Machtwechsel:Befreiungsschlag in Australien

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Machtwechsel: Eine bessere Zukunft, nicht weniger verspricht Anthony Albanese für Australien.

Eine bessere Zukunft, nicht weniger verspricht Anthony Albanese für Australien.

(Foto: IMAGO/Bai Xuefei/IMAGO/Xinhua)

Premier Scott Morrison wird bei den Parlamentswahlen für seine Klimapolitik und seinen ungestümen Charakter abgestraft. Sein Nachfolger Anthony Albanese muss es nun besser machen.

Von Thomas Hahn, Canberra

Anthony Albanese war froh und müde, als er am späten Samstagabend in Sydney vor seine Labor-Partei trat. Es waren noch viele Stimmen auszuzählen in dieser Wahlnacht, aber dass die konservative Koalition aus Liberaler und Nationaler Partei heftig verloren hatte, war schon klar. Die Regierung war abgewählt, deren Chef Scott Morrison hatte die Niederlage eingestanden und seinen Rücktritt als Präsident der Liberalen Partei erklärt. Anthony Albanese würde der 31. Premierminister Australiens werden.

Man sah ihm die Rührung an, als er auf der Bühne vor seinen Leuten stand. Er fing an, eine Rede zu halten, die allen im riesigen Land Hoffnung auf eine neue, ausgleichende Regierungspolitik machen konnte. "Ich will, dass Australien weiterhin ein Land ist, in dem man ohne Einschränkungen seinen Lebensweg gehen kann, egal, wo man lebt, wen man anbetet, wen man liebt oder welchen Nachnamen man hat", rief er.

Wie ein krachender Befreiungsschlag nach neun Jahren konservativer Herrschaft

Aber zwischendurch war Albanese die Begeisterung der Anwesenden ein bisschen zu viel. "Leiser, leiser", mahnte er, "ich will eine ordentliche Regierung führen, und das fängt hier an." Es war nicht ganz klar, ob er das ernst oder scherzhaft meinte, so sehr bewegte ihn die große Aufgabe, die ihm die Mehrheit der knapp 17,3 Millionen Wahlberechtigten übertragen hatte. Dann fuhr Albanese fort: "Ich will Einheit und Optimismus fördern, nicht Angst und Spaltung." Die Begeisterung wurde nicht leiser.

Die Wahl zum australischen Nationalparlament am Samstag wirkte wie ein krachender Befreiungsschlag nach neun Jahren konservativer Herrschaft. Scott Morrison hatte in den letzten Tagen noch versucht, den Trend gegen seine Koalition umzukehren. In einem beherzten Endspurt warb er um Häuslebauer und Senioren, hielt emotionale Reden, gab sich leutselig und räumte sogar ein: "Ich kann ein bisschen ein Bulldozer sein." Aber Morrison konnte die Menschen nicht mehr umstimmen. Im Gegenteil: Bei einem Spaß-Fußballspiel mit Kindern in Tasmanien rempelte er mit seinem vollen Körpergewicht einen kleinen Jungen um. Das passte ins Bild: Ungestümes Vorpreschen statt Gespür für sensible Themen - so war es meistens mit Morrison.

Vor drei Jahren hatte Morrison die schlechten Umfragewerte noch umdrehen können. Damals half ihm die Angst der Kohlearbeiter vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze. Diesmal konnte er das Thema Klimawandel nicht mehr abbiegen. Verheerende Buschfeuer und Regen-Katastrophen haben den Menschen gezeigt, dass die Warnungen der Wissenschaftler wahr sind. Nach einer Umfrage des Senders ABC war der Klimawandel vor Wirtschaft, steigenden Lebenskosten, Regierungsmoral und Gesundheit das wichtigste Thema bei dieser Wahl.

