Minuten offen stehen. Im Winter sollte alle 20 Minuten, im Sommer ruhig öfter gelüftet werden. Zusätzlich mobile Luftreiniger aufzustellen, halten die Leitlinienautoren für erwägenswert. Auch diese Geräte wirken Ansteckungen wahrscheinlich entgegen, verursachen auf der anderen Seite jedoch Lärm und hohe Kosten, verbrauchen viel Energie und sind damit nicht gerade umweltfreundlich.

Sportunterricht soll grundsätzlich stattfinden

So lange das Infektionsgeschehen stark ist, sieht die Leitlinie weiterhin eingeschränkten Unterricht vor. Die Schulen sollten nur für bestimmte Jahrgänge oder für halbe Klassen geöffnet sein. Die Autoren bewerteten dabei den Infektionsschutz höher als die potenziell negativen Faktoren, etwa Belastungen in den Familien und eingeschränkte Bildungschancen. Bei geringer Inzidenz sollte Präsenzunterricht jedoch nach Möglichkeit im vollen Umfang gestartet werden. Die Kohortierung - also die Beschränkung sozialer Kontakte innerhalb der Schule auf kleinere, feste Gruppen - halten die Experten auch unabhängig vom aktuellen Infektionsgeschehen für einen sinnvollen Schritt.

Die Leitlinienautoren sprechen sich zudem dafür aus, den Sportunterricht grundsätzlich beizubehalten. Voraussetzung ist, dass die Leibesübungen in kleinen, festen Gruppen im Freien stattfinden. Dann seien auch keine Masken nötig. In Innenräumen sollten die Kinder nur mit Abstand und guter Lüftung turnen. Ins Gewicht fiel bei dieser Entscheidung insbesondere, dass körperliche Aktivität grundsätzlich einen gesundheitlichen Nutzen hat.

Einhellig sprechen sich die Experten für den Musikunterricht aus. Sie empfehlen aber, besser nicht zu singen und auf Blasinstrumente zu verzichten. Große Ausbrüche in Chören sowie einige Studien hatten Hinweise darauf gegeben, dass diese Aktivitäten eine höhere Ansteckungsgefahr bergen, weil dabei wohl besonders viele potenziell infektiöse Aerosole in die Umgebungsluft gelangen und dort unter Umständen für längere Zeit bleiben. Berliner Forscher zeigten zum Beispiel, dass 13-Jährige beim Singen mehr Aerosole ausstoßen als beim Sprechen. Ein Kompromissvorschlag, Gesang und Trompeten ins Freie zu verlegen oder lediglich im Rahmen von Einzelunterricht anzubieten, fiel bei den Entscheidern der Leitlinie knapp durch.

Die Frage, wann und unter welchen Umständen Schulen überhaupt wieder öffnen sollten, war dagegen nicht Gegenstand der Leitlinie. Die Autorinnen und Autoren wollen ihre Empfehlungen auch nicht als Voraussetzung für Schulöffnungen verstanden wissen. Ihre Aussage sei lediglich, so Eva Rehfuess: "Wenn die Schulen aufmachen, dann mit diesem Konzept."

In dem Konzept, das betonen die an der Leitlinie Beteiligten, sind nicht die Einzelmaßnahmen entscheidend, sondern ihr Zusammenwirken als Paket. Für die einzelnen Interventionen ist die wissenschaftliche Evidenz niedrig, wie die Autoren auch selbst einräumen. Die Erkenntnisse stammen oft nur aus Modellierungen, die sich nicht exakt auf das Leben im Klassenzimmer übertragen lassen. Grund für die schwächere Evidenz der untersuchten Maßnahmen ist vor allem, dass sich große, bevölkerungsweite Interventionen nicht mit den gleichen strengen Methoden untersuchen lassen wie etwa ein neuer Fiebersenker. Das gilt umso mehr, wenn diese Maßnahmen im Bündel zusammenwirken.

Die Leitlinie soll regelmäßig aktualisiert werden

Dennoch ist es möglich, auch solche Maßnahmen zuverlässig einzuschätzen; als Basis dienen die Summe direkter und indirekter Hinweise, Plausibilität, bewährte Prinzipien sowie die vielfältigen Erfahrungen der beteiligten Experten. Somit kann eine Leitlinie selbst bei geringer oder lückenhafter Evidenz Empfehlungen geben, sagen die Mitautorinnen Lisa Pfadenhauer und Brigitte Strahwald von der LMU. "Voraussetzung ist dabei stets, dass ein strukturierter, transparenter, nachvollziehbarer Prozess eingehalten wird." Wenn die Evidenz nicht ausreiche, werde sie durch einen Expertenkonsens ausgeglichen.

Die Einbeziehung ganz unterschiedlicher Fachleute erlaube zudem, neben den gesundheitlichen Wirkungen auch Kriterien wie Machbarkeit und Akzeptanz, gesundheitliche Chancengleichheit sowie soziale, wirtschaftliche und ökologische Folgen einzuschätzen. Sicher ist jetzt schon, dass diese Leitlinie nicht die letzte bleiben soll. Es ist vorgesehen, sie regelmäßig zu aktualisieren.

Derweil sieht Karliczek noch einen längeren Weg in Richtung Normalität vor den Schülern und Eltern. "Es ist wie bei einem langen Schulweg", sagt sie am Montag in Berlin: Wichtig sei dabei vor allem eines: "Dass alle sicher und in dieselbe Richtung gehen."

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