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Großbritannien:Der große Irrtum der Brexit-Befürworter

Anhänger der "Leave-Kampagne" warten auf Nigel Farage, einen der führenden Köpfe der britischen Anti-EU-Bewegung.

(Foto: AFP)

Über Jahrhunderte hinweg übten die Briten Einfluss in der Welt aus. Doch jetzt ist ihnen ihr historisches Gespür abhanden gekommen.

Niemand muss den Briten ihre Geschichte erklären. Die kennen sie selbst sehr genau. Das aus der Historie gespeiste Selbstvertrauen war über viele Jahrzehnte, gar Jahrhunderte eine wichtige Kraft für Modernisierung und zum Antrieb der Nation. Aus der Geschichte leitete sich politische Überlegenheit ab und die Rolle als Vorbild.

Heute aber fühlt sich die Geschichte schwer an. Großbritannien ist verzagt und kleinmütig. Den Briten ist ihr historisches Gespür abhanden gekommen, die Fähigkeit zur Selbstbetrachtung von außen, der Blick für die eigene Bedeutung.

Hätte sich das Land die Sendungsgabe bewahrt - es würde eine Brexit-Debatte nicht führen. Es würde erkennen, dass die Europäische Union mit Großbritannien in ihrer Mitte die zwingende Fortsetzung einer Weltpolitik ist, die das Königreich England und das Königreich Schottland seit ihrem Vereinigungsgesetz im Jahr 1707 betrieben haben.

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Großbritannien

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In einer TV-Debatte warnt der britische Premierminister vor den Folgen eines EU-Austritts. Die Briten würden sich damit selbst schaden.

Großbritannien war niemals ein insulares Gebilde. Sein Schicksal war immer eng mit den Machtverhältnissen auf dem Kontinent verknüpft. Ein Earl Stanhope balancierte meisterlich die Interessen der Krone. Europäische Gleichgewichtspolitik war eine britische Erfindung, nicht nur in der Zeit der Aufklärung, sondern auch nach dem Wiener Kongress.

Die Briten mussten das europäische Mächtegefüge wahren, um ihre Interessen als Handelsnation durchzusetzen. Hier liegt die zweite große Begabung, die das Land durch die EU zur Geltung bringen kann: Das Gründungsmotiv des britischen Empire war der Handel, der blanke merkantilistische Trieb. Wer Privilegien verteilt, Rechte verwaltet, Monopole bewacht, der lenkt und herrscht.

Churchill, Virtuose der Macht

Selbst die mehr oder weniger kontrollierte Auflösung des Empire, der Übergang zum Commonwealth, nahm die Ideen vorweg, die später in der EU praktiziert wurden. Die Dominion-Staaten trafen sich alle paar Jahre zur Reichskonferenz, ihre Premierminister formten das "Kabinett der Kabinette". Heute würde man sagen: Es traf sich der Rat.

Schließlich und selbstverständlich: Winston Churchill, den man nicht zum romantisierenden Europäer abstempeln sollte, nur weil er in seiner Zürcher Rede am 19. September 1946 das vereinte Europa erfand. Nein, naiv war Churchill nicht, er war ein Virtuose der Macht, dem sein Biograf Roy Jenkins völlig zu Recht Valéry Giscard d'Estaing, Helmut Schmidt, François Mitterrand und Helmut Kohl als Erbnehmer an die Seite stellt.