Autofahrerinnen Saudi-Arabien steuert um

Frauen sollen in dem islamischen Königreich bald Auto fahren dürfen. Den PR-Effekt kann Riad gut brauchen. Doch dahinter steckt wesentlich mehr.

Kommentar von Paul-Anton Krüger

Frauen in Saudi-Arabien sollen bald Auto fahren dürfen. Das ist zunächst einmal uneingeschränkt zu begrüßen, unabhängig davon, welche Motive man hinter der Entscheidung von König Salman vermutet oder wie es sonst um die Rechte von Frauen in dem konservativen Königreich bestellt ist. Die sozialen Netzwerke, bevorzugtes Kommunikationsmittel der jungen Generation, explodieren vor Freude. Frauen posten Liebeserklärungen an den erst 32 Jahre alten Kronprinzen Mohammed bin Salman, der als treibende Kraft hinter dem Edikt gesehen wird.

Regierungsbeamte bis hin zu Ministern haben schon lange keinen Hehl daraus gemacht, dass sie das De-facto-Fahrverbot für einen beschämenden Anachronismus halten. Nur müsse man den richtigen Zeitpunkt abwarten, um die Regeln zu ändern. Saudi-Arabien ist zwar eine absolute Monarchie, es gibt kaum Mechanismen der Mitbestimmung wie in westlichen Demokratien. Symbolträchtige gesellschaftspolitische Fragen muss das Königshaus aber in gewissem Einklang mit dem islamischen Klerus treffen, der zu guten Teilen fundamentalistische Auslegungen des Koran vertritt - und auch mit den Stämmen, die an Konventionen festhalten, die oft nicht religiösen Ursprungs sind.

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König Salman hat in zwei Jahren mehr bewegt als in den 20 Jahren davor

Nun ist der Zeitpunkt gekommen, das Thema anzugehen. Es war verheerend für das Image des Landes. Den Effekt kann Riad gut brauchen: Im Zuge seiner Wirtschaftsreformen, dem Projekt des Kronprinzen, will es Investoren anlocken und die Katar-Krise sowie den unseligen Jemen-Krieg in den Hintergrund drängen. Innenpolitisch kommt dem 32 Jahre alten MbS, wie der Thronfolger genannt wird, ein Popularitätsschub ebenfalls zupass. Sein Vater hatte Milliardenkürzungen, etwa bei den Gehältern der Staatsdiener, wegen wachsenden Unmuts zurücknehmen müssen. Bei den jungen Saudi-Arabern findet die Fahrerlaubnis für Frauen breite Zustimmung. Und 47 Prozent der Saudis sind unter 25 Jahre alt, zwei Drittel unter 35.

Es wäre aber unfair, die Entscheidung als PR-Aktion abzutun. Gleichberechtigung bleibt zwar ein fernes Ziel. Aber unter König Salman hat sich in zwei Jahren bei den Frauenrechten und der Öffnung der Gesellschaft mehr bewegt als in den 20 Jahren davor. Es gibt vom Staat organisierte Unterhaltungsveranstaltungen, bei denen in Familienbereichen Frauen zusammen mit Männern sitzen. MbS hat die Rechte der verhassten Sittenpolizei beschnitten, die über Kleidervorschriften und die Trennung der Geschlechter wachte. Wichtiger noch, er schränkte die Vormundschaft der Männer über die Frauen ein. Sie können nun Pässe beantragen, ohne Zustimmung des Mannes arbeiten, studieren, ein Gericht anrufen - und bald vielleicht Auto fahren. Sofern ihre Familien zulassen, dass sie ihre Rechte nutzen.

Trotz der schrittweisen Öffnung duldet das Königshaus keinen Widerspruch

Der Kronprinz scheut nicht davor zurück, sich mit radikalen Geistlichen anzulegen. Deren Rat, vom König ernannt, stimmte der Reform am Steuerrad nur mehrheitlich zu, nicht einstimmig. Wenn es MbS nicht gelingt, dass viel mehr der oft gut ausgebildeten Frauen arbeiten und am öffentlichen Leben teilnehmen, ist seine "Vision 2030" zum Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft zum Scheitern verurteilt. Er geht ein großes Risiko ein, um die Modernisierung Saudi-Arabiens voranzutreiben, weil er sie als existenzielle Frage betrachtet - zwingend, um die Monarchie zu bewahren und seine Macht zu festigen.

Dafür tut er alles. Politischer Widerspruch wird nicht geduldet. Die neu geschaffene Staatssicherheit hat jüngst drei Dutzend Dissidenten festgesetzt, vom radikalen Imam über Intellektuelle und Aktivisten bis hin zu Autoren. Manch einer in Riad sieht darin schon Anzeichen für ein baldiges Abdanken des Königs zugunsten des ambitionierten Sohnes.

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