CDU-Aufsteiger Jens Spahn:Öffentlichkeit ist ganz sein Ding

Lesezeit: 6 min

Ein echter Wutausbruch? Oder Kalkül? Fragt man Spahn, ob er aufbrausend ist oder jähzornig, gar nachtragend, sagt er: "Ich bin ein ruhiger Typ. Egal, was man tut, welche Position man vertritt, ruhig bleiben ist immer wichtig." Das ist sein Bild von sich selbst. Das will er in den Talkshows zeigen. So versteht er seinen Politikstil. Looks matter - Aussehen, Haltung ist wichtig. Die viele Arbeit, das Aktenwälzen, das Pauken, den Ärger - das soll man nicht sehen.

Bundestagskandidat Jens Spahn

Neben seinem Abbild posierte Jens Spahn im Bundestagswahlkampf 2002 in Münster.

(Foto: DPA)

Spahn mag Fotos. Auf jedem Termin seiner Wahlkreis-Tour, sei es im Krankenhaus oder in der Kneipe, fragt er zum Schluss: "Wollen wir noch ein Foto machen?" - und der mitgereiste Praktikant zückt die Kamera. Spahn zeigt sein linkisches, aber sympathisches Grinsen mit großen Augen hinter den Brillengläsern. Und er lässt wirklich keine Gelegenheit aus: Auf einem Foto sitzt er mit offenem Mund im Behandlungsstuhl beim Zahnarzt. Der Doktor schaut sich sein Gebiss an, und im Hintergrund strahlen die Parteifreunde.

Es gibt sogar "spahntv"

Presse, Öffentlichkeitsarbeit, das ist sein Ding. Seine Internetseite ist prall gefüllt, er betreibt den Spahn-Blog, er ist bei Facebook, bei Flickr, und Journalisten füttert er mit Sammel-SMS. Knapp sind die und mit Schmackes: "Ideal wäre, wenn die reichen Kassen Prämien ausschütteten", "In Deutschland wird zu oft und zu früh operiert", oder "Jedes Jahr die gleiche Panikmache der Kassen". Die Sammlung von Videoclips auf seiner Seite heißt "spahntv".

Als junger Abgeordneter ist es wichtig, Profil zu gewinnen, bekannt zu werden, und das am besten auf Kosten einer mächtigen Lobby. Zum Beispiel die Senioren. Also meckerte Spahn über eine Rentenerhöhung von 1,1 Prozent. Es ging ihm ums Prinzip. Seinen Kritikern war das egal. Am Ende erhielt er Morddrohungen. Die nordrhein-westfälische Senioren-Union versprach ihm das Ende seiner Karriere. In Briefen und Anrufen wurde er "Hosenscheißer" genannt und "Rotzlöffel". Es ging um 7,45 Euro für den Durchschnittsrentner.

Als Spahn sich zum ersten Mal für den Bundestag bewarb, war er 21. Am Tag der Aufstellung hatte er seine Banklehre abgeschlossen. Nur deshalb konnte er Bankkaufmann unter die Bewerbung schreiben, nicht Azubi. Der Gegenkandidat war Favorit. Spahn mobilisierte seine Truppen besser. Das Gerücht sagte, dass die andere Seite einen letzten Fragesteller auftreten lassen wollte: "Sind sie schwul, Herr Spahn?", sollte der fragen. Niemand meldete sich. "Hat noch jemand eine Frage?", fragte deshalb die Vorsitzende. Niemand meldete sich. Sie fragte dreimal. Niemand meldete sich. Man kann sich vorstellen, wie langsam die Minuten damals verronnen sind.

Homosexualität? Kein Thema mehr in der Union.

Spahn spricht das Thema nicht an, aber er macht auch kein Geheimnis draus. Er setzt sich für die Belange von Schwulen und Lesben ein. Man darf ihn fragen:

"Ist Homosexualität ein Problem?"

"Nein, für Sie?"

"Nein, aber ich könnte mir vorstellen, dass es für viele in der Union noch immer ein Problem ist."

"Das gilt nur noch für wenige. Das ist kein großes Thema mehr."

Vielleicht ist es kein großes Thema mehr. Aber es ärgert Spahn, wenn die alten Vorurteile aufscheinen, insbesondere wenn es in der Fraktionssitzung geschieht. Da kann es passieren, dass ein Abgeordneter auf einmal die harmlos klingende Frage stellt: "Was ist eigentlich die Magnus-Hirschfeld-Stiftung, und warum kriegen die Geld von uns?" Pause. Die anderen Kollegen raunen und murmeln amüsiert, und in Minuten wissen die meisten, dass sich die Stiftung der Erforschung der Sexualität widmet. Zentrales Projekt zurzeit ist die Verfolgung Schwuler unter den Nazis.

Politisiert hat ihn nicht, dass er anders war in einer Gegend, die immer schon CDU gewählt hat. Politisiert hat ihn das Zwischenlager in Ahaus. Ein grünes Thema hat aus ihm einen Schwarzen gemacht. Spahn war noch in der Schule als es regelmäßig Proteste und Demonstrationen gab. Die Lehrer mobilisierten, die Grünen ohnehin. "Das ging mir gegen den Strich." Er kam als Protest-Protestler zur CDU.

Merkel muss scheitern, damit Spahn hoffen kann

Politik ist Spahns Leben. Gesundheit interessiert ihn, der demografische Wandel, und was dieser schleichende Umbruch mit den Sozialversicherungssystemen macht. Politik als Nachhaltigkeit, ein grünes Thema, das er für die Union besetzen will. "Ich will das nicht immer machen, aber im Moment macht mir die Politik noch Spaß."

Da ist noch mehr drin. Das denken jedenfalls die Lobbyisten im Gesundheitssystem. Sie umschwirren ihn auf den vielen Veranstaltungen, sie schmeicheln und bitten um Termine. Nächster Halt Gesundheitsministerium? Der Posten gilt als ungemütlichster im Kabinett. Das Amt macht nicht beliebt. Man kann nicht gewinnen, bestenfalls spielt man unentschieden. Die SPD hat diese Erfahrung gemacht. Sie würden es derzeit wohl nicht mehr nehmen.

Kommt Spahn zum Zug, wäre es ein Karrieresprung auf Basis einer Niederlage. Die schwarz-gelbe Regierung muss abgewählt und ersetzt werden durch eine Koalition aus Union und SPD. Erst wenn Merkel scheitert, kann er sich Hoffnung machen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema