Bundespräsident Von der Tugend der Langeweile

Bundespräsident Steinmeier steht für eine Politik, die den Dingen lange Weile gönnt. Das ist nötig in Zeiten einer kurzatmigen und polternden Politik des kurzen Prozesses.

Kommentar von Heribert Prantl

Keiner seiner Vorgänger kannte die Welt und ihre Krisenherde so gut, wie Frank-Walter Steinmeier sie kennt. Die Bundesrepublik Deutschland bekommt einen erfahrenen Politiker als Bundespräsidenten. Und Steinmeier ist auch noch mehr ein Berufspolitiker, als jeder seiner Vorgänger es war.

Gestern hätte das als Stigma gegolten; heute gilt das als Vorzug. Das liegt daran, dass die Welt, wie Steinmeier das formuliert, "aus den Fugen geraten" ist und deswegen Wörter wie Reife und Erfahrung wieder an Wert gewinnen. Es gibt ein neues Gefühl dafür, dass Kurzatmigkeit - in der Politik, in Wirtschaft und Arbeitsleben - wie eine Säure wirkt, die das Vertrauen und den Zusammenhalt in der Gesellschaft auflöst.

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Vor Kurzem noch war das Wort Berufspolitiker beinah ein Schimpfwort. In einer fiebrigen und fiebernden Welt wird das Wort Berufspolitiker zwar nicht gleich wieder zur Verheißung, aber doch zu einem Synonym für Berechenbarkeit. Steinmeier ist seriös und besonnen; er ist einer, dem die Ernsthaftigkeit von Politik ein Anliegen ist und der diese Ernsthaftigkeit in seiner Person und in seiner Politik repräsentiert.

Politik muss den Dingen lange Weile gönnen

Das Attribut "langweilig", das man Steinmeier gern verpasst, wird derzeit nicht so negativ an ihm kleben, wie es vor ein paar Jahren an ihm geklebt hätte. Es gibt Zeiten, in denen Langeweile gar eine Tugend ist - dann nämlich, wenn die Politik den Dingen lange Weile gönnen muss, statt eine kurzatmige, kurzentschlossene und polternde Politik des kurzen Prozesses zu betreiben.

Auch Menschen, die lange zuhören, bevor sie reden, gelten bisweilen als langweilig. Zu Unrecht. Zuhören kann der neue Bundespräsident, das gehört zu den Stärken seiner Diplomatie. Gewiss: Steinmeier wird wohl nie so eine grandios-furiose Rede halten, wie sie der Bundestagspräsident Norbert Lammert zum Auftakt der Bundesversammlung gehalten hat. Lammert hat in dieser Ansprache gezeigt, dass er, jedenfalls was die rhetorische Potenz betrifft, ein wunderbarer Bundespräsident geworden wäre.