Ausschreitungen Eine Stadt außer Kontrolle

Die Polizei war am Sonntag in Chemnitz zeitweise überfordert. Am Montagabend finden weitere Demonstrationen in der Stadt statt.

(Foto: Andreas Seidel/dpa)

Das Chaos von Chemnitz zeigt: Es gibt Menschen, die an Fakten nicht interessiert sind. Wohl aber an Gründen, ihren Hass auf die Straße zu tragen.

Von Ulrike Nimz, Chemnitz

Es sollte ein besonderes Fest werden mit Freibier, Riesenrad und einer 120 Kilogramm schweren Torte. Chemnitz begeht in diesem Jahr seinen 875. Geburtstag. Doch statt eines rauschenden Miteinanders im Herzen der Stadt formiert sich am Sonntagnachmittag ein Mob aus Rechtsextremen und Hooligans. In den weitläufigen Straßen der Innenstadt kommt es zu Jagdszenen, die Polizei wird einfach überrannt. Was ist geschehen?

Ein Mann ist gestorben, in der Nacht zuvor. Auf der Brückenstraße, nur wenige Meter von den bunten Buden entfernt, kommt es laut Polizeiangaben gegen 3.15 Uhr zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen unterschiedlicher Nationalitäten. Ein 35-Jähriger stirbt noch im Krankenhaus, zwei weitere werden schwer verletzt. Bei dem Streit sollen Messer zum Einsatz gekommen sein. Alle drei Verletzten sind laut Polizei Deutsche. Die Beamten nehmen zwei 22 und 23 Jahre alte Männer fest, sie haben sich vom Tatort entfernt. Zu deren Nationalität macht die Polizei zunächst keine Angabe, es ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, ob und wie sie in die Auseinandersetzung involviert sind. Am Montagnachmittag teilt die Staatsanwaltschaft schließlich mit, dass Haftbefehl beantragt wurde.