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Bundestagswahlkampf:Anstacheln für den Wahlkampf der Herzen

SPD-Kanzlerkandidat Schulz in Würzburg

SPD-Kanzlerkandidat Schulz in Würzburg Besucher einer SPD-Veranstaltung halten am 04.03.2017 in Würzburg (Bayern) zahlreiche an den SPD-Kanzlerkandidaten gerichteten Plakate in die Höhe, unter anderem 'Martin, ich will eine Regierung von Dir!' Der SPD-Kanzlerkandidat Schulz ist in Würzburg zu Gast. Foto: Nicolas Armer/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Sie sind "geflasht", sie finden ihn "mega": Martin Schulz hält in Berlin den Kabinen-Pep-Talk für die Jusos. Und zeigt, dass er die große Motivationsshow schon wie im Autopilot beherrscht.

Nein, Martin Schulz sagt jetzt nicht, dass er "geflasht" ist. Und selbst wenn er vielleicht etwas Ähnliches empfindet in diesem Moment, als er in Hunderte erwartungsfreudige Gesichter blickt, sagt er auch nicht: "Das ist echt mega." Mega und geflasht, das waren ein paar Augenblicke zuvor die Worte von Johanna Uekermann, 29, als die Chefin der Jungsozialisten (Jusos), auf der Bühne im Willy-Brandt-Haus stand, um Schulz, 61, anzukündigen, und der überfüllte Saal ihr entgegenjubelte. So etwas, sagte sie, habe sie in 15 Jahren bei den Jusos nicht erlebt.

Es riecht ein wenig nach Turnhalle am Freitagabend in der SPD-Zentrale in Berlin, es ist laut. Der Parteinachwuchs hat an diesem Wochenende zu einer dreitägigen Konferenz eingeladen, auf der sich die Jusos auf den anstehenden Bundestagswahlkampf einstimmen. Und die erste Rede der Konferenz, den Kabinen-Pep-Talk sozusagen, hält: Er. Seit der Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten sind mehr als 10 000 Menschen in die SPD eingetreten, rund 40 Prozent im Juso-Alter unter 35, 307 sogar unter 18. Als Schulz auf die Bühne geht, stehen seine jungen Anhänger auf, viele haben Schulz-T-Shirts an, mit seinem Konterfei im Logo von Club Mate und dem Schriftzug "Höchste Energie" drauf, zum Beispiel. Schulz grinst, winkt und sagt dann: "Das ist schon ein beeindruckendes Bild."

Es sind anstrengende Wochen für den SPD-Spitzenkandidaten, an diesem Samstag allein spricht er morgens in Würzburg und nachmittags in Worms. Mittwoch Heringsessen in Spiesen-Elversberg, Donnerstag Darmstadt, Samstag Schwäbisch-Gmünd. Und doch ist der Auftritt bei den Jusos ein besonderer unter vielen, er ist für Schulz das ultimative Heimspiel beim traditionell linken Parteinachwuchs. Zur Begrüßung wird er von Uekermann, die sich vor ein paar Wochen noch offen mit dem damaligen Parteichef Sigmar Gabriel zankte, umarmt. Der Auftritt ist für Schulz auch ein Test: Lässt er sich von der Euphorie tragen, zu Versprechungen hinreißen?

25 Milliarden Euro Haushaltsrücklagen, die endlich investiert werden müssten

Letztendlich unterscheidet sich seine Rede dann nur an wenigen Stellen von jenen, die er in den vergangen Tagen und Wochen gehalten hat, doch sie liefert trotzdem ein paar wichtige Hinweise. Die Themen sind, natürlich, Gerechtigkeit und Solidarität, in Deutschland und Europa. Schulz spricht vom reichen Deutschland, von 25 Milliarden Euro Haushaltsrücklagen, die endlich investiert werden müssten in Infrastruktur, Digitalisierung, gebührenfreie Bildung vom Kindergarten bis zur Universität. Ein sicherer Treffer, der Saal voller Studenten applaudiert. Er nennt die AfD eine Schande, langer Applaus. Er betont seinen Stolz auf hunderttausende Flüchtlingshelfer, lauter Applaus. "Wenn der Bäckermeister seine Steuern zahlt, aber der amerikanische Konzern nebenan nicht - dann ist das nicht gerecht." Applaus.

Juso-Chefin Uekerman hatte in ihrer Anmoderation einen "Wunschzettel" vorgetragen, die Forderungen: das Ende der Sparpolitik, Mindestvergütungen für Auszubildende, mehr bezahlbarer Wohnraum. Schulz geht darauf ein, ruft: "Das packen wir an!" Doch viel konkreter wird er nicht, denn darum soll es an diesem Abend nicht gehen. Das erste fertige Konzept zur Reform des Arbeitslosengeldes, das der Süddeutschen Zeitung bereits vorliegt, soll am Montag in den SPD-Spitzengremien beraten werden. Ein Konzept zur Steuerreform sei in Arbeit, ruft er den Jusos zu, "unsere Experten arbeiten in dem Bereich". Lieber spricht er am Freitag über Gefühle und Mitgefühl, fasst sich an den Bauch, auch wenn sich die heute-Show bestimmt wieder darüber lustig machen werde: Dort, im Bauch, müsse die SPD die Probleme der Menschen fühlen können. "Es geht nicht nur um die Köpfe", sagt Schulz, es werde ein Wahlkampf der Herzen.

"Die jungen Leute haben Bock auf Wahlkampf mit ihm"

Schulz hält die Rede frei. Er springt von Thema zu Thema, lässt keines aus, auch nicht das Altern in Würde, obwohl es seine Zuhörer erst in knapp 50 Jahren betrifft. Manches wiederholt er, seine geplante Redezeit verdoppelt er. Einmal, als er von Brieffreunden spricht, runzeln ein paar Schüler die Stirn. Der lauteste Lacher ist unfreiwillig: "Ich hatte die Gelegenheit, mit der Bürgermeisterin von Lampedusa", sagt Schulz - und überlegt ein bisschen zu lange, bevor er sagt: "zu reden". Es ist eben ein junges Publikum hier.

Ein Publikum, das zufrieden ist. Eine Frau aus Pforzheim, 30, seit 12 Jahren Juso-Mitglied, Schulz-T-Shirt, Schulz-Jutebeutel, sagt: "Wir sind jetzt wieder da." Auch Juso-Chefin Uekermann ist glücklich, Schulz habe deutlich gemacht, dass er die Juso-Themen ernst nehmen werde. "Obwohl er selber älter ist, verkörpert er das Lebensgefühl junger Leute. Die jungen Leute haben Bock auf Wahlkampf mit ihm", sagt sie.

Am Ende lässt Schulz Selfies mit sich machen. Und Uekermann überreicht ihm auf der Bühne unter stehenden Ovationen eine Spielzeug-Eisenbahn, den Schulz-Zug. Das ist dann die Erkenntnis des Abends: Martin Schulz kann diesen Zug inzwischen fast im Autopilot steuern. Und Tausende junge Menschen fahren mit.

© SZ.de/khil

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