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Autobiografie der US-Vizepräsidentin:Die politische Reise der Kamala Harris

US-Vizepräsidentin Kamala Harris

Kurz vorm Weißen Haus: Kamala Harris in Savannah/Georgia im Januar. Wenige Tage später wurde sie als Vizepräsidentin vereidigt.

(Foto: AFP)

An diesem Montag erscheint die Autobiografie der US-Vizepräsidentin von 2019 auf Deutsch. Unangenehme Wahrheiten über den Zustand der USA kommen darin ebenso zur Sprache wie die prägende Rolle ihrer Mutter.

Rezension von Viola Schenz

Truths, Wahrheiten, hat im Amerikanischen etwas Sakrosanktes. "We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal ...", "Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen wurden ...", lautet das Mantra der Unabhängigkeitserklärung und damit des Selbstverständnisses der USA.

Schon Grundschüler lernen es, es ist Teil des Einbürgerungstests und käuflich - gedruckt auf Kaffeebechern oder Mousepads in Washingtons Souvenirshops. Mit dem Wort "truths" holt man das kostbare Familienporzellan aus dem Wohnzimmerschrank. Kamala Harris setzte sich 2019 mit ihrem Buchtitel "The Truths We Hold" also hohe Standards.

Zwei Jahre nach dem Original, vier Monate nach ihrer Wahl als erste Frau, als erste Afro- und erste Asien-Amerikanerin zur US-Vizepräsidentin erscheinen ihre Memoiren an diesem Montag auf Deutsch. Der Untertitel "An American Journey" ließ offen, worum es sich genau handelt, der Siedler-Verlag nennt es eine Autobiografie, die Urfassung meidet diese Kategorie. Es ist ein Mix aus politischem Manifest und beruflich-privater Lebensgeschichte.

Kamala Harris startete ihre Karriere als Bezirksstaatsanwältin von San Francisco, wurde 2011 Generalstaatsanwältin und Justizministerin von Kalifornien und 2017 US-Senatorin der Demokratischen Partei. Sie sieht sich als "progressive Staatsanwältin", dringt darauf, bei Verfahren immer auch die Perspektiven anderer einzunehmen.

Die Eltern nahmen sie im Kinderwagen mit zu Demos

Sinn für Gerechtigkeit bekam sie bereits als Kleinkind im rebellischen Kalifornien eingeimpft. Ihre Eltern - die Mutter, eine Brustkrebsforscherin, eingewandert aus Indien, der Vater, ein Wirtschaftswissenschaftler, aus Jamaika - waren in der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre aktiv, sie nahmen die kleine Kamala im Kinderwagen mit zu Demos. Ihre Familiengeschichte lehrte sie, wie grundlos man als Minderheit und mit dunkler Haut verdächtigt und schikaniert werden kann.

Harris ist Vollblutjuristin, das macht die Lektüre klar. Manche Passagen ergehen sich in zähen Gesetzgebungsprozeduren, Verhandlungen, Beratungen und sonstigem Rechtskleinklein. Man kann das spannend finden - oder einfach überblättern. Insgesamt geht solch trockene Materie Gott sei Dank in lebendiger, flotter Schreibe unter.

Harris liefert Erhellendes aus ihrem juristischen Alltag, beschreibt anschaulich, was für ein Teufelskreis sich aus einer Haftstrafe für ein banales Vergehen ergeben kann, und dass ein Rechtsstaat auch einige Ungerechtigkeit bereithält - ausreichend "Ich fühle deinen Schmerz" also für ihre linksliberalen Anhänger. Zugleich plädiert sie dafür, dass Opfer- vor Täterschutz geht und Verbrechen grundsätzlich bestraft werden müssen.

Kamala Harris: Der Wahrheit verpflichtet. Meine Geschichte. Die Autobiographie. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Siedler-Verlag, München 2021. 336 Seiten, 22 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

Die Geschichten gehen über Rechtsfragen hinaus. Ihre "truths" sind nicht Selbstverständlichkeiten, wie sie die Gründungsväter in die Unabhängigkeitserklärung schrieben, sondern unangenehme Wahrheiten, eigentlich so ziemlich alles, was in den USA im Argen liegt: das überteuerte Gesundheitswesen, der Opioide-Missbrauch, das überlastete Justizwesen, die illegale Einwanderung, Polizeigewalt, der Zusammenbruch des US-Immobilienmarkts nach der Finanzkrise 2008, stagnierende Löhne bei steigenden Lebenshaltungskosten, schlechte Schulen.

