Neuseeland:Wenn ein einzelner Corona-Fall zum Lockdown führt

NZ Prime Minister Jacinda Ardern Announces Lockdown Restrictions After Positive COVID-19 Case Detected In Auckland

Besorgt angesichts der neuen Entwicklungen: Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern

(Foto: Hagen Hopkins/Getty Images)

Premierministerin Ardern schickt ganz Neuseeland für drei Tage in einen harten Lockdown. Die Frage nach der besten Strategie gegen Corona beschäftigt auch Australien - und spaltet die Gesellschaft.

Von Felix Haselsteiner

Nun hat es auch Neuseeland wieder erwischt. Zum ersten Mal seit Februar konnte an diesem Dienstag ein sogenannter "Community Case" festgestellt werden - ein Covid-19-Fall, der nicht in direkter Verbindung mit Auslandsreisen steht. Ein 58-jähriger Mann aus einem Vorort von Auckland sei positiv getestet worden und seit 12. August ansteckend gewesen. Der Mann hat sich seitdem laut Behördenangaben an 23 Orten in Neuseeland aufgehalten. Daher sind die Konsequenzen scharf: Ganz Neuseeland wird für drei Tage in einen harten Lockdown geschickt, Auckland und die benachbarte Region Coromandel für sieben Tage.

"Wir haben die Konsequenzen von zu langem Warten in anderen Ländern gesehen", sagte Premierministerin Jacinda Ardern bei der Verkündung der Maßnahmen. Gerade mit der Delta-Variante sei das Virus noch einmal gefährlicher geworden. Man wisse aber, dass die Strategie der sofortigen Abriegelung funktioniere: "Wir müssen einfach nur so weitermachen", sagte Ardern - mit besorgtem Blick und im Bewusstsein dessen, dass der abermalige Lockdown eine Herausforderung für das ganze Land sein wird.

Glücklich wirkt auch Scott Morrison in diesen Tagen nicht. Anders als Ardern führt Australiens Premierminister derzeit ein Land, in dem die Fallzahlen weiterhin steigen. Der scharfe Lockdown ist seit einigen Wochen der Alltag, an den die Bürger sich teilweise aber nicht mehr halten wollen. Morrison und seine Ministerien organisieren unterdessen eine Impfkampagne, die sich das Ziel gesetzt hat, bis Ende des Jahres 80 Prozent der Bevölkerung gegen das Coronavirus zu immunisieren. Das gilt als ambitioniert, denn Mitte August hatten knapp 41 Prozent der über 16-Jährigen eine erste Impfung, nur jeder Vierte eine zweite.

Und nun kommt auch noch Mark McGowan und wirft die Frage auf, ob Australien in den kommenden Monaten überhaupt noch als ein vereinigtes Land auftreten wird. McGowan ist Premierminister von Westaustralien, dem flächenmäßig größten Bundesstaat des Landes. Er ist entschiedener Befürworter einer radikalen Zero-Covid-Strategie.

Westaustralien sei die "freieste, erfolgreichste Gesellschaft auf der Welt", habe "die stärkste Wirtschaftsleistung des Landes und vermutlich der Welt" und sei trotz aller Kritik besser durch die Pandemie gekommen als irgendeine andere Region weltweit, sagte McGowan am Montag dem Fernsehsender Sky Australia. Den Plan der Regierung, ab dem Erreichen des Impfquotenziels von 80 Prozent die Abschottungsstrategie zu beenden und anzufangen, mit dem Virus im Land zu leben, könne er daher nicht verstehen.

Sein Bundesstaat habe die Lockdowns im Rest Australiens finanziert, sagt McGowan. In New South Wales etwa, dem Bundesstaat, in dem Sydney liegt, kritisiere man ihn am lautstärksten, obwohl es dort die meisten Fälle gibt. Zur Not müsse man sich eben vom Rest des Landes abschotten, lautet seine Ankündigung, Westaustralien wäre dann "eine Insel auf einer Insel". Morrison brummte als Antwort nur: "Lasst uns abwarten, was passiert."

Westaustralien will weitermachen wie bisher

In Australien ist ein Richtungsstreit entbrannt. Die einen wollen den Kurs der vergangenen eineinhalb Jahre weiterführen - ohne Aussicht auf Lockerungen und Änderungen bei der Einreisepolitik, sondern lediglich mit der Zusage, dass die eigene Bevölkerung dann nicht mehr in den kompletten Lockdown müsse. McGowan ist der Anführer dieser Bewegung, seine extrem hohen Zustimmungswerte im Westen, wo seine Labor-Partei nach der Regionalwahl im März 53 von 59 Sitzen im örtlichen Parlament kontrolliert, kann er als Beweis für den Erfolg seiner Strategie anführen.

Morrison und die Premierminister der anderen Staaten werben stattdessen für den Öffnungsplan, den er vor einigen Wochen bereits vorgestellt hatte: Australierinnen und Australier sollen sich impfen lassen und im Dezember werde es dafür eine schrittweise Öffnung geben. Die Lockdowns, der Verzicht auf das Reisen, die Impfung - "die Bürger machen das aus einem guten Grund: Um auf den Weg aus der Pandemie zu kommen", sagte Morrison. Dass zudem Städte wie Sydney und Melbourne eher darauf drängen, in Zukunft auch wieder internationale Reisende empfangen zu können, als der vom Bergbau geprägte Westen, verstärkt die Zerrissenheit.

Während Australien debattiert, wählt Neuseeland in der langfristigen Strategie einen Mittelweg. Ardern stellte dort in der vergangenen Woche ihre Strategie für eine schrittweise Öffnung ab Anfang 2022 vor: Quarantänefreies Reisen wird dann für geimpfte Reisende wieder möglich sein. Neuseeland wird allerdings zwischen Ländern mit niedrigen und hohen Infektionszahlen unterscheiden und "vorsichtig" sein. "Wir sind einfach noch nicht in der Position, um wieder vollumfänglich zu öffnen", sagte Ardern damals.

Neuseelands Regierung hat bei den australischen Nachbarn in New South Wales gesehen, wie schnell aus einem einzelnen Fall einige Hundert werden können und wird sich deshalb auch nicht vom Null-Infektionen-Kurs verabschieden. "Wenn wir unseren Ansatz zu früh aufgeben, können wir nicht mehr zurück", sagte Ardern. Daher auch die Strategie beim Ausbruch nun, der zudem zeigt, wie wichtig eine Beschleunigung der Impfkampagne wäre: Nur 23 Prozent des Landes sind durchgeimpft, der 58-jährige Mann aus Auckland hatte noch keine Impfung erhalten - seine Ehefrau immerhin schon. Von medizinisch effektivem Schutz vor Covid-19 ist Neuseeland noch weit entfernt. Derzeit helfen nur radikale Maßnahmen.

© SZ
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