Coronavirus:Wie sinnvoll ist der Abschied von der Inzidenz?

Coronavirus - Recklinghausen

Es werden voraussichtlich anteilig weniger Menschen in Intensivstationen behandelt werden müssen, als in den vorhergegangenen Pandemiewellen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Zahl ist ein zuverlässiger Vorhersagewert für die Belegung in den Krankenhäusern und Intensivstationen. Doch einige Bundesländer wollen sich künftig nach anderen Werten richten.

Von Peter Burghardt, Hamburg, Hanno Charisius und Christina Kunkel, Stuttgart

Nach den neuen Beschlüssen von Bund und Ländern zu weiteren Corona-Regeln ist klar: Für Ungeimpfte wird es bald komplizierter. Doch wie und wann sich für sie etwas ändert, wird wohl erneut mühsam den Corona-Verordnungen der einzelnen Länder zu entnehmen sein. Denn obwohl in der Ministerpräsidentenkonferenz am Dienstag noch festgelegt wurde, dass die Sieben-Tage-Inzidenz weiter ein wichtiger Faktor zur Beurteilung der Pandemie-Lage sein soll - ab einem Wert von 35 sollen Tests für Ungeimpfte vom 11. Oktober an verpflichtend sein -, basteln viele Landesregierungen bereits an ihren eigenen Regeln, mal mit, mal ohne Inzidenz als Kriterium. Und auch die Frage, wann Ungeimpfte selbst für ihren Test als Zugangsvoraussetzung für bestimmte Bereiche zahlen müssen, hängt wohl schon bald davon ab, wo in Deutschland man sich gerade befindet.

In Baden-Württemberg will man sich schon vom kommenden Montag an nicht mehr nach der Zahl der Neuinfektionen richten. Aus dem Gesundheitsministerium hieß es dazu: "Wir machen alles möglich für Geimpfte." In der neuen Corona-Verordnung, die jetzt schnellstens ausgearbeitet werden soll, wird demnach die Sieben-Tage-Inzidenz nicht mehr als ordnungspolitisches Instrument auftauchen. Das bedeutet eine radikale Kehrtwende: Auch falls die Inzidenz in den nächsten Wochen noch mal in den dreistelligen Bereich schießen sollte (am Donnerstag lag sie bei 21), würde das für die Menschen keinerlei Einschränkungen mehr zur Folge haben - sofern die Krankenhäuser noch genug Platz für Corona-Patienten haben. Welche Parameter genau herangezogen werden, um die Lage zu beurteilen, wird erst in einer weiteren Verordnung stehen, die von Mitte September an gelten soll.

Bis dahin heißt es: Auch drinnen dürfen wieder Veranstaltungen ohne Personenobergrenze stattfinden, das gilt auch für Clubs und Diskotheken. Und teilnehmen darf daran erst einmal jeder - egal ob geimpft oder nicht. Dort, wo in Innenräumen Abstand nicht möglich ist - etwa bei Konzerten, Theateraufführungen, in Clubs und Diskotheken - soll für Ungeimpfte ein PCR-Test notwendig sein. Bei der Innen-Gastro, bei Friseuren und körpernahen Dienstleistern soll ein Antigenschnelltest ausreichen. Der Haken für alle ohne Impfnachweis: Für den PCR-Test müssen sie selbst zahlen, etwa 30 bis 50 Euro. Der Schnelltest ist vorerst kostenlos.

Auch Niedersachsen und Bremen distanzieren sich vom Inzidenzwert

Auch Niedersachsen will künftig nicht mehr allein die Sieben-Tage-Inzidenz zum Maßstab nehmen, sondern weitere Kriterien wie die Zahl der Corona-Patienten in den Krankenhäusern verwenden. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) war enttäuscht vom Ergebnis der Bund-Länder-Konferenz, sein Bundesland hat sich eigene Regeln vorgenommen. Demnach soll der bisherige Stufenplan vom 25. August an durch eine neue Corona-Verordnung ersetzt werden. Für Geimpfte oder Genesene dürften die Inzidenzen dann kaum mehr eine Rolle spielen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sei vollständig geimpft, erklärte Jörg Mielke, Chef der niedersächsischen Staatskanzlei. "Für die kann man eigentlich weitgehende Einschränkungen des Lebens infektionsrechtlich und verfassungsrechtlich nicht mehr rechtfertigen." Als weiteres Bundesland kündigte Bremen an, ein eigenes Konzept zu entwickeln, an welchen Parametern man sich in Zukunft orientieren will. Auch dort deutet sich eine Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz als Hauptrichtwert an.

Derweil werden an anderen Orten wieder Regeln verschärft, weil die Infektionszahlen steigen. Während also in Baden-Württemberg bald unabhängig von der Inzidenz die Clubs voll sein dürfen, müssen diese etwa in Bonn gerade wieder komplett schließen.

Doch wie sinnvoll ist das? Die Sieben-Tage-Inzidenz bleibt ein zuverlässiger Vorhersagewert für die Belegung in den Krankenhäusern und Intensivstationen. Das zeigt eine Untersuchung des Physikers Andreas Schuppert von der RWTH Aachen zusammen mit Christian Karagiannidis und Steffen Weber-Carstens, die das Divi-Intensivregister leiten, das die Zahl der in Deutschland belegten Intensivbetten überwacht. Es werden jedoch voraussichtlich anteilig weniger Menschen dort behandelt werden müssen als in den vorhergegangenen Pandemiewellen. Eine Überlastung des Gesundheitssystem droht demnach erst bei deutlich höheren Fallzahlen als in der Vergangenheit.

Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie der Technischen Universität und des Helmholtz-Zentrums München, begrüßt die Idee, die Inzidenz künftig nicht mehr alleine zu bewerten. "Wir haben uns in einer Arbeitsgruppe bereits im Mai 2020 dafür ausgesprochen, die Aufnahmen in Krankenhäuser als Indikator zu verwenden", sagt Protzer. Diese hätten weniger Schwankungen im Wochenlauf als die Inzidenz, die von Öffnungszeiten der Teststationen und Arbeitszeiten der Gesundheitsämter abhänge. "Und es sind die relevanten Infektionen, wenn man die Belastung des Gesundheitssystems im Blick haben will." Die Inzidenz sei aber als Indikator weiterhin wichtig, weil sie das allgemeine Infektionsgeschehen anzeige. "Doch um Gegenmaßnahmen zu steuern, sollten weitere Kennzahlen berücksichtigt werden."

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