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Brexit:"Ich habe Vertrauen in die EU"

Stefanie Röfke, 38 Jahre alt, ist gebürtige Berlinerin und vor vier Jahren nach Großbritannien gezogen. Sie lebt in Huddersfield (Nordengland) und arbeitet als freiberufliche Texterin.

Stefanie Röfke - Brexit Protokolle

"Dass ich so zuversichtlich bin, ist relativ neu", sagt Stefanie Röfke.

(Foto: privat)

Das klingt vielleicht komisch, aber ich bin optimistisch. Ich mache mir ungern Sorgen wegen etwas, von dem ich noch gar nicht weiß, ob es eintritt. Was soll ich auch machen? Politischen Einfluss habe ich keinen. Ich kann mich nicht vorbereiten, ich lebe erst seit vier Jahren in England, mir fehlt ein Jahr, bis ich die Staatsbürgerschaft beantragen könnte.

Ich wüsste auch gar nicht, auf was ich mich vorbereiten soll, weil niemand weiß, wie es weitergehen wird. Die Politiker im Parlament haben scheinbar genauso wenig Ahnung wie ich. Auf der Regierungsseite steht ganz nett "Macht euch keine Sorgen", aber mehr sagen sie uns EU-Bürgern nicht.

Aber ich habe Vertrauen in die EU. Die scheinen mir bei den Verhandlungen der verlässliche Partner zu sein, während das Vereinigte Königreich sich aufführt wie ein Kind. Am Ende wird die Vernunft siegen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man Familien auseinanderreißt und Menschen über Nacht in ihre Herkunftsländer deportiert. Vermutlich will ich es mir auch einfach nicht vorstellen.

Dass ich so zuversichtlich bin, ist relativ neu. Nach dem Referendum gab es Berichte über eine ausländerfeindliche Stimmung im Land, da wurde ich ganz paranoid. Ich habe mich die ersten Wochen gar nicht mehr auf die Straßen getraut weil ich das Gefühl hatte, nicht erwünscht zu sein. Aber meine Angst hat sich schnell gelegt. Meinen britischen Freunden war die Brexit-Entscheidung ziemlich peinlich, die haben dafür gesorgt, dass ich mich weiter willkommen fühle.

Weil ich als freiberufliche Texterin arbeite, bin ich natürlich etwas flexibler als andere. Mir macht nur manchmal Sorgen, dass die meisten meiner Kunden aus Deutschland kommen. Ich weiß nicht, ob ich in Zukunft mehr Steuern zahlen muss. Bisher sind die deutschen Kunden noch ein Vorteil: Ich werde in Euro bezahlt, das lohnt sich zur Zeit, weil der Wert des britischen Pfunds sinkt.

"Wir sind nur das Faustpfand"

Fiona and Richard McIntosh, 39 und 38 Jahre alt, kommen beide aus dem Vereinigten Königreich. Seit neuneinhalb Jahren leben sie in Berlin und arbeiten als Erzieherin und IT-Spezialist.

Fiona McIntosh und Richard McIntosh - Brexit Protokolle

Fiona und Richard McIntosh leben mit ihren Kindern schon seit Jahren in Deutschland.

(Foto: privat)

Gleich nach dem Referendum wussten wir, dass wir unbedingt die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen müssen. Wir leben mit unseren drei Kindern in unserer eigenen Wohnung, wenn wir nicht mehr bleiben dürften, wäre das eine Katastrophe. Zum Glück haben wir gute Chancen: Wir leben seit neuneinhalb Jahren in Deutschland, haben beide einen unbefristeten Job und hatten beim Einbürgerungstest die volle Punktzahl.

Die Frage ist nur, ob wir die Staatsbürgerschaft noch vor dem Brexit bekommen. Im November haben wir sie beantragt und seitdem noch nichts gehört. Freunde haben uns erzählt, dass es bis zu einem Jahr dauern kann, und der Andrang in Berlin ist riesig. Mal sehen, ob das vor März klappt. Über Ostern wollen wir unsere Familie in England besuchen, aber wir haben uns noch nicht getraut, die Flüge zu buchen. Wer weiß, ob unser Rückflug dann noch gültig ist?

Ganz zurück nach England wollen wir bisher nicht. In Deutschland zu leben, hat einige Vorteile, der Mutterschutz ist hier zum Beispiel besser. Es gibt keinen Ort in England, der für uns Heimat ist. Wir müssten wieder ganz von vorne anfangen. Aber ganz ausschließen können wir eine Rückkehr auch nicht. Es ist kompliziert.

Wenn es zu einem No-Deal kommt, dann müssen wir uns vielleicht zwischen der deutschen und der britischen Staatsbürgerschaft entscheiden. Ein furchtbarer Gedanke, nicht mehr britisch zu sein - auch wenn sich im Alltag nichts ändern würde. Der britische Pass ist ein Teil unserer Identität.

Leider kümmert sich im britischen Parlament niemand um diese Fragen. Wir Briten im Ausland und EU-Bürger in England, wir sind nur das Faustpfand in den Verhandlungen. Wir haben niemanden, der für alle Briten im Ausland spricht, weil jeder in dem Bezirk in England wählt, in dem er zuletzt gelebt hat. Wir bräuchten jemanden, der sich für uns alle gebündelt einsetzt.

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