Christen im Irak:Wann endlich melden sich die islamischen Theologen?

Doch der religiöse Fundamentalismus wächst und wird stärker, er gebiert Gewalt. Wann endlich werden die islamischen Theologen und die muslimischen Intellektuellen dieser gefährlichen Entwicklung entgegentreten? Wann endlich werden sie den Fundamentalismus bekämpfen, indem sie das wahre Verständnis von Religion lehren - dass man den anderen als Bruder annimmt und als gleichen Bürger mit gleichen Rechten?

Es ist furchtbar, es ist schrecklich, was geschieht. Wir brauchen Hilfe, dringend und nötig, von allen Menschen guten Willens. Es müssen die Christen und die Jesiden im Irak vor der Vernichtung gerettet werden - sie sind genuine Teile der irakischen Gesellschaft. Schweigen und Passivität ermuntern nur die IS-Fundamentalisten, und die Tragödie wird weitergehen. Die nächsten Opfer werden die Muslime sein, die sich nicht dem Diktat der Fundamentalisten beugen.

Wir brauchen keine ermüdenden Statements

Was aber sind nun die Möglichkeiten für die Flüchtlingsfamilien: Auswanderung - aber wohin, mit welchen Papieren ausgestattet und mit welchem Geld? Oder bleiben - aber wo? In den Flüchtlingslagern, auf dass der Sommer endet und der Winter kommt?

Was ist mit den Besitztümern und Habseligkeiten der Vertriebenen, mit welchen Jobs sollen sich die Leute über Wasser halten, die da völlig unschuldig aus ihren geliebten Heimatorten vertrieben worden sind? Und was ist mit den Kindern? Werden die Schulen wieder öffnen - Elementarschulen, Highschools, gar Colleges? Werden die Kinder willkommen sein in den Schulen von Erbil, Duhok oder Sulaimaniyya?

Die Frage sollte auch die Menschen und die Hilfsorganisationen im Westen umtreiben. Es muss etwas geschehen, damit diesen Menschen geholfen wird, die von Anfang an in diesem Land ihre Geschichte haben. Viele Vertriebene wollen zurück in ihre Städte, Dörfer, Häuser auf der Ninive-Ebene. Sie hoffen, dass dies einigermaßen sicher möglich sein wird - unter internationalem Schutz.

Doch diese Sicherheit kann es nicht geben, solange die internationale Gemeinschaft, die Zentralregierung in Bagdad und die Regionalregierung von Kurdistan nicht konsequent zusammenarbeiten. Das aber ist die Welt den unschuldigen Menschen schuldig, die Opfer des IS-Terrors geworden sind und die von ihren eigenen Nachbarn ausgeplündert wurden. Sie haben ein Recht darauf, in Frieden und Würde zu leben.

Wir sind stolz auf den Glauben unserer Söhne und Töchter, stolz auf ihren Mut und ihre Standhaftigkeit angesichts ihrer Prüfungen. Wir hoffen, dass sie diese furchtbare Krise in wirklicher Gemeinschaft mit allen Menschen überstehen können, die um sie herum leben, ohne jeden Unterschied. Wir brauchen keine ermüdenden Statements. Wir brauchen die wahre Gemeinschaft und Solidarität der anderen. Wir haben sie erlebt von einer Delegation französischer Bischöfe, vom Gesandten von Papst Franziskus, von den verschiedenen Verantwortlichen der Kirchen.

Diese Krise kann uns spirituell und moralisch stärken, für den Wiederaufbau unserer Gemeinschaften. Wir respektieren die Entscheidung derjenigen, die auswandern wollen. Für alle aber, die bleiben wollen, betonen wir: Wir haben eine lange Geschichte und ein tief verwurzeltes Erbe in diesem Land. Gott hat seinen eigenen Plan für unsere Präsenz in diesem Land. Er lädt uns ein, die Botschaft von Nächstenliebe, Brüderlichkeit, Menschenwürde und harmonischer Koexistenz weiterzutragen.

© SZ vom 27.08.2014/fued
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