Buch über den Holocaust:"Erstaunlich hingebungsvolle Mörder"

Lesezeit: 4 min

A man walks past a graffiti dedicated to the Holocaust in the northern port city of Thessaloniki

Ein Graffito in Thessaloniki erinnert an den Holocaust.

(Foto: Alexandros Avramidis/Reuters)

Der US-Historiker Peter Hayes hat ein Buch über den Holocaust geschrieben, das alle zentralen Fragen beantwortet - bis auf eine.

Von Wolfgang Benz

Sechzehntausend Bücher zum Thema Holocaust verzeichnet die Library of Congress in Washington, jetzt gibt es ein weiteres vom US-Historiker Peter Hayes, das selbst die Frage aufwirft, "Warum noch ein Buch über den Holocaust?" und eine Bestandsaufnahme verspricht, die auf acht zentrale Fragen Antworten sucht.

Warum Juden die Opfer und Deutsche die Täter waren, warum die Lösung der vermeintlichen oder wirklichen "Judenfrage" im millionenfachen Mord gesucht und warum dieser so schnell und radikal ins Werk gesetzt wurde. Nach jüdischem Widerstand und nichtjüdischer Solidarität in den Mordregionen wird gefragt und nach der Teilnahmslosigkeit der Welt während des Mordens und schließlich danach, welche Lehre aus der Tragödie gezogen wurde oder hätte gezogen werden können.

Der Leser wird mit einem Überblick über "die Judenfrage" im 19. Jahrhundert ins Thema eingeführt, erfährt das Notwendige über Rassenlehre und Eugenik, den Antisemitismus als Strategie gegen Emanzipation und Integration der Minderheit und die jüdische Lebenswelt im deutschen Raum. Präzise strukturiert, im Stil einer breit angelegten und profunden Vorlesung, gerne die Argumente numerisch gliedernd, spannt Peter Hayes sein Thema in einen großen Bogen, der mit Verweisen auf Literatur, Quellen und Forschungen Vollständigkeit anstrebt und der Mode, durch starke Thesen und sensationelle Offenbarungen Aufsehen zu erregen, ganz und gar widersteht (wenn man vom ambitiösen Titel absieht). Das Buch atmet den Geist seriöser Gelehrsamkeit, ist dabei hervorragend geschrieben und angenehm zu lesen. Der Autor, ursprünglich Wirtschaftshistoriker, hält es mit der Logik, das macht es leicht, ihm zu folgen.

Die Schar der selbst gleichgeschalteten, willigen Vollstrecker

1938, nach dem Anschluss Österreichs, sei der NS-Führung klar geworden, dass die in Deutschland durch Auswanderung abnehmende Zahl der Juden durch die Expansion des NS-Staats mehr als wettgemacht wurde, dass mit allen Eroberungen die Zahl der Juden im deutschen Machtbereich steigen werde. Das erklärt die Vernichtungsmetaphorik von Ende 1938 an.

Zum unerhörten Tempo des Judenmords verweist Hayes einerseits darauf, dass die Täter einen kostengünstigen, wenig technikintensiven und sich selbst finanzierenden genozidalen Prozess in kurzer Zeit perfektionierten und dass sie andererseits "erstaunlich hingebungsvolle Mörder" in großer Zahl rekrutieren konnten, die Schar der selbst gleichgeschalteten, willigen Vollstrecker des Obrigkeitswillens.

Dass den Juden kaum Hilfe von außen zuteil wurde, erleichterte das Geschäft der NS-Mordmaschinerie mehr als die Unbeteiligten, Gleichgültigen, anderweitig Beschäftigten in aller Welt auch Jahrzehnte nach dem Holocaust wahrhaben wollten und wollen. Dass jüdische Gegenwehr kaum möglich war, dass es den politisch beschworenen Widerstand der Opfer des Holocaust nicht geben konnte, sagt Hayes klar, ohne deshalb der These "wie die Schafe zur Schlachtbank" zu folgen.

Auch der so kundige und die Argumente sorgfältig abwägende Autor Hayes ist nicht vor Kurzschlüssen, Fehlern und missverständlichen Formulierungen gefeit. Einiges geht auf die (im übrigen exzellente) Übersetzung zurück wie das "Reichskuratorium für die Festigung des deutschen Volkstums", als dessen "Leiter" Heinrich Himmler vorgestellt wird.

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