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Bolivien:Evo Morales' langer Schatten

FILE PHOTO: Supporters of the MAS party attend a closing campaign rally in El Alto

Evo Morales war der erste Präsident aus Reihen der Indigenen. Heute wirbt sein Parteifreund Luis Acre (rechts) um deren Stimmen.

(Foto: David Mercado/Reuters)

Ein Jahr nach der Flucht des Ex-Präsidenten steht das zerrissene Land vor schicksalhaften Neuwahlen. Der ehemals starke Mann Boliviens bestimmt auch aus seinem Exil die Agenda.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Wenn an diesem Sonntag in Bolivien ein neuer Präsident gewählt wird, steht zum ersten Mal seit fast zwei Jahrzehnten ein Name nicht mehr auf den Stimmzetteln: Evo Morales. Und dennoch wird sich auch diesmal alles um den wohl bekanntesten, aber auch umstrittensten Politiker drehen, den es in der jüngeren Geschichte des kleinen Landes im Herzen von Südamerika wohl gegeben hat.

Fast ein Jahr ist vergangen, seit Morales im November 2019 aus Bolivien fliehen musste, vertrieben durch Druck der Militärs und tödlichen Massenprotesten. Ihm und seiner Partei, dem Movimiento al Socialismo, kurz MAS, wurde damals Betrug bei den Wahlen im Oktober 2019 vorgeworfen. Eine rechts-religiöse Übergangsregierung übernahm die Macht, sie setzte Neuwahlen an, musste diese aber immer wieder verschieben wegen der Coronapandemie im Land. Der Erreger ist zwar immer noch nicht unter Kontrolle, dennoch aber sollen die Bolivianer nun wieder an die Urnen. Es sind nicht nur Neu-, sondern auch Schicksalswahlen. Denn im besten Falle bringen sie dem Land ein bisschen Frieden - im schlechtesten Fall aber stürzen sie es noch tiefer ins Chaos.

Schon in den Wochen vor den Wahlen am Sonntag kam es immer wieder zu teils gewalttätigen Auseinandersetzungen, die Situation ist angespannt, das Land und seine knapp elf Millionen Einwohner polarisiert.

Auf der einen Seite stehen dabei die Anhänger von Ex-Präsident Morales und seiner Partei. 14 Jahre haben sie Bolivien regiert und dabei das Land so stark verändert, wie kaum eine Regierung vor ihnen. Evo Morales war 2006 der erste indigene Präsident in der Geschichte Boliviens, dabei gehört mehr als die Hälfte der Menschen im Land einer traditionellen ethnischen Gemeinschaft an. Morales verschaffte den Indigenen Mitsprache und Selbstvertrauen, gleichzeitig verstaatlichte er die reichen Rohstoffvorkommen Boliviens und steckte das Geld aus dem Verkauf der Bodenschätze in Sozialprogramme. Schulen wurden gebaut und Krankenhäuser, die Lebenserwartung stieg, die Zahl der Armen, Arbeitslosen und Analphabeten fiel. Manche Beobachter sprachen von einem "bolivianischen Wunder".

Gleichzeitig aber gab es auch immer mehr kritische Stimmen. Die MAS verstrickte sich in Korruptionsaffären und selbst einstige Unterstützer der Regierung störten sich zunehmend an dem Machthunger der MAS und dem Personenkult um Evo Morales. Bei den Wahlen 2019 trat er schon zum vierten Mal an, obwohl die von seiner eigenen Regierung verabschiedete Verfassung eigentlich schon eine dritte Kandidatur verboten hätte.

Mit allen Mitteln die Rückker der MAS verhindern

Morales darf an der Wahl am Sonntag nicht teilnehmen, seine Partei hat dennoch gute Chancen auf einen Sieg. Ihr Kandidat, der 57-jährige Ökonom und ehemalige Wirtschaftsminister Luis Arce, könnte schon im ersten Durchgang genug Stimmen holen, um nicht in eine Stichwahl gehen zu müssen.

Seine beiden größten Gegenkandidaten sind Luis Fernando Camacho, ein Unternehmer aus dem reichen Tiefland, der für eine rechts-religiöse Agenda steht, und Carlos Mesa, ein gemäßigter Konservativer, der das Land schon einmal von 2003 bis 2005 regierte. Vor allem Mesa sagen die Umfragen gute Chancen voraus und seine Werte legten zuletzt sogar noch einmal zu, nachdem die bisherige Übergangspräsidentin Jeanine Áñez ihren Ausstieg aus dem Rennen bekannt gab.

An Áñez kann man gut sehen, wie groß der Hass in Teilen der bolivianischen Bevölkerung auf die MAS und Morales ist. Kaum hatte die bis dahin unbekannte konservative Hinterbänklerin ihr Amt als Übergangspräsidentin im November 2019 übernommen, ließ sie MAS-Mitglieder verhaften und verfolgen. Als sie dann Neuwahlen ausrief, erklärte sie, auch selbst antreten zu wollen, um so eine Rückkehr der MAS zu verhindern. Und auch ihr Rücktritt vor ein paar Wochen hatte nur ein Ziel: Das konservative Lager zu stärken. "Wenn wir uns nicht vereinen, kommt Morales zurück", schrieb Áñez auf Twitter.

Wahlen sind erstmal ein guter Anfang

Obwohl Hunderte Kilometer vom Regierungssitz La Paz entfernt, dominiert der Ex-Präsident von seinem Exil in Buenos Aires aus die Wahlen. Den einen macht er Angst, den anderen Hoffnung, vielleicht sogar auf einen Sieg von MAS-Kandidat Luis Arce in der ersten Runde. Sollte ihm das nicht gelingen und auch kein anderer Kandidat eine Mehrheit erreichen, käme es zu einer Stichwahl im November, mit ungewissem Ausgang.

Doch selbst bei einem klaren Sieg eines der Kandidaten ist unsicher, ob es zu einem friedlichen Machtwechsel kommt. Viele Menschen hätten Angst, sagt der bolivianische Politikwissenschaftler José Luis Exeni: "Es gibt die große Sorge, dass das Ergebnis der Wahlen am Ende nicht anerkannt wird." Schon jetzt machen Gerüchte von Betrug die Runde, die Menschen bereiten sich auf das Schlimmste vor.

Exeni, der selbst lange der obersten Wahlbehörde Boliviens angehörte, glaubt, das Komitee habe dieses Jahr mehr Rückhalt in der Bevölkerung. Und anders als viele seiner Landsleute will Exeni auch auf die Kraft der Demokratie vertrauen, ein frommer Wunsch, sagt er, aber: "Immerhin: Es gibt Wahlen, das ist doch schon der erster Schritt."

© SZ vom 17.10.2020/mpu
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