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Brasilien:Präsident Bolsonaro ist so beliebt wie nie

Brazil's President Jair Bolsonaro gestures after attending the launching ceremony of the New Credit of the Housing by settlers at the Planalto Palace in Brasilia

Dank eines Sozialhilfeprogramms befindet sich Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro im Umfragehoch.

(Foto: REUTERS)

Verheerende Brände und 150 000 Corona-Tote - doch Brasilien scheint besser durch die wirtschaftliche Krise zu kommen als seine Nachbarn. Wie kommt das?

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Brasilien hat am Wochenende einen weiteren düsteren Meilenstein in der Corona-Pandemie überschritten: Die Zahl der Menschen, die in dem südamerikanischen Land an dem neuartigen Erreger gestorben sind, ist auf mehr als 150 000 gestiegen. Nur in den USA gibt es mehr Tote. Ein paar Tage zuvor waren bereits mehr als fünf Millionen Infizierte registriert worden. Und abseits der Pandemie gibt es noch eine ganze Reihe weiterer schlechter Nachrichten. So wüten im Pantanal, einem der größten Feuchtgebiete der Erde, riesige Brände. Die Flammen haben bereits eine Fläche von der Größe Belgiens zerstört. Auch im Amazonas brennt es, genauso wie in vielen anderen Landesteilen. Rauchwolken verdüstern den Himmel selbst in entfernten Großstädten. Zu all dem fällt auch noch der Kurs der Landeswährung Real.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Beliebtheitswerte von Präsident Jair Bolsonaro nicht gesunken sind. Im Gegenteil: Brasiliens rechter Staatschef ist in einem Umfragehoch. Noch nie seit seinem Amtsantritt am 1. Januar 2019 war er so populär wie jetzt. 40 Prozent der Brasilianer sind mit ihm zufrieden, zeigen Umfragen. Gleichzeitig lehnen immer weniger Menschen seine Politik ab oder geben ihm die Schuld für die hohen Corona-Zahlen.

Tatsächlich steht Brasilien hier bei genauerem Hinsehen auch nicht sehr viel schlechter da als seine Nachbarn. Die Pandmie hat Lateinamerika hart getroffen, dabei hatten viele Länder schon früh teils strikte Lockdowns verhängt, so zum Beispiel Peru. Hochgerechnet auf die Einwohnerzahl gibt es dort heute aber mehr Tote als in Brasilien, allen Quarantänemaßnahmen zum Trotz. Und während die peruanische Wirtschaft dieses Jahr wohl den schlimmsten Einbruch in der Geschichte des Landes erleben wird, soll die von Brasilien nur um etwa fünf Prozent schrumpfen, schätzen Experten. Das wäre weit weniger als der lateinamerikanische Durchschnitt.

Zu verdanken hat das Land dies einerseits seinem immer noch starken Agrarsektor: Brasilien ist der größte Rindfleischproduzent der Welt, dazu exportiert das Land Soja, Reis, Mais und Zuckerrohr. Die Landwirtschaft wächst, allerdings auf Kosten der Natur. Viele der Waldbrände, die derzeit zu beobachten sind, dienen dazu, neues Ackerland und Weidefläche zu gewinnen. Wo früher Urwaldriesen wuchsen, grasen heute Rinder. Diese Entwicklung ist nicht neu, auch schon Jair Bolsonaros Vorgängerregierungen haben die Agrarindustrie gefördert. Unter Brasiliens ultra-rechtem Präsidenten aber hat die Branche an Einfluss gewonnen wie schon lange nicht mehr.

Für den vergleichsweise geringen Wirtschaftseinbruch und Bolsonaros Popularität ist dennoch ein weiterer Punkt viel entscheidender: Kurz nachdem der Covid-19-Erreger begann, sich auch in Brasilien auszubreiten, beschloss die Regierung eine Nothilfe für Bedürftige. Zunächst geschah dies nur zögerlich und in so geringem Ausmaß, dass am Ende der Kongress den Betrag erhöhen musste. Nun aber beziehen seit April 40 Prozent der erwachsenen Brasilianer monatlich eine Hilfe von 600 Real, rund 90 Euro. Nicht viel, aber es reicht, um zumindest eine Mahlzeit am Tag auf den Tisch zu bringen. Und es ist genug, um den Konsum anzukurbeln und die Umfragewerte von Jair Bolsonaro in die Höhe schnellen zu lassen.

Jair Bolsonaro und sein Kabinett möchten diese Popularität gern festigen vor den Wahlen 2022. Gleichzeitig kann sich das Land die Maßnahmen eigentlich jetzt schon nicht leisten. Die Verschuldung Brasiliens wird bis Jahresende wahrscheinlich auf 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ansteigen, das Haushaltsdefizit wächst und wächst, und Investoren ziehen ihr Geld ab aus Angst vor einer Hyperinflation, wie es sie schon in der Vergangenheit immer wieder gegeben hat in Brasilien. Die Regierung von Jair Bolsonaro hat nun die Hilfe halbiert, Ende des Jahres wird sie auslaufen. Millionen Brasilianer könnten dann wieder vor dem Nichts stehen - und die Umfragewerte des Präsidenten einbrechen.

© SZ vom 12.10.2020
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