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Bundestagswahl:Annalena Baerbock im ersten Sturm

Höherer Spitzensteuersatz, Solardächer auf Neubauten, Kurzstreckenflüge verteuern: Annalena Baerbock benannte am Wochenende Eckpunkte ihrer Politik. Aber sie musste auch andere Fragen beantworten.

(Foto: Markus Schreiber/AFP)

Die Grüne erlebt, was es heißt, Kanzlerkandidatin zu sein. Sie plaudert über mögliche Konsequenzen einer Kanzlerschaft für die eigene Familie - muss aber auch einen Angriff auf ihren Lebenslauf abwehren.

Von Stefan Braun, Berlin

Der geplante Teil sollte leicht und locker wirken; der ungeplante wurde mühsam und ätzend für Annalena Baerbock. So gesehen boten die vergangenen Tage für die Grüne einen Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Monaten noch alles auf sie zukommen dürfte. Kanzlerkandidatin sein ist kein Vergnügen. Am Wochenende ging es um ihren Lebenslauf. So etwas kann wehtun - und hat manche schon die Karriere gekostet. Umso deutlicher musste Baerbock dagegenhalten, um alle Zweifel auszuräumen.

Vorgesehen und vorbereitet war für dieses Wochenende freilich etwas ganz anderes. Im lockeren Plauderton hatte sich Baerbock den Fragen der Bild am Sonntag gestellt. Und dabei ging es erst mal um das, was sie vorhat mit sich und mit Deutschland. "Wenn ich Kanzlerin bin ...", das war der Gestus.

Und so erzählte Baerbock zuerst einmal, was ihr Mann zu Hause alles übernommen hat, um ihr den Rücken freizuhalten. Er sei es, "der sich vor allem um Kita, Schule, Hausaufgaben und Pausenbrote kümmert". Von August an werde er darüber hinaus eine Auszeit nehmen, um den Schulstart der jüngeren Tochter zu begleiten. Und sollte Baerbock tatsächlich Kanzlerin werden, werde er Erziehungszeit nehmen. Und seinen derzeitigen Job werde er wegen möglicher Interessenkonflikte auch nicht mehr machen können. Selbstbewusste Frau, moderner Mann - das sollte die Botschaft sein.

Selbstbewusst, vorwärtsgewandt - so will sie sich darstellen

Neben das Familiäre rückte dann das Politische. So kündigte Baerbock an, dass sie im Falle eines Wahlsiegs den Spitzensteuersatz erhöhen, bei Neubauten in Zukunft auf ein Solardach bestehen werde und das Kerosin für Flugreisen nicht mehr mit Steuergeld subventionieren wolle. "Wer als Familie mit dem Zug reist, sollte doch weniger zahlen als für die Kurzstrecke im Flugzeug", so Baerbock. Und um die Belastungen durch höhere Energiepreise aufzufangen, versprach sie, die Einnahmen aus dem künftigen CO₂-Preis in Form eines sogenannten Energiegeldes "an jede Bürgerin und jeden Bürger" zurückzugeben. Selbstbewusst, durchdacht, vorwärtsgewandt - dieses Bild von Baerbock sollte das Interview unters Volk tragen.

Doch als das Gespräch erschien, war die Kandidatur an ganz anderer Stelle in einen ersten Sturm geraten. Zunächst kaum bemerkt hatten einige User im Netz begonnen, Baerbocks Lebenslauf unter dem Hashtag "Studieren wie Baerbock" zu hinterfragen. Hintergrund ist die Tatsache, dass Baerbock an einer Universität in Großbritannien einen Master gemacht hat, aber zuvor in Deutschland keinen Bachelor. Heutzutage baut das eine, Master, auf dem anderen, Bachelor, auf. Und schon stand die Frage im Raum, wie das denn zusammenpassen könne.

Ein heikles Terrain, das wissen alle, die sich daran erinnern, wie mancher Stern verglüht ist, als bekannt wurde, dass er oder sie bei Studienabschlüssen geschummelt oder abgeschrieben hatte. Und so musste die grüne Parteispitze in den letzten Tagen alles aufbieten, um den Vorwurf der Mauschelei aus der Welt zu räumen. Das ging so weit, dass Baerbock und ihr Sprecher nicht nur erklärten, warum Baerbock auch mit dem während ihres Studiums in Hamburg üblichen Vordiplom in England einen Master machen konnte. Sie entschieden sich sogar, Baerbocks Zeugnisse in den sozialen Medien zu veröffentlichen, um auch die letzten Zweifel aus dem Weg zu räumen.

Master ohne Bachelor: So ging das damals

Ausgangspunkt für die ganze Episode war ein Lebenslauf Baerbocks, in dem die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung 2011 geschrieben hatte, die Grünen-Politikerin sei damals mit einem Bachelor nach England gegangen. Eine Notiz, die die Stiftung später korrigierte und mit einem Übersetzungsfehler begründete. Hängen geblieben war es erst mal trotzdem.

Dabei konnte Annalena Baerbock zu ihrer Zeit als Politikstudentin in Hamburg - 2000 bis 2004 - keinen Bachelor machen, weil es zu der Zeit für dieses Fach noch keinen Bachelor gab. Die Uni in England akzeptierte jedoch, als Äquivalent, auch das Vordiplom als Grundlage für eine Aufnahme. Zusätzliche Voraussetzung: Studierende mussten bereits zwei Scheine im Hauptstudium gemacht haben - das hatte Baerbock. Ergebnis: Nach dem britischen Zeugnis darf sie sich Völkerrechtlerin nennen. Im Zeugnis der renommierten "London School of Economics and Political Science" steht "Master in Law - with Distinction in Public International Law".

Eine Juristin nach deutschem Recht ist Baerbock freilich nicht, auch wenn eine wörtliche Übersetzung des Zeugnisses das suggerieren könnte. Um sich Juristin nennen zu können, hätte sie mindestens ein erstes juristisches Staatsexamen abschließen müssen. Das hat sie nicht. Allerdings hat sie auch nie behauptet, eine Juristin zu sein.

© SZ/jok
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