Süddeutsche Zeitung

Christen im Irak:Vergesst uns nicht!

Mehr als hunderttausend Christen im Irak sind mit brachialer Gewalt von der Terrormiliz Islamischer Staat vertrieben worden. Sie sind von der Vernichtung bedroht, und mit ihnen stirbt die Kultur eines Landes. Hilfe ist nötiger denn je.

Von Louis Raphael Sako

Es ist offenbar geworden: Die Christen im Irak haben einen tödlichen Schlag erhalten, mitten ins Leben, mitten in die Existenz hinein, so wie andere Minderheiten im Land. Mehr als hunderttausend von ihnen sind mit brachialer Gewalt vertrieben worden, andere haben nach und nach ihren Besitz verloren, ihr Geld, ihre Dokumente und Pässe; ihre Häuser wurden besetzt - dies alles aus einem einzigen Grund: weil sie Christen sind.

Ich habe die Flüchtlingslager in den Provinzen Erbil und Duhok besucht, die Lager der Displaced Persons, der Vertriebenen. Was ich dort gesehen und gehört habe, ist jenseits der menschlichen Vorstellungskraft. Die Lage der christlichen Dörfer rund um das von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eroberte Mossul bis hin zu den Grenzen Kurdistans lässt sich so zusammenfassen: Die Kirchen sind verwüstet und entweiht.

Zur Person

Patriarch Louis Raphael Sako, 66, ist Vorsitzender der chaldäisch-katholischen Bischofskonferenz im Irak. 2010 zeichnete ihn die katholische Friedensbewegung Pax Christi für seine interreligiöse Arbeit in Kirkuk aus.

Fünf Bischöfe mussten fliehen, Priester und Nonnen haben ihre Klöster und Einrichtungen verlassen und alles, was sie hatten, dort zurückgelassen. Die christlichen Familien sind mit ihren Kindern geflohen, ohne auch nur irgend etwas mitnehmen zu können. Es ist eine Heimsuchung.

Wir erleben, dass mit aller Kraft an unserer Vertreibung gearbeitet wird

Bis heute gibt es keine auch nur entfernt konkrete und absehbare Lösung für die Probleme, vor denen wir stehen, während nach wie vor dem Islamischen Staat Ströme von Geld, Waffen und Kämpfern zufließen. Wir erleben, dass mit aller Kraft an unserer Vertreibung aus dem Irak gearbeitet wird, dass aber die Welt immer noch nicht so recht die Dramatik der Lage erkannt hat.

Es hat die zweite Phase der Säuberung begonnen: Die Familien, die aus ihrer Heimat geflohen sind, versuchen nun, in alle Welt auszuwandern, sich eine neue Heimat zu suchen. Es droht sich die Geschichte, das Erbe und die Identität dieser Menschen und der ganzen Region zu verflüchtigen. Diese Vertreibung und Auswanderung hat Auswirkungen auf die Christen und auch auf die Muslime. Dem Irak geht unwiderruflich ein lebenswichtiger Teil seiner Gesellschaft und seiner Kultur verloren - der christliche Teil. Es verschwindet damit ein Stück der ureigenen Tradition dieser Region.

Hier darf die internationale Gemeinschaft nicht indifferent bleiben. Vor allem die Vereinigten Staaten und die Europäische Union tragen hier eine historische und moralische Verantwortung. Ja, es gibt Bemühungen, die Katastrophe zu verhindern. Doch bislang haben die Entscheidungen und Taten nichts am Fortgang der Ereignisse geändert. Nach wie vor schweben Menschen in höchster Gefahr. Und manchmal scheint es, als seien diese vergessenen Menschen schon gar nicht mehr Teil der menschlichen Gemeinschaft.

Auch die muslimische Gemeinschaft scheint uns vergessen zu haben - was ihre Repräsentanten zu den barbarischen Akten gegen das Leben, die Würde und die Freiheit der Christen im Namen ihrer Religion gesagt haben, war nicht das, was wir uns erhofft haben. Sie müssten doch wissen, wie sehr sich die Christen für dieses Land eingesetzt haben, wie sie in einer islamisch geprägten Gesellschaft selbstverständlich in Partnerschaft mit ihren muslimischen Schwestern und Brüdern gelebt haben.