"Eine Nacht der Enttäuschung" für den bisherigen Premier

Die Folge: Zuwächse der Grünen. Und: Es setzte sich eine ganze Mannschaft aus unabhängigen Konservativen durch, die von der behäbigen Klimapolitik der Morrison-Koalition ausdrücklich die Nase voll haben. Die Bürgerbewegung Climate 200 hatte diese Parteilosen mit insgesamt zwölf Millionen Australien-Dollar, umgerechnet knapp acht Millionen Euro, von 11 000 Spendern gefördert und so überzeugende Alternativen zum Establishment gestützt. In Sydney gewann nach den Hochrechnungen zum Beispiel die Geschäftsfrau Allegra Spender den Wahlkreis Wentworth gegen Dave Sharma von der Liberalen Partei. Im Wahlkreis Kooyong, Bundesstaat Victoria, forderte die neue Bewegung ein besonders prominentes Opfer: Josh Frydenberg, bisher Vizepräsident der Liberalen Partei, ein 50-jähriger Hoffnungsträger, sah am Sonntag wie der sichere Verlierer gegen die Unabhängige Monique Ryan aus. "Die Liberalen haben ihre Basis verloren", sagte Tony Barry, einst Mitarbeiter im Kosmos der Konservativen. "Es ist eine Nacht der Enttäuschung", sagte Scott Morrison.

Auch Labor profitierte von der unterbelichteten Umweltkompetenz der Koalition. In deren Programm ist der Kampf gegen die Klimakrise ein wichtiger Punkt. Anthony Albanese versprach am Wahlabend: "Zusammen können wir von Australiens Möglichkeit profitieren, eine Supermacht für erneuerbare Energie zu sein." Aber dass die Roten laut Prognosen tatsächlich auf die Mehrheit mit mindestens 76 Sitzen im 151-köpfigen Parlament zusteuerten, lag vor allem am Bundesstaat Western Australia. Die Liberale Partei verlor dort so deutlich wie nirgends sonst gegen Labor. Grund: Scott Morrison lag während der Pandemie lange mit Western Australias populärem Labor-Premier Mark McGowan im Clinch. Morrison mochte die Einreisesperre nicht, die McGowan seinem Bundesstaat zum Schutz vor dem Coronavirus verschrieben hatte. Morrison nannte die Menschen dort "Höhlenmenschen" und unterstützte eine Klage des Schwerindustriellen Clive Palmer. So etwas vergisst man im weiten, dünn besiedelten Westen des stolzen Landes nicht.

Und nun ist also Anthony Albanese, 59, der neue starke Mann in Canberra. Er gilt als guter Moderator und Mann mit sozialem Gewissen. Er stammt aus einfachen Verhältnissen. Seine Jugend verlebte er in einer Sozialwohnung des Bezirks Inner West in Sydney. Auch am Wahlabend erinnerte Albanese wieder an seine Mutter Maryanne, die ihn einst mit ihrer Invalidenrente durchbrachte und immer die besten Chancen für ihn wollte.

Die konservativen Murdoch-Medien waren im Wahlkampf gegen ihn

Seine eigene Geschichte vom Unterklassenkind zum Wirtschaftsstudenten, Labor-Spitzenfunktionär, Vizepremier, Parteichef und nun also zum Premierminister ist für ihn der Beweis dafür, dass jeder in Australien seine Chance bekommt. Dafür will er sich auch als Regierungschef einsetzen. Zu Beginn seiner Siegesrede bekannte er sich zum Uluru-Statement from the Heart, das 2017 eine Gruppe australischer Ureinwohner herausgebracht hatte, um die Anerkennung von Aborigines und Torres-Strait-Insulanern in Australiens Verfassung anzuschieben. Die konservative Regierung lehnte das Statement ab. Albanese sieht es als Teil seines Auftrages.

Er hatte es nicht leicht im Wahlkampf, die Medien des US-Unternehmers Rupert Murdoch waren gegen ihn. Jede kleine Schwäche wurde breitgetreten. Und Albanese strahlt nicht jenes unerschütterliche Selbstbewusstsein aus, das Morrison sogar noch vorführte, als er die Niederlage einräumen musste ("Wir waren eine gute Regierung!"). Es wird im Amt nicht einfacher, denn jetzt muss Labor liefern. Gleich am Dienstag werden Anthony Albanese und seine designierte Außenministerin, die gebürtige Malaysierin Penny Wong, mit einer weiteren harten Realität ihres Regierungsauftrags konfrontiert. Dann nehmen sie in Tokio am Quad-Sicherheitsforum mit Japan, den USA und Indien teil. Thema dort: die Bedrohung durch China.

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