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Brexit:"Wir sind alle verunsichert"

Vom Brexit betroffene Briten und EU-Bürger

Nur noch zwei Monate bis zum Brexit. Was sich für sie alles ändern wird, wissen Judith Offman, Pouyan Maleki-Dizaji und Stefanie Röfke (von links nach rechts) noch nicht.

(Foto: privat)

Wer als Brite in einem anderen EU-Land lebt oder als EU-Bürger in Großbritannien, spürt schon jetzt die Folgen des Brexit. Betroffene erzählen, warum sie sich betrogen und alleingelassen fühlen.

Seit mehr als zwei Jahren leben sie mit der Unsicherheit: Die EU-Bürger im Vereinigten Königreich und die Briten in den EU-Ländern wissen noch immer nicht, welche Rechte ihnen bleiben. Müssen sie zurück in ihr Herkunftsland? Bekommen sie in Zukunft ihre Rente? Werden sie ihren Job verlieren? Solange die Politiker sich weiter streiten, sind diese Fragen offen. Sechs Betroffene erzählen, was der Brexit für sie bedeutet.

"Er sagte zu mir: Es geht ja nicht um Ausländer wie dich"

Dr. Judith Offman, 42 Jahre, kommt aus Deutschland. Vor 23 Jahren ist sie nach England ausgewandert. Sie lebt in London und arbeitet am King's College.

Judith Offman - Brexit Protokolle

Judith Offman hat seit zwei Monaten die britische Staatsbürgerschaft.

(Foto: privat)

Ich fühle mich betrogen: Seit 23 Jahren lebe ich hier in England, zahle meine Steuern, forsche über Krebs und trage etwas zur Gesellschaft bei. Und dann wird mir gesagt, dass ich nicht mehr willkommen bin. Das war ein großer Schock für mich. Niemand aus meinem Umfeld hat damit gerechnet, wir fühlen uns alle als Londoner und EU-Staatsbürger.

Nach dem Schock kam die Sorge: Was sind meine Rechte? Kann ich zum Beispiel noch die Gesundheitsversorgung nutzen? Ich habe dann schnell beschlossen, mich für die britische Staatsbürgerschaft zu bewerben. Dafür musste ich belegen, dass ich seit mindestens fünf Jahren hier wohne und arbeite. Ich musste alle möglichen Dokumente vorlegen, für jedes Jahr Rechnungen, Arztbriefe, Belege, wann ich wie lange auf Reisen war. Das alles zusammenzusuchen, hat mich eine gute Arbeitswoche Zeit gekostet. Dann musste ich noch einen Einbürgerungstest bestehen - und 1000 Pfund zahlen. Ohne den Brexit hätte ich mir das nicht angetan.

Vor zwei Monaten habe ich die Staatsbürgerschaft bekommen, jetzt fühle ich mich wenigstens ein bisschen sicherer. Mein Mann ist auch kein Brite, er kommt aus Israel und hat einen polnischen Pass, weil er dort geboren ist. Anrufe lässt er lieber mich machen, damit man seinen Akzent nicht hört. Er hat das Gefühl, dass die Menschen im Pub und im Supermarkt ihn anders behandeln als mich deutsche Einwanderin. Einmal habe ich mit jemandem gesprochen, der für den Brexit gestimmt hat, der sagte zu mir: "Es geht ja nicht um Ausländer wie dich."

"Werde ich noch frei in der EU arbeiten und reisen dürfen?"

Pouyan Maleki-Dizaji, 24 Jahre, kommt aus England. Er lebt in Madrid und Brüssel und arbeitet für ein britisches Unternehmen, das die Europäische Kommission berät.

Pouyan Maleki-Dizaji - Brexit Protokolle

Viele von Pouyan Maleki-Dizajis Kollegen haben durch den Brexit ihren Job verloren.