Wann endlich melden sich die islamischen Theologen?

Doch der religiöse Fundamentalismus wächst und wird stärker, er gebiert Gewalt. Wann endlich werden die islamischen Theologen und die muslimischen Intellektuellen dieser gefährlichen Entwicklung entgegentreten? Wann endlich werden sie den Fundamentalismus bekämpfen, indem sie das wahre Verständnis von Religion lehren - dass man den anderen als Bruder annimmt und als gleichen Bürger mit gleichen Rechten?

Es ist furchtbar, es ist schrecklich, was geschieht. Wir brauchen Hilfe, dringend und nötig, von allen Menschen guten Willens. Es müssen die Christen und die Jesiden im Irak vor der Vernichtung gerettet werden - sie sind genuine Teile der irakischen Gesellschaft. Schweigen und Passivität ermuntern nur die IS-Fundamentalisten, und die Tragödie wird weitergehen. Die nächsten Opfer werden die Muslime sein, die sich nicht dem Diktat der Fundamentalisten beugen.

Wir brauchen keine ermüdenden Statements

Was aber sind nun die Möglichkeiten für die Flüchtlingsfamilien: Auswanderung - aber wohin, mit welchen Papieren ausgestattet und mit welchem Geld? Oder bleiben - aber wo? In den Flüchtlingslagern, auf dass der Sommer endet und der Winter kommt?

Was ist mit den Besitztümern und Habseligkeiten der Vertriebenen, mit welchen Jobs sollen sich die Leute über Wasser halten, die da völlig unschuldig aus ihren geliebten Heimatorten vertrieben worden sind? Und was ist mit den Kindern? Werden die Schulen wieder öffnen - Elementarschulen, Highschools, gar Colleges? Werden die Kinder willkommen sein in den Schulen von Erbil, Duhok oder Sulaimaniyya?

Die Frage sollte auch die Menschen und die Hilfsorganisationen im Westen umtreiben. Es muss etwas geschehen, damit diesen Menschen geholfen wird, die von Anfang an in diesem Land ihre Geschichte haben. Viele Vertriebene wollen zurück in ihre Städte, Dörfer, Häuser auf der Ninive-Ebene. Sie hoffen, dass dies einigermaßen sicher möglich sein wird - unter internationalem Schutz.

Doch diese Sicherheit kann es nicht geben, solange die internationale Gemeinschaft, die Zentralregierung in Bagdad und die Regionalregierung von Kurdistan nicht konsequent zusammenarbeiten. Das aber ist die Welt den unschuldigen Menschen schuldig, die Opfer des IS-Terrors geworden sind und die von ihren eigenen Nachbarn ausgeplündert wurden. Sie haben ein Recht darauf, in Frieden und Würde zu leben.

Wir sind stolz auf den Glauben unserer Söhne und Töchter, stolz auf ihren Mut und ihre Standhaftigkeit angesichts ihrer Prüfungen. Wir hoffen, dass sie diese furchtbare Krise in wirklicher Gemeinschaft mit allen Menschen überstehen können, die um sie herum leben, ohne jeden Unterschied. Wir brauchen keine ermüdenden Statements. Wir brauchen die wahre Gemeinschaft und Solidarität der anderen. Wir haben sie erlebt von einer Delegation französischer Bischöfe, vom Gesandten von Papst Franziskus, von den verschiedenen Verantwortlichen der Kirchen.

Diese Krise kann uns spirituell und moralisch stärken, für den Wiederaufbau unserer Gemeinschaften. Wir respektieren die Entscheidung derjenigen, die auswandern wollen. Für alle aber, die bleiben wollen, betonen wir: Wir haben eine lange Geschichte und ein tief verwurzeltes Erbe in diesem Land. Gott hat seinen eigenen Plan für unsere Präsenz in diesem Land. Er lädt uns ein, die Botschaft von Nächstenliebe, Brüderlichkeit, Menschenwürde und harmonischer Koexistenz weiterzutragen.

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Quelle:
SZ vom 27.08.2014/fued
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