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Boko Haram:Nigeria hofft auf Spur zu weiteren entführten Schülerinnen

Amina Ali (l.) war 764 Tage in Gefangenschaft der Terrormiliz Boko Haram. Nigeria hofft auf die Spur von Serah Luka (r.)

(Foto: Azeez Akunleyan/AP; AFP)
  • Zwei der 219 verschollenen Mädchen konnten aus der Gefangenschaft befreit werden.
  • Von den restlichen Mädchen, die 2014 aus einer Schule von der Boko-Haram-Miliz entführt wurden, fehlt weiterhin jede Spur.
  • Nigeria erhofft sich von den befreiten Geiseln nun Hinweise auf den Aufenthaltsort der restlichen Mädchen.

Von Isabel Pfaff

Über 700 Tage dauerte ihre Gefangenschaft. Jetzt sind Amina Ali Nkeki und ein weiteres Mädchen frei. Vor mehr als zwei Jahren wurden sie aus ihrem Internat in Chibok im Nordosten Nigerias gemeinsam mit 274 Mädchen verschleppt. Die Täter bekannten sich damals per Videobotschaft: Kämpfer der Terrormiliz Boko Haram.

Die entführten Mädchen gelten als wertvollstes Faustpfand der nigerianischen Islamisten - obwohl sie nicht die ersten und auch nicht die letzten Entführungsopfer der Miliz waren. Doch es war ihr Schicksal, das zum Symbol wurde für das Versagen des Staates im Kampf gegen die Terrormiliz, die seit Jahren den Norden Nigerias und inzwischen auch die Nachbarstaaten mit Gewalt überzieht.

An den Schülerinnen von Chibok wird gemessen, ob Boko Haram besiegt werden kann oder nicht. Am Dienstag konnte Amina Ali Nkeki, die erste der verbliebenen 219 Geiseln, entkommen, am Freitag befreiten Nigerias Streitkräfte 97 Gefangene von Boko Haram, unter ihnen eine weitere Schülerin aus Chibok. Sie soll die Tochter eines Pastors sein. Derzeit wird sie medizinisch betreut.

Terrororganisation unter Druck

Dass die beiden Mädchen gerettet werden konnten, ist zumindest ein Hinweis darauf, dass die Islamisten unter Druck stehen. Eine Bürgerwehr, die mit der nigerianischen Armee zusammenarbeitet, entdeckte Amina Ali Nkeki am Dienstag in der Nähe des Sambisa-Waldes, dem wichtigsten Rückzugsgebiet von Boko Haram. Offenbar war die heute 19-Jährige aus einem Lager der Miliz geflohen, das unter Beschuss der Armee geraten war. Sie hatte ein vier Monate altes Mädchen bei sich. Wie das Militär berichtet, sei auch ein Mann bei ihr gewesen, der sich als ihr Ehemann bezeichnete. Das Militär hat ihn inzwischen als mutmaßlichen Boko-Haram-Kämpfer in Gewahrsam genommen.

Die Bürgerwehr, die die junge Frau als eine der entführten Schülerinnen erkannt hatte, brachte Nkeki und ihr Baby zunächst nach Chibok, wo sie von ihrer Mutter und ihrem Bruder eindeutig identifiziert wurde. Mehrere nigerianische Zeitungen zitieren Bewohner der Stadt, denen Nkeki gesagt haben soll, dass sie alle noch im Sambisa-Wald festgehalten würden - bis auf sechs, die nicht mehr am Leben seien. Derzeit werden immernoch 217 Schülerinnen vermisst.

Hinweise erhofft

Angehörige und Aktivisten erhoffen sich nun von den befreiten Geiseln Hinweise zum Aufenthaltsort der übrigen Mädchen. Am Mittwoch wurde Amina Ali Nkeki mit ihrem Baby in ein Militärkrankenhaus im Nordosten des Landes geflogen, und wurde dort untersucht und befragt. Nach Angaben eines Militärsprechers sind beide wohlauf. Die Armee veröffentlichte ein Foto, das eine junge, gesund aussehende Frau mit Kopftuch zeigt, auf dem Arm ein Baby.

Viel Zeit zum Ausruhen blieb Nkeki nicht. Noch am Donnerstag traf sie Präsident Muhammadu Buhari in der Hauptstadt Abuja. Er sei traurig wegen der Grausamkeiten, die das Mädchen durchleben musste, sagte der Staatschef und versprach: "Amina wird die beste Versorgung bekommen, die Nigeria leisten kann."

So wie früher wird das Leben der beiden Mädchen wohl nie mehr werden. Noch ist unklar, unter welchen Umständen Nkeki Mutter geworden ist. Glaubt man den Video-Drohungen des Boko-Haram-Anführers, ist davon auszugehen, dass Amina Ali Nkeki wie viele verschleppte Frauen von den Milizionären als Sexsklavin missbraucht wurde.

© SZ vom 20.05.2016/lalse

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