Terroranschläge von Paris:Ein Prozess, der alte Wunden aufreißt

Terroranschläge von Paris: Die meisten Menschen töteten die Dschihadisten im Bataclan: Zeichen der Trauer vor dem Kulturzentrum in den Tagen nach dem Angriff.

Die meisten Menschen töteten die Dschihadisten im Bataclan: Zeichen der Trauer vor dem Kulturzentrum in den Tagen nach dem Angriff.

(Foto: BERTRAND GUAY/AFP)

Manche erhoffen sich von dem Verfahren aber auch eine emotionale Bewältigung der Morde vor fast sechs Jahren, die Paris traumatisierten. Zum Prozessauftakt tritt der einzige Überlebende der mutmaßlichen Täter auf.

Von Nadia Pantel, Paris

Eigentlich hat Frankreich für seine wichtigsten Prozesse im Nordwesten der Stadt ein neues, gläsernes Hochhaus gebaut. Modern und effizient. Doch dieser Prozess gehört ins Herz der Stadt, denn er hat sie genau dort getroffen. Am Mittwoch begann auf der Île de la Cité, der Insel im Zentrum von Paris, der Prozess gegen die Attentäter des 13. November 2015. Dafür wurde in den alten Justizpalast ein eigener Verhandlungssaal gebaut. Es ist eine riesige Box, die in das denkmalgeschützte Gebäude hineingesetzt wurde. Alles darin ist klar und hell, als wäre allein dieser Raum ein erster Schritt, sich gegen das Dunkel zu stemmen.

130 Menschen wurden am Abend des 13. November umgebracht. Vor dem Stade de France, wo gerade die deutsche und die französische Fußballnationalmannschaft spielten. Auf den Terrassen der Bars und Restaurants im Nordosten der Stadt. Im Konzertsaal des Bataclan.

1765 Namen stehen auf der Liste der Nebenkläger. 1765 Hinterbliebene und Überlebende. Menschen, die einen Freund, eine Schwester oder ein Kind verloren haben. Menschen, die ihr Leben für immer in ein Vorher und ein Nachher einteilen. In die Hälfte, bevor die Terroristen das Feuer eröffneten und ihre Sprengstoffweste zündeten. Und in die Hälfte danach.

Am ersten Tag des Prozesses sind die Bänke der Nebenkläger im Verhandlungssaal noch spärlich besetzt. Ihre Aussagen werden erst Mitte September beginnen, im Anschluss fangen die Verhöre der Angeklagten an. Zunächst wird das Gericht einige Tage damit beschäftigt sein, Namen und Zivilstand aller am Prozess Beteiligten zu verlesen. Ein rein technischer Akt, der an diesem ersten Prozesstag dennoch sofort Wunden aufreißt. Zu den Ersten, die der Richter Jean-Louis Péries aufruft, gehört Salah Abdeslam. Der 31-Jährige soll am 13. November die Attentäter zum Stade de France gefahren haben, seine eigene Sprengstoffweste löste er nicht aus. Er ist der einzige Überlebende der mutmaßlichen Täter und derjenige, auf den sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in diesem Prozess konzentriert. Sein Bruder Brahim Abdeslam starb am 13. November als Selbstmordattentäter, nachdem er vor der gut besuchten Bar "Comptoir Voltaire" seine Sprengstoffweste zündete. Entgegen seinen Plänen wurde dadurch niemand anderes getötet.

Man hört sofort die Wut in der Stimme des Angeklagten Salah Abdeslam

Als Salah Abdeslam sich von der Anklagebank aus zum Mikrofon vorbeugt, hört man sofort die Wut, die Verachtung in seiner Stimme. "Zunächst möchte ich festhalten, dass es keinen anderen Gott außer Allah gibt, dessen Diener und Bote Mohammed ist", sagt Abdeslam, als der Richter ihn nach seinem Namen fragt. Auf die Routinefrage nach seinem Arbeitsverhältnis antwortet Abdeslam: "Ich habe jeden Beruf hinter mir gelassen, um ein Diener des Islamischen Staates zu werden." Abdeslam ist schwarz gekleidet, seine langen Haare hat er nach hinten gegelt, er trägt einen langen Bart.