Probleme im Großformat, die über Jahrzehnte hinweg gewachsen sind und deren Ursachen Harris klug erläutert, auch anhand von Verfahren, die sie betreute, anhand von Briefen, mit denen sich verzweifelte Bürger an sie wandten. Sie klagt vor allem an, Lösungen freilich hat auch sie nicht wirklich parat.

Bisweilen mag ihre Tour de Force pathetisch geraten ("Ich will die Wahrheit aussprechen. Selbst wenn sie schmerzt. Selbst wenn sie anderen nicht gefällt."), doch in einem Land, das auf Ideen und Idealen gegründet ist, gehört Pathos eben zum Hausgebrauch. Amerikanische und britische Rezensenten kritisierten außerdem, dass vieles schon aus ihren Wahlkampfreden oder Stellungnahmen bekannt sei. Nun ja, seine Agenda wiederholt vorzutragen, ist Teil des politischen Geschäfts.

Im Buch kommt wenig Privates vor

Als Kamala sieben war, ließen sich die Eltern scheiden. Vom Vater distanzierte sie sich, sie streift ihn nur am Rande und erwähnt ihn in der Danksagung mit einem belanglosen Halbsatz. Umso prägender war ihre Mutter, die 2009 an Darmkrebs starb.

Shyamala Gopalan muss eine beeindruckende Frau gewesen sein: Als Teenager ging sie gegen alle Konventionen zum Studieren in die USA, baute sich dort mit zähem Fleiß ihre naturwissenschaftliche Karriere auf, weigerte sich, für eine arrangierte Hochzeit nach Indien zurückzukehren, erzog alleine, streng und erfolgreich zwei Töchter nach dem bewährten Prinzip "fördern und fordern", versorgte sie mit klugen Einsichten ("In vielen Dingen bist du vielleicht die Erste, aber sorge dafür, dass du nie die Letzte bist.").

Harris' Memoiren machen deutlich, wie positiv sich elterliche, in ihrem Fall mütterliche Ambition und ein funktionierendes soziales Umfeld auswirken können - auch wenn ihr Lob für all die Güte um sie herum bisweilen in Betulichkeit ertrinkt ("Wenn wir ankamen, wurden wir immer mit Lächeln und Umarmungen begrüßt.") oder in Selbstgerechtigkeit ("Ich wollte sicher sein, dass ich über alles Rechenschaft ablegen konnte", "Es ging mir nicht um Titel und Ruhm. Es ging mir um meine Arbeit.").

Verglichen mit dem beruflichen Werdegang kommt wenig Privates vor, und das wenige wirkt hin und wieder geziert, als wenn ihr Penguin-Lektor sie ermahnt hätte: Kamala, jetzt aber mal was Persönliches! So erfährt man, dass eine wichtige Wahlkampfhilfe anfangs ihr Bügelbrett war, dass sie gerne und wohl sehr gut kocht, wie sie beim etwas tölpelhaften Heiratsantrag ihres Mannes Doug Emhoff im März 2014 in Tränen ausbrach. Das hat manchmal einen Hang zum Kitsch, gleicht aber den rationalen Grundcharakter des Buchs unterhaltsam aus.

Anderes lässt sie unerwähnt, etwa ihre Beziehung mit dem damaligen Bürgermeister von San Francisco, Willie Brown, sein Name taucht auch sonst nicht auf. Das ist ihr gutes Recht, und ihre Zurückhaltung wirkt in Zeiten manischer Selbstentblößung in sozialen Medien sogar wohltuend.

Heute würde sie wohl manches anders schreiben

Harris hat die Denkschrift 2018 verfasst - zum Warmlaufen für ein höheres Amt. Im Januar 2019 verkündete sie ihre Kandidatur zur Präsidentschaftswahl 2020, im folgenden Dezember gab sie wegen mieser Umfragewerte auf. Sieben Monate später berief sie Joe Biden zu seiner Vizekandidatin.

Inzwischen hat sie nicht nur das zweithöchste Amt im Staat erklommen, inzwischen hat sich auch so einiges ereignet in diesem Staat: noch mehr Trump-Wahnsinn, Corona, der Sturm aufs Kapitol, die Inauguration im Zeichen von Pandemie und gigantischem Polizeiaufgebot, das zweite Impeachment gegen Trump mit Freispruch.

Kamala Harris würde heute vermutlich andere Akzente setzen, aber es wird wohl nicht ihr letztes politisches Manifest gewesen sein - die nächsten Präsidentschaftswahlen finden 2024 statt.

© SZ vom 08.03.2021/gal
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