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Großbritannien:Als ein Abgeordneter versuchte, die goldene Keule zu entwenden

Die Aufregung ist groß, weil ein Labour-Mann eine der ältesten Regeln des britischen Parlaments bricht. Was das mit dem Brexit zu tun hat und warum im Unterhaus ein Streitkolben herumliegt.

Schnellen Schrittes, fast hastig, geht der Mann auf die Keule zu, packt sie ohne zu zögern, dreht sich um und versucht, den Saal mit seiner Beute zu verlassen.

Um ihn herum bricht Geschrei los. "No, no, no", ruft John Bercow, der Sprecher des Hauses, der selten um Worte verlegen ist. Jetzt stottert Bercow: "Order ... no, no, no." Das britische Unterhaus ist erfüllt von Geschrei. "Disgrace", "Expel him", schallt es aus den Reihen der Abgeordneten. Ein Hauch von Rebellion im britischen Parlament.

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Lloyd Russell-Moyle ist der Aufrührer, ein Abgeordneter der Labour-Partei (Labour Co-op). Er wird von einer Saaldienerin gestoppt, bevor er den Raum verlassen kann, überreicht ihr die Keule kampflos. Bercow schließt anschließend Russell-Moyle von der Sitzung aus. Seit zehn Jahren hatte kein Abgeordneter die Keule mehr an sich genommen.

Es sind äußert ungewöhnliche Tage im britischen Parlament

Dass es jetzt wieder passiert ist, zeigt exemplarisch das gewaltige Chaos in London. Es sind äußerst ungewöhnliche Tage, die die britische Regierung und das Parlament erleben. Am Montagabend, als der versuchte Diebstahl geschah, wurde gerade über die Entscheidung Theresa Mays diskutiert, die Abstimmung über den von ihr ausgehandelten Brexit-Vertrag zu verschieben. Die sichere Niederlage vor Augen hatte die Premierministerin des Vereinigten Königreichs diese Entscheidung getroffen. Viele Abgeordnete, auch aus ihrer eigenen Partei, hatten angekündigt, gegen Mays Plan stimmen zu wollen.

Wie es jetzt weitergeht, ist völlig unklar. Die Regierung steht kurz vor dem Zusammenbruch. Nicht einmal ein zweites Brexit-Referendum scheint ausgeschlossen. Dass in dieser Situation jemand eine der ältesten Regeln des Parlaments bricht und die Mace, auf deutsch Keule oder Streitkolben, an sich nimmt, überrascht da kaum mehr. Auch wenn die Tradition - und die Briten legen viel Wert auf ihre Traditionen - besagt, dass kein Abgeordneter die Keule berühren darf.

Die Mace ist das Symbol der königlichen Autorität im Parlament. Die Krone ist es, von der das House of Commons und das House of Lords ihre Macht ableiten, die Königin ist das Staatsoberhaupt. Ober- und Unterhaus haben jeweils ihre eigenen Keulen, das Oberhaus sogar zwei. Ohne Keule können die Häuser des Parlaments nicht zusammenkommen oder gar ein Gesetz verabschieden.

Die Keule des Unterhauses stammt aus dem Jahr 1559, ist gut eineinhalb Meter lang, besteht aus vergoldetem Silber und ist reich geschmückt mit Perlen und Blumen. Sie wird jeden Tag, wenn das Haus zur Sitzung zusammenkommt, vom Sergeant-at-Arms, einem Beamten, der für Recht und Ordnung im Parlament zuständig ist, in die Kammer gebracht und auf dem Tisch in der Mitte abgelegt.

Immer wieder haben Briten, die wütend auf die Regierung waren, den Streitkolben an sich genommen und damit für Aufregung gesorgt. Besonders kurios war ein Vorfall Mitte der 1970er Jahre: Ein Abgeordneter der Labour-Partei hatte nach einem knappen Sieg bei einer Abstimmung zu singen begonnen. "The Red Flag", ein altes sozialistisches Arbeiterlied. Das erzürnte den konservativen Abgeordneten Michael Heseltine so sehr, dass er die Keule ergriff und sie in Richtung der Labour-Abgeordneten schwang. Und 1988 nahm Ron Brown, Schotte und Labour-Abgeordneter, den Streitkolben hoch - und ließ ihn fallen. Aus Versehen. Er musste für den Schaden von 1500 Pfund aufkommen.

Russell-Moyle rechtfertigte seine Aktion später gegenüber Reportern. Mit der symbolischen Geste, die Keule von ihrem Platz zu nehmen, habe er zeigen wollen, dass das Parlament nicht mehr den Willen zu regieren habe.

Warum er die Keule dann nicht ganz aus dem Saal getragen hat? "Sie haben mich gestoppt, bevor ich raus war. Und ich wollte nicht mit jemandem streiten, der ein riesiges Schwert an der Hüfte trägt."

Saaldiener mit Schwertern, noch so eine britische Tradition.

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