In den kommenden neun Monaten wird Abdeslam mit den anderen Angeklagten in der für sie vorgesehenen Glasbox sitzen. Die Anklageschrift umfasst gut eine Million Seiten und füllt ein ganzes Regal. Anders als bei dem jüngst zu Ende gegangenen Charlie-Hebdo-Prozess sind es nicht nur Handlanger und Waffenschieber, die nun in Paris vor Gericht stehen. Von den 20 Angeklagten sind 14 anwesend. Unter ihnen sind Männer wie Osama Krayem, der von Schweden nach Syrien reiste, um sich dort der Terrormiliz "Islamischer Staat" anzuschließen. Krayem wird nicht nur vorgeworfen, einer der Hauptorganisatoren der Novemberattentate zu sein. Er ist auch einer der mutmaßlichen Terroristen, die bei den Bombenattentaten am 22. März 2016 in Brüssel 32 Menschen töteten. Hinter dem Pariser und dem Brüsseler Attentat steht ein Netzwerk aus Männern, die von Frankreich und Belgien aus ihre Angriffe koordinierten. Viele von ihnen fuhren unbehelligt zwischen Europa, Syrien und dem Irak hin und her.

Der Pariser Prozess wird nun zum einen ermöglichen, die Verbindungen zwischen den Terroristen genauestens zu dokumentieren. Gleichzeitig wird er auch Aufschluss über die Arbeit und die möglichen Versäumnisse der Ermittler geben. So wurde Salah Abdeslam in der Nacht des 13. November, auf seiner Fahrt von Paris zurück nach Brüssel, drei Mal von Beamten kontrolliert, jedoch nicht gestoppt.

Das Grauen wird dokumentiert, auch mit Beweismaterial aus der Tatnacht

Doch die Aufgabe des Prozesses geht über Aufklärung hinaus. Gerade weil die Terroristen in Paris Menschen ins Visier nahmen, die ein Konzert besuchten, die sich ein Fußballspiel anschauten, die mit Freunden ausgegangen waren, traumatisierte der Angriff die Stadt. Als Tatorte wurden besonders beliebte, besonders belebte Viertel gewählt. Der Prozess trägt nun die Bürde, dass manche von ihm erwarten, einen Teil der emotionalen Bewältigung der Morde zu leisten. Über Wochen werden Überlebende und Hinterbliebene beschreiben, was die Attentate zerstörten. So wird das Grauen in Worte gefasst und für die Nachwelt festgehalten. Der gesamte Prozess wird gefilmt und archiviert.

Frankreich kennt dieses Vorgehen bereits vom Charlie-Hebdo-Prozess. Dort war der Gerichtssaal vergangenen Herbst zu einer Bühne der Trauer und Verzweiflung geworden. Zum ersten Mal wurden auch Bilder des Tatorts, aus den Redaktionsräumen, direkt nach dem Angriff gezeigt. Auch beim Prozess der November-Attentate soll Beweismaterial aus der Tatnacht präsentiert werden.

Während des Charlie-Hebdo-Prozesses wurde zudem deutlich, wie sehr Frankreich immer noch im Visier islamistischer Terroristen steht. Der Prozess löste eine neue Anschlagswelle aus. So wurde der Lehrer Samuel Paty brutal ermordet, nachdem er im Unterricht über die in Charlie-Hebdo abgedruckten Mohammed-Karikaturen gesprochen hatte. Kurz zuvor hatte ein Mann im September 2020 zwei Personen auf der Straße mit einer Axt angegriffen, weil er sie fälschlicherweise für Mitarbeiter der Charlie-Hebdo-Redaktion hielt. Nach der Ermordung Patys tötete ein islamistischer Terrorist in einer Kirche in Nizza drei Katholiken. Anders als nach den Anschlägen 2015 erfuhr Frankreich nach diesen erneuten Attentaten wenig internationale Solidarität.

© SZ
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