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Lauterbach zur Corona-Impfung:"Mehr Biontech bei den Jüngeren und mehr Astra Zeneca bei den Älteren"

SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach plädiert dafür, Impfstoffe anders zu verwenden.

Interview von Henrike Roßbach, Berlin

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte sich beim ersten Astra-Zeneca-Impfstopp Mitte März dafür ausgesprochen, die Impfungen nicht komplett auszusetzen - sondern weiter zu impfen, während das Vakzin überprüft wird. Nun sieht er angesichts neuer Daten ein höheres Risiko als ursprünglich angenommen. Trotzdem ist er dafür, Ältere weiterhin mit Astra Zeneca zu impfen - und Jüngere dafür mit Biontech.

SZ: Herr Lauterbach, was ist los mit Astra Zeneca?

Karl Lauterbach: Es hat sich bestätigt, dass die Sinusvenenthrombose eine Nebenwirkung des Impfstoffs ist, und sie ist vor allem bei jüngeren Frauen etwas häufiger, als wir das gedacht haben. Ursprünglich ging man davon aus, dass sie bei einem von 250 000 Fällen auftritt. Jetzt könnte es sein, dass das Risiko doch etwas höher ist und mehr als eine von 100 000 geimpften Frauen betroffen ist. Ob das Risiko bei jüngeren Männern ebenfalls erhöht ist, das wissen wir nicht genau. Aber es ergibt sich eine veränderte Kosten-Nutzen-Bilanz des Impfstoffs bei jüngeren Menschen.

Muss man angesichts der Zahlen schon von einer häufigen Nebenwirkung sprechen?

Nein, das ist nach wie vor eine seltene Nebenwirkung. Wir sind nicht in dem Bereich, in dem der Impfstoff beispielsweise vom Markt gezogen werden könnte. Aber es ist eine Nebenwirkung, die gefährlich ist. Wir verstehen sie immer klarer, sie ist relativ schnell entdeckt worden von Professor Andreas Greinacher von der Universität Greifswald und von Professor Rolf Marschalek von der Uni Frankfurt. Es ist eine Reaktion, wie man sie selten auch bei der Gabe von Heparin sieht. Heparin wird ja gegeben, um Thrombosen zu vermeiden - in seltenen Fällen aber bewirkt es das Gegenteil und verursacht Thrombosen. Der Vektorimpfstoff löst offenbar auch eine Kreuzreaktion aus, genau wie bei den paradoxen Heparin-Thrombosen. Auch von denen sind eher jüngere Frauen betroffen.

Dass vor allem jüngere Frauen betroffen sind, liegt also nicht daran, dass Astra Zeneca in Deutschland vor allem jüngeren Frauen gespritzt wurde - etwa Pflegerinnen und Erzieherinnen?

Darauf weisen die Daten hin. Ursprünglich war die Vermutung die, dass die Begrenzung der Nebenwirkung auf Jüngere ein Artefakt der Tatsache ist, dass dieser Impfstoff vorwiegend bei Jüngeren eingesetzt wurde. Das scheint nun aber doch nicht so zu sein, weil wir den Impfstoff inzwischen auch bei Älteren einsetzen, wir diese Komplikation aber weiterhin vor allem bei jüngeren Frauen sehen. Auch die von Heparin induzierte Thrombose ist bei jüngeren Frauen häufiger. Sowohl die Epidemiologie wie auch die Pathophysiologie des Komplikationsmechanismus weisen darauf hin, dass es tatsächlich Sinn ergeben würde, den Impfstoff bei Jüngeren nicht einzusetzen - weil wir Alternativen haben und sich das Risiko in dieser Altersgruppe bündelt.

Beim ersten Astra-Zeneca-Stopp hatten Sie dafür geworben, die Impfungen nicht auszusetzen, sondern weiter zu impfen, während der Impfstoff überprüft wird. Sehen Sie das jetzt anders?

Wir haben jetzt ganz klar eine andere Datenlage, aber ich bin auch jetzt nicht für einen Impfstopp. Ich bin nicht dafür, dass man den Impfstoff gar nicht mehr einsetzt. Sondern dass wir schnell zu einer Entscheidung kommen, ihn bei den Jüngeren bevorzugt nicht einzusetzen, aber die Impfungen mit Astra Zeneca bei den Älteren weiterzuführen und nicht zu stoppen. Vereinfacht ausgedrückt: Bei den Älteren haben wir keine neuen Erkenntnisse, dass der Impfstoff gefährlicher wäre. Weshalb sollte man ihn dann bei den Älteren aussetzen?

Ist aber das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, nicht auch bei Jüngeren höher als das Risiko der Nebenwirkung?

Wir haben ja andere Impfstoffe. Ich würde mehr Biontech-Impfstoff bei den Jüngeren einsetzen und mehr Astra-Zeneca bei den Älteren. Es geht lediglich darum: Wer bekommt welchen Impfstoff? Wenn es jetzt so wäre, dass die Jüngeren, die täglich ins Risiko gehen, wie etwa Erzieherinnen und Erzieher, dann nicht geimpft werden könnten - wenn das also die Alternative wäre, dann wäre auch der Impfstopp bei den Jüngeren nicht vertretbar. Aber wenn ich die Möglichkeit habe, den Astra-Zeneca-Impfstoff bei den Älteren einzusetzen, sodass die Jüngeren mehr Biontech bekommen können, dann optimiere ich ja lediglich die Nutzung des Impfstoffs. Ich bleibe dabei: Ein Aussetzen des Impfstoffs ist auf keinen Fall vertretbar.

Dass Astra Zeneca in Deutschland am Anfang nur für die Gruppe zugelassen war, die jetzt von der Nebenwirkung betroffen ist - während Ältere den Impfstoff nicht bekommen durften -, wirkt rückblickend ziemlich bizarr.

Das habe ich von der ersten Minute an gesagt, und diese Entscheidung wurde zum Beispiel von amerikanischen Impfexperten mit, ich sage mal, Überraschung aufgenommen. Das gab es schließlich noch nie, dass ein Impfstoff ausgerechnet bei der Gruppe nicht eingesetzt wird, die ein 600-fach erhöhtes Sterberisiko hat.

© SZ/gal
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