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Annalena Baerbock:Ein angepasster Lebenslauf

Baerbock Pressekonferenz

In neuen Erklärungsnöten: Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende und Kanzlerkandidatin der Grünen.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Annalena Baerbock muss erneut Angaben über ihre Vergangenheit umformulieren. Das kann am Image der grünen Kanzlerkandidatin nagen.

Von Stefan Braun, Berlin

Wäre Annalena Baerbock weiter einfach eine Bundestagsabgeordnete, dann hätte das alles wahrscheinlich keine größere Rolle gespielt. Seit dem 19. April aber ist die Co-Vorsitzende der Grünen offiziell Kanzlerkandidatin ihrer Partei - und damit im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit angekommen. Alles wird jetzt geprüft, umgedreht und neu vermessen. Immerhin will Baerbock nicht nur ein paar Prozente mehr für ihre Partei erobern. Sie will, das sagt der Titel, ins Kanzleramt einziehen. Da ist der eigene Lebenslauf nicht alles. Aber er ist wichtig, weil sich die Menschen in Deutschland nun mehr denn je fragen, ob sie der 40-jährigen Grünen-Politikerin tatsächlich den wichtigsten politischen Job in Deutschland anvertrauen möchten.

Diese sehr grundsätzliche Frage erklärt, warum es Baerbock wehgetan hat, als vor wenigen Wochen bekannt wurde, dass sie Weihnachtsgeldzahlungen ihrer Partei nicht wie nötig der Bundestagsverwaltung gemeldet hatte. Und es erklärt noch mehr, warum Medien und politische Konkurrenz nachfragten, ob sie das ist, was sie vorgibt zu sein: eine Völkerrechtlerin. Der Titel ihres Abschlusses in Großbritannien legt das nahe; nimmt man die strengen Kriterien in Deutschland zur Grundlage, dann gibt es da einen definitorischen Spielraum. Kein Wunder also, dass politische Gegner an der Stelle einhakten.

Sie ist Alumna und Spenderin - aber kein Mitglied

Nun gibt es neue "Anpassungen" an ihrem Lebenslauf, wie es die Partei nennt. Bis zuletzt hieß es auf ihrer Homepage, Baerbock sei Mitglied beim UN-Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Und das Gleiche gelte auch für den German Marshall Fund - eine unabhängige US-amerikanische Stiftung, die seit Jahrzehnten den Kontakt zwischen den USA und Deutschland fördert, unter anderem durch Stipendien und Austausch-Programme.

"Mitgliedschaft" in solchen Organisationen klingt nach besonderem Engagement, möglicherweise auch nach Mitsprache, im besten Fall sogar nach größerem politischen Einfluss. Nicht schlecht für eine Kanzlerkandidatin, die zeigen möchte, wie gut sie vernetzt ist auf dem Gebiet der Flüchtlingspolitik und der transatlantischen Beziehungen. Das Problem nur ist, dass es in beiden Organisationen so etwas wie eine Mitgliedschaft nicht gibt.

Wie die Partei am Wochenende erklärte, seien da einige Engagements unter "Mitgliedschaft" subsumiert worden. Inzwischen aber habe man das korrigiert. Ziel sei es schlicht gewesen zu zeigen, für wen sie sich in besonderer Weise einsetzt. Konkret heißt das: Baerbock spendet seit Jahren für den deutschen Ableger des UNHCR, die Uno-Flüchtlingshilfe. Und sie zählt zu den Alumni des German Marshall Fund, gehört also zu jenen, die von der Stiftung in Austauschprogrammen gefördert wurden. In einer schriftlichen Erklärung heißt es, man habe das "durch Ergänzung von Kategorien präzisiert".

Auch "Anpassungen" können am Image nagen

Ob das reicht, um die Irritationen aus dem Weg zu räumen? Bevor die Frage richtig beantwortet werden kann, kamen am Wochenende neue Fragen dazu. Bislang gab Baerbock an, sie sei zwischen 2005 und 2008 Büroleiterin der Europa-Abgeordneten Elisabeth Schroedter gewesen. Büroleiterin - das klingt nach Cheforganisatorin, also der Person, die neben der Chefin selbst alles und jeden Termin im Blick haben muss. Aus diesem Grund konnte der Eindruck entstehen, Baerbock sei in diesen drei Jahren in Brüssel die wichtigste rechte Hand der Grünen-Abgeordneten gewesen.

Nun zeigt sich, dass Baerbock zunächst als Mitarbeiterin eingestellt wurde, die sich um IT-Aufgaben kümmern sollte. Dann sei, nach einigen Monaten, die damals nominelle Büroleiterin krank geworden - und Baerbock habe deren Aufgaben übernommen. Das freilich erst ab Ende 2006 auch offiziell, und zwar erst aus Potsdam und dann aus Brüssel. Es sind keine das Leben wirklich umschreibenden Korrekturen. Aber auch "Anpassungen" können sehr am Image nagen. Zumal dann, wenn man eine Kanzlerkandidatin ist.

© SZ
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