(Foto: privat)

Am Tag des Referendums war ich früh ins Bett gegangen, weil ich sicher war, dass wir eh in der EU bleiben würden. Dann wachte ich auf und das Erste, was ich sah, war eine BBC-Eilmeldung auf meinem iPhone. So schnell bin ich noch nie aus dem Bett gesprungen, das war ein Schock, wie der Moment, wenn du einen frühen Flug gebucht hast und morgens feststellst, dass du verschlafen hast. Dann musste ich auch noch den Morgen mit meinem Sommer-Job im Altenheim verbringen und Rentnern ihre Cornflakes servieren, während die jubelten: "Wir haben unser Land zurück!" Ich muss deren Ignoranz ausbaden und hatte Sorgen, dass mein Master-Studienplatz nun nichts mehr wert ist.

Ich bin dann zu meinem Jura-Professor gegangen und habe ihn gefragt, ob ich den Master überhaupt anfangen soll. Er meinte: "Auf jeden Fall, jetzt ist der beste Zeitpunkt dafür. Noch nie war Fachwissen über die EU so nötig wie jetzt, wenn alle durch den Brexit verunsichert sind."

In den zwei Jahren seit dem Referendum habe ich gemerkt, dass er recht hat. Aber ich spüre auch schon die Auswirkungen des Brexit. Ich arbeite für ein niederländisch-englisches Unternehmen, das die Europäische Kommission berät. Die EU beauftragt natürlich lieber Firmen, die ihren Sitz in der EU haben. Viele meiner Kollegen verlieren jetzt ihren Job. Wir sind alle verunsichert.

Ich selbst arbeite in Madrid und Brüssel und muss mich fragen, wie lange das noch funktioniert. Werde ich noch frei in der EU arbeiten und reisen dürfen? Meine Freundin kommt aus Deutschland und arbeitet in den Niederlanden. Werde ich sie noch ohne Visa besuchen können? Ich weiß es nicht, und von der Regierung hört man nichts.

"Ich will kein Ex-Engländer sein"

Daniel Tetlow ist Brite und lebt in Berlin. Er hat den Verein "British in Germany" mitgegründet, der Informationen und Unterstützung anbietet für Menschen, die durch den Brexit verunsichert sind.

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Jeden Tag erreichen unseren Verein Hunderte Fragen von Menschen, die Angst haben. Sie wissen nicht, ob sie bleiben dürfen, welchen Status ihre deutschen Partner oder Kinder haben werden, ob sie weiter von der britischen Regierung ihre Rente und ihre Krankenversicherung bekommen.

Ich erinnere mich an eine Frau namens Alex. Sie ist Computerspiel-Entwicklerin und hat Autismus. Bei ihrem Job wechselt sie oft von Vertrag zu Vertrag und von Land zu Land. Sie fürchtet nun, dass sie diese Freizügigkeit bald nicht mehr haben wird, und dass zukünftige Arbeitgeber lieber EU-Bürger einstellen, weil die weniger Papierkram verursachen. Diese Unsicherheit ist für Alex so schlimm, dass sie in der Psychiatrie behandelt werden muss. Wegen ihres Autismus braucht sie Stabilität und eine klare Vorstellung von der Zukunft. Der Brexit verursacht genau das Gegenteil.

Das ist natürlich ein Extrembeispiel, aber alle machen sich Sorgen. Zum Glück reagieren die deutschen Behörden und Politiker sehr klar: Beamte auf Länder- und Bundesebene haben uns versichert, dass wir in Deutschland bleiben dürfen, egal was mit dem Brexit passiert. Viele wissen das gar nicht, es kursieren zu viele Gerüchte.

Aber nicht nur die deutschen Behörden, auch meine Freunde und Nachbarn hier haben zu 100 Prozent mit Solidarität reagiert, da war nichts von Schadenfreude zu spüren. Ich stand mit Hunderten von Menschen in der Volkshochschule, um meinen Einbürgerungstest zu machen, und war begeistert, wie freundlich die Mitarbeiter sich um jeden Einzelnen gekümmert haben.

Solche Begegnungen helfen sehr, gerade jetzt, wo uns das britische Parlament so hängen lässt. Uns wurde gesagt, dass sich an unseren Rechten als Bürger im Ausland mit dem Brexit nichts ändern würde. Das ist kläglich gescheitert. Ich will kein Ex-Engländer sein, ich bin ein stolzer europäischer Engländer, der im Ausland lebt. Das lasse ich mir vom Brexit nicht nehmen.