BP und die Ölpest:Obamas schwarze Weste

Der US-Präsident Barack Obama hofft inständig, dass ihm niemand ansieht, wie schwach und hilflos er in Wahrheit ist: Der mächtigste Mann der Welt kann gegen BP und die Macht des Öls nichts ausrichten.

Christian Wernicke

Barack Obama mimt den starken Mann. Er muss das tun, solche Schauspielerei ist Teil seines Jobs. Noch in jeder Krise, angesichts jeder Katastrophe wendet Amerika seinen Blick reflexartig auf den Mann im Weißen Haus. Der Präsident muss erklären und entscheiden, soll retten und es richten.

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Der US-Präsident steht unter Druck: Obama muss erklären, entscheiden und vor allem handeln.

(Foto: afp)

So auch jetzt, da die Nation miterlebt, wie ein tödlicher, kotbrauner Ölschlamm allmählich die US-Golfküste überzieht. Also tritt Obama vors Volk und legt die Stirn streng in Falten: Er geißelt BP, verheißt Strafen, stoppt vorübergehend alle neuen Tiefsee-Bohrungen - und hofft inständig, dass ihm nur ja niemand ansieht, wie schwach und hilflos er in Wahrheit ist.

Denn der mächtigste Mann der Welt kann nichts ausrichten. Jedenfalls nicht da, wo für die meisten Amerikaner das Problem liegt: 66 Kilometer vor der Küste, eine knappe Meile unterm Meeresspiegel sprudelt das Öl unerbittlich aus dem Bohrloch. Das Fernsehen inszeniert als Hightech-Spektakel, wie BPs ferngesteuerte Roboter in düsteren Tiefen das Leck zu stopfen versuchen. Der Ölkonzern hat seine Notoperation zum "Top Kill" verklärt - und das Weiße Haus zum Zuschauer verdammt. Einzig der Täter BP regiert am Tatort, seit mittlerweile mehr als fünf Wochen.

Der Quell des Desasters

Allein, das Bohrloch in finsterer Tiefe ist nur der Quell des Desasters - nicht die Ursache. Und die Gründe, die Amerikas bisher größte Umweltkatastrophe des 21. Jahrhunderts heraufbeschworen haben, liegen allesamt an Land. Und zum größten Teil in Washington, wo all die laxen Regeln gemacht wurden, nach denen die Petroleumbranche vor den Küsten Jagd machen darf auf das schwarze Gold.

Abgesehen von einigen linksliberalen Außenseitern galt als überparteilicher Konsens im Kongress: Was immer billig sei für "Big Oil", müsse am Ende auch gut sein für Amerika. Entsprechend lapidar fielen dann auch die Inspektionen aus, mit denen die zuständige Bundesbehörde die Bohrinseln kontrollierte.

Diesem Schlendrian, dieser geschmierten Kumpelkultur zwischen Konzernen und Kontrolleuren hat Obama nun den Kampf angesagt. Nur, derselbe Präsident, der jetzt Amerika zu noch einem weiteren Wandel aufruft, hat vor zwei Monaten noch selbst geglaubt, dass "Öl-Plattformen im Allgemeinen keine Ölkatastrophen mehr verursachen".

Ein triefend schwarzer Fleck

Das war, als Obama ankündigte, er wolle vor Alaska und der Atlantikküste neue Ölfelder zur Erschließung freigeben. Gemeint war dies als Manöver, um einige Republikanern im Kongress gnädiger zu stimmen für ein umfassendes Energie- und Klimaschutzgesetz. Nun klebt ein triefend schwarzer Fleck an des Präsidenten grüner Weste.

Der Mut, die Öko-Krise gar als Chance für mehr Klimaschutz zu begreifen, fehlt Obama. Dieser Präsident weiß sehr wohl, dass die Verpestung der Golfküste Sinnbild für Amerikas fatale "Abhängigkeit vom Öl" ist. Die Kraft aber, eine energiepolitische Wende noch vor den Wahlen im November zu wagen, hat er nicht.

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