"Mars"-Raketenwerfer Bundeswehr verkaufte Laptops mit Verschlusssachen darauf

Der Artillerie-Raketenwerfer vom Typ "Mars" wird von Armeen weltweit eingesetzt. Auch die Bundeswehr verwendet ihn.

(Foto: Peter Steffen/picture alliance)
  • Die Verwertungsgesellschaft des Bundes verkauft unter anderem ausrangiertes Material der Bundeswehr an Privatpersonen.
  • Ein Förster fand auf so erworbenen Laptops die Bedienungsanleitung für Raketenwerfer vom Typ "Mars" - eigentlich Verschlusssache.
  • Nach Informationen der SZ wurde ein weiterer PC mit ungelöschter Festplatte verkauft. Der Inhalt ist nicht bekannt.
Von Hannes Munzinger und Nicolas Richter

Wer Ausrangiertes loswerden und bestenfalls noch daran verdienen möchte, findet auf dem Online-Marktplatz Ebay Käufer für die scheinbar nutzlosesten Dinge. Will der deutsche Staat ausgemustertes Eigentum loswerden, ein altersschwaches U-Boot etwa, kommt die Verwertungsgesellschaft des Bundes, genannt Vebeg, zum Einsatz.

Die Firma mit Sitz in Frankfurt und Berlin betreibt eine Online-Plattform, auf der Firmen und Normalbürger auf Gebrauchtwaren aus den Beständen tausender staatlicher Stellen bieten können. Gewissermaßen ein Bundes-Ebay. Neben dem U-Boot verkauft die Vebeg aktuell zum Beispiel medizinische Laborgeräte, Feldküchen, Nutzfahrzeuge oder Geschenke an Delegationsreisende ("1 klappbares Windlicht, Bangladesch, Motiv Haus mit Palme"). Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen mit solchen Verkäufen seit seiner Gründung im Jahr 1951 knapp drei Milliarden Euro erlöst. Der größte Teil der Waren stammt aus Beständen der Bundeswehr.

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Zuweilen geschehen dabei allerdings auch Pannen. Ein oberbayerischer Förster hat im Jahr 2018 vier Laptops ersteigert. In die Jahre gekommene, aber robuste Maschinen. Genau das Richtige für seine Arbeit im Wald, dachte er. Als er das erste Gerät einschaltete, stellte er fest, dass das Betriebssystem nicht gelöscht worden war.

Als Passwort tippte er, auf gut Glück, den zuletzt verwendeten Benutzernamen ein und konnte sich prompt einloggen. Was er auf dem Startbildschirm des Computers fand, erstaunte und beunruhigte ihn gleichermaßen: die vollständige Betriebsanleitung für den Raketenwerfer Mars, ein Waffensystem, das dem "Bekämpfen von weichen und halbharten Flächenzielen" dient. So steht es in der Anleitung, die der Mann nun vor sich hatte, nebst technischen Beschreibungen ("Während des Freien Falls werden die Granaten auf ihrer Flugbahn stabilisiert und entsichert. Die Granaten detonieren beim Aufprall.") und peniblen Warnhinweisen ("Während der Fahrt und beim Schießen ist der Gehörschutz zu tragen").

Der Raketenwerfer ist weltweit verbreitet und kam etwa in den Kriegen im Irak und in Afghanistan durch die US-Armee zum Einsatz. Mars kann zwölf Raketen abfeuern, die jeweils Granaten oder Minen ausstoßen. Wie kann die Betriebsanleitung für eine solche Waffe in die Hände eines Käufers von Gebrauchtcomputern gelangen?

Auf einem Rechner waren auch personenbezogene Daten nicht gelöscht

Eigentlich sollte so etwas nicht passieren können: Die Betriebsanleitung für den Raketenwerfer ist als "Verschlusssache - Nur für den Dienstgebrauch" eingestuft, im Behördenjargon "VS-NfD". Als VS-NfD werden Dokumente klassifiziert, wenn "die Kenntnisnahme durch Unbefugte für die Interessen der Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder nachteilig sein kann". So regelt es ein Bundesgesetz. Zwar ist VS-NfD die niedrigste Geheimhaltungsstufe für Verschlusssachen, wer aber über Informationen dieser Art verfügt, ist zur Verschwiegenheit verpflichtet und muss darauf achten, dass keine unbefugten Personen Zugang dazu erhalten. Genau diese Sorgfalt ist offenbar im Fall der vier Laptops unterblieben.

Der bayerische Förster meldete dem Bundesverteidigungsministerium seine Entdeckung im März dieses Jahres. "Ich möchte diese Dokumente in Hände zurückgeben, in die sie gehören und die damit entsprechend verantwortungsvoll und sorgfältig umgehen", schrieb er an die Beamten. Als Antwort erhielt er eine Erklärung für den offensichtlichen Fehler: Beim Verkauf von IT-Hardware lege eine Kodierung fest, wie die Geräte zu veräußern seien. Wenn Verschlusssachen gespeichert worden seien, würden die Festplatten stets ausgebaut und vernichtet. Die Laptops des Försters seien falsch kodiert gewesen. Ein schlichtes Versehen also?

Auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung erklärte das Verteidigungsministerium, man habe die Verwertung von IT-Geräten nach der Beschwerde des Försters einer "genauen Prüfung unterzogen" und dabei festgestellt, dass ein weiterer Rechner mit ungelöschter Festplatte 2016 über die Vebeg verkauft worden sei.

Ob sich darauf ebenfalls als VS-NfD eingestufte Daten befunden hätten, lasse sich heute nicht mehr feststellen. Das Ministerium geht davon aus, dass der Bundeswehr durch den Verlust der Daten kein Schaden entstanden sei. Aus der Beschreibung des Mars-Raketenwerfers könnten "keine kritischen Erkenntnisse abgeleitet werden", dies wäre etwa bei Informationen über die konkrete Verwendung der Waffe anders.

Die Untersuchung einer der Festplatten durch die SZ ergab allerdings, dass weitere VS-NfD-klassifizierte Dokumente, die zuvor gelöscht worden waren, leicht wiederhergestellt werden konnten. Zudem befanden sich auf einem der Rechner auch personenbezogene Daten: Fotografien, die mutmaßlich aktuelle oder ehemalige Angehörige der Bundeswehr zeigen. Eher aus der Kategorie Weihnachtsfeier als aus Gefechtsübungen, aber dennoch ein Indiz dafür, wie ahnungs- und sorglos Daten bei der Bundeswehr verwaltet werden.

Diesen Eindruck untermauert auch der Umgang des Verteidigungsministeriums mit dem Fall. Nach der Meldung des Försters leiteten die Beamten einen Rückkauf der Geräte über die Vebeg ein, jene Verwertungsgesellschaft, bei der die Laptops eigentlich ohne Festplatten und heikle Verschlusssachen weiterveräußert werden sollten. Der Förster hat auf diesem Weg inzwischen einen Laptop zurückgegeben, drei aber sind noch in seinem Besitz.

Der Förster sagt, er wolle auch weiterhin bei der Vebeg nach Schnäppchen suchen. Das U-Boot (mit Ponton, Baujahr 1973, Bootskörper aus amagnetischem Chrom-Nickel-Stahl) ist unterdessen verkauft worden. Vermutlich sind es nur 420 Tonnen Schrott. Aber vielleicht könnte es sich für einen ausländischen Geheimdienst durchaus lohnen, noch mal genauer hinzusehen.

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