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Boko-Haram-Terror in Nigeria:Die Wahrheit ist der Tod

Eine der vielen Städte, die Boko Haram in Schutt und Asche gelegt haben soll: Bewohner des Ortes Gamburu im Mai 2014.

(Foto: Jossy Ola/AP)
  • Vier Tage hat das jüngste Massaker von Boko Haram im Norden Nigerias gedauert - ein grauenvoller Beweis der Gewalt.
  • Das Material von Amnesty International ist dünn aber überzeugend. Es besteht aus Satellitenbildern und Zeugenaussagen.
  • Amnesty vermutet, dass mehrere Hundert Menschen bei den Angriffen starben.
  • Mit radikalem Islam hat die Gruppe allerdings weniger zu tun, als sie selbst zugibt.

Unter all den blutigen Attacken von Boko Haram sei das der zerstörerischste Angriff gewesen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International ist deutlich in ihrem Urteil. Mindestens vier Tage soll das Massaker gedauert haben, das die Islamisten von Boko Haram im Nordosten Nigerias, in und um die Stadt Baga, verübt haben. Das Schlimmste ist: Kaum jemand kann sagen, ob das Töten überhaupt aufgehört hat. Denn die Gewalt war Augenzeugen zufolge so heftig, dass alle, die noch berichten könnten, geflohen sind.

Es ist wie immer, wenn Boko Haram zuschlägt: Die Beweislage ist dünn. Kaum ein Journalist traut sich noch in das Gebiet im Nordosten Nigerias, wo die Terroristen ihr Unwesen treiben. Meist gibt es nur ein paar Berichte von Überlebenden - wenn überhaupt. Straßen und Telefonverbindungen in dieser vernachlässigten Region sind schlecht; es soll kaum noch Handyempfang geben, seitdem Kämpfer der Miliz Telefonmasten zerstört haben. Und so besteht Amnestys Beweismaterial aus Satellitenfotos und aus Aussagen von Augenzeugen und lokalen Regierungsbeamten.

"Bilder zeigen Zerstörung von katastrophalem Ausmaß"

Überzeugend ist es trotzdem. Auf den Fotos sind die betroffenen Orte zu sehen, vor und nach dem Angriff. "Diese Bilder zeigen Zerstörung von katastrophalem Ausmaß in zwei Städten, eine davon wurde in den vier Tagen fast von der Karte gelöscht", sagt Daniel Eyre, Nigeria-Experte von Amnesty International. Die niedergebrannten Wohnviertel sind deutlich zu erkennen. Die Zerstörung passe zu den schrecklichen Zeugenaussagen, die man gesammelt habe, teilt Amnesty mit. Die Organisation zitiert einen Mann mit den Worten: "Sie haben so viele Menschen getötet. Ich habe vielleicht 100 Tote in Baga gesehen. Ich rannte in den Busch. Während wir rannten, schossen und töteten sie weiter."

Wie viele Menschen in diesen Tagen umgekommen sind, weiß niemand genau. Anfangs sprach ein lokaler Beamter von bis zu 2000 Todesopfern. Bestätigt werden konnte die Zahl nicht. Amnesty jedenfalls vermutet, dass mehrere Hundert Menschen bei dem Angriff starben. Am Montag, nach fast fünf Tagen Stille, äußerte sich schließlich die Regierung: "Die Zahl der Menschen, die in der Baga-Attacke ihr Leben verloren, hat bislang 150 nicht überschritten." Eine interessante Formulierung - als sei 150 eine verkraftbare Opferzahl. Ungewollt verdeutlicht sie, wie wenig sich Nigerias Elite um den Terror schert, der seit 2009 im Norden des Landes tobt.

Die Geschichte von Boko Haram reicht bis in die späten Neunzigerjahre zurück. Damals formierte sich in Nordnigeria eine winzige islamistische Sekte, die sich für eine strikte Form der Scharia einsetzte und gegen die korrupten Eliten Nigerias wetterte - egal, ob diese aus der Politik stammten, den Sicherheitskräften oder den gemäßigten muslimischen Instanzen. Die Bevölkerung verknappte den komplizierten arabischen Namen der Gruppe auf Boko Haram, was sich grob mit "Westliche Bildung ist verboten" übersetzen lässt. Eigentlich bedeutet "boko" in der im Norden üblichen Sprache der Hausa Betrug, doch der Begriff wandelte sich. Seine Mehrdeutigkeit verweist aber noch heute auf die anfängliche Kritik Boko Harams an Korruption und Misswirtschaft in einem der ölreichsten Staaten der Welt. Das Öl macht vor allem die Eliten in Abuja und Lagos reich, im armen Norden kommt von dem Reichtum nichts an - was den Terroristen viele Anhänger verschafft.

Mittlerweile haben die Terroristen mehr als 15 000 Menschen umgebracht

Als sich die Sekte mit den Jahren ideologisch radikalisierte, gingen Polizei und Armee mit Gewalt gegen Mitglieder der Sekte vor. Erst damit, von 2009 an, wurde Boko Haram zur bewaffneten Terrorgruppe, deren Angriffe zunächst Regierungsstellen und Bildungseinrichtungen galten. Seit 2014 attackiert die gut gerüstete Miliz in immer kürzeren Abständen Siedlungen, tötet Zivilisten oder nimmt sie als Geiseln. Ihr Ziel ist unklar - anders als beim IS scheinen ihre Methoden nicht auf dauerhafte politische Kontrolle gerichtet zu sein.

Beobachtern zufolge haben die Terroristen inzwischen mehr als 15 000 Menschen umgebracht; etwa eine Million soll sich innerhalb Nigerias oder in den Nachbarstaaten Tschad und Niger auf der Flucht befinden.

Diese Satellitenaufnahmen wurden Amnesty International zufolge von dem Ort Doro Baga am 2. und 7. Januar 2015 gemacht (rot: die intakte Vegetation).

(Foto: Michah Farfour/Digitalglobe/Amnesty International/epa)

Zwar haben Boko-Haram-Führer immer wieder ihre Anlehnung an die großen islamistischen Terrornetzwerke bekundet, doch die Gruppe hat weniger mit radikalem Islam zu tun, als sie selbst zugibt. Ihre Anschläge richten sich nicht vorrangig gegen Christen - die meisten Opfer sind Muslime. Boko Harams Wurzeln liegen in der Armut Nordnigerias, zusätzlichen Auftrieb erhält die Miliz durch die Ignoranz der Regierung: Präsident Goodluck Jonathan äußert lieber Mitgefühl mit den Pariser Anschlagsopfern als mit den Toten in Baga. Im Februar will Jonathan wiedergewählt werden. Bis dahin, so vermuten Experten, wird er im Norden nichts unternehmen - zu egal ist den Mächtigen im Süden die Gewalt dort.

Südlich der Sahara sind islamistische Terroristen wie in anderen Weltregionen eine winzige Minderheit gegenüber dem Heer moderater Muslime, die ihren Glauben gewaltfrei leben. Nicht der Islam hat diese Extremisten hervorgebracht, sondern ihr spezifischer lokaler Kontext. Gerade in Afrika zeigt sich außerdem, dass der Terror keine muslimische Spezialität ist. Die radikal-christliche Lord's Resistance Army (LRA), die ihren Ursprung in Uganda hat, beruft sich auf die Zehn Gebote des Christentums. Etwa 100 000 Menschen hat die von Joseph Kony gegründete Rebellengruppe auf dem Gewissen - von den Zehntausenden Kindern, die sie zu Kindersoldaten gemacht hat, ganz zu schweigen.