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Coronavirus:Die Pandemie trifft den Balkan mit voller Wucht

Coronavirus: Person im Schutzanzug in einer Klinik in Belgrad

Im Belgrader Klinikum steigt die Zahl der Covid-19-Patienten.

(Foto: Srdjan Ilic/imago images)

Bislang blieb die Region von Corona verschont. Warum sich das nun geändert hat - und die österreichische Regierung sogar eine Reisewarnung verhängt.

Von Tobias Zick

Nicht lange her, da galt der Südosten Europas als Hoffnungsregion des Kontinents, was die Corona-Pandemie angeht. An der Region schien die Welle, wie sie etwa Teile von Italien und Spanien im Frühjahr erfasst hatte, vorbeizugehen. Doch jetzt baut sie sich in mehreren Staaten der Region auf, verspätet und mit enormer Wucht. Die österreichische Regierung hat an diesem Mittwoch eine Reisewarnung der höchsten Stufe für sechs Länder des westlichen Balkans ausgesprochen.

Höchste Stufe, das bedeutet: Nicht nur werden österreichische Bürger davor gewarnt, in die sechs Länder zu reisen; nach Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien. Es werden auch jene Österreicher, die sich derzeit dort aufhalten, aufgefordert, die Länder zu verlassen. Dies sei eine "schmerzhafte und keine leichte Entscheidung", sagt Außenminister Alexander Schallenberg in Wien; schließlich haben viele Menschen in Österreich dort Verwandte.

Virus mit verheerender Wirkung

Aus deutscher Sicht ändert sich zumindest formal vorerst nichts - die sechs Länder sind, als Nichtmitglieder der Europäischen Union, ohnehin noch von der weltweiten Reisewarnung betroffen, die das Auswärtige Amt vorerst bis zum 31. August verlängert hat. Allerdings steht Serbien auf der Liste der 14 Länder, für die sich der EU-Rat erst am Dienstag auf eine Aufhebung der Einreiseverbote verständigt hatte. Inwieweit es die Empfehlung aus Brüssel umsetzt, muss jedes Mitgliedsland selbst entscheiden - Berlin hat bereits beschlossen, Serbien und drei weitere Länder von den Lockerungen vorerst auszunehmen. Und die jüngsten Entwicklungen in Serbien dürften die Verantwortlichen auch in den anderen Hauptstädten zumindest nachdenklich stimmen. Es zeigt sich dort, welche verheerende Wirkung ein sprunghafter Umgang mit dem Virus entfalten kann.

Ende Februar noch durfte sich ein medizinischer Berater der Regierung in Belgrad, der Lungenfacharzt Branimir Nestorović, auf einer Pressekonferenz über das seiner Einschätzung nach "lustigste Virus der Weltgeschichte" auslassen, begleitet vom vernehmlichen Kichern des ebenfalls anwesenden Präsidenten Aleksandar Vučić. Der Medizinprofessor spottete sogar noch über die Ausbreitung des Coronavirus in Italien - und empfahl serbischen Männern, ihren Frauen Geld für Shoppingtrips nach Mailand zu geben, schließlich gebe es ja dort nun so viele Rabatte. Der medizinisch eher unbeleckte Staatschef Vučić empfahl seinerseits Schnäpschen zur Vorbeugung.

Nur zwei Wochen später schaltete er plötzlich in den Panikmodus: Man sei jetzt "im Krieg gegen einen unsichtbaren, heimtückischen Feind", tönte er Mitte März und verhängte den Notstand mit äußerst harten Ausgangssperren. Die hob er erst kurz vor der Wahl am 21. Juni wieder auf, bei der er sich eine Zweidrittelmehrheit sicherte. Die Opposition hatte zum Boykott aufgerufen. Sie warf Vučić vor, durch den Lockdown einen fairen Wahlkampf unmöglich gemacht zu haben.

Covid-Infektionszahlen in Serbien schnellen in die Höhe

Die sehr plötzlichen und weitreichenden Lockerungen haben nun wiederum dazu geführt, dass die Covid-Infektionszahlen in Serbien in den vergangenen Tagen nach oben schnellten: Am Dienstag verzeichnete die Johns-Hopkins-Universität für Serbien 24 Neuansteckungen auf eine Million Einwohner - etwa sechsmal so viele wie Anfang Juni. Und das Virus hat längst die Staatsspitze erreicht; der Leiter der Behörde für Kosovo, die Parlamentspräsidentin sowie der Verteidigungsminister gaben bekannt, dass sie positiv auf das Virus getestet wurden. Die beiden Letzteren hatten zuvor an der sehr ausgelassenen Siegesfeier zu Vučićs Wiederwahl teilgenommen.

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Auch im EU-Land Kroatien bereiten die jüngsten Entwicklungen der Regierung Sorge, wenn auch derzeit noch auf deutlich niedrigerem Niveau als in Serbien: Mitte Juni verzeichneten die Behörden etwa zehn Neuansteckungen pro Tag, inzwischen sind es fünfmal so viele. "Wir hatten mehrere gute Wochen", erklärte der Direktor des staatlichen Instituts für öffentliche Gesundheit am Dienstag; die nun steigenden Zahlen seien zum Teil auf importierte Fälle zurückzuführen - aber auch darauf, dass viele Bürger sich nicht an die vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen hielten.

Ein Vorbild haben sie dabei in ihrem Premier Andrej Plenković: Der weigerte sich, in Quarantäne zu gehen, nachdem er den serbischen Tennisstar Novak Djokovic getroffen hatte - und dieser anschließend positiv auf das Coronavirus getestet wurde. In Quarantäne zu gehen käme dem Regierungschef in der Tat derzeit besonders ungelegen: In Kroatien ist gerade Wahlkampf.

© SZ vom 02.07.2020/fie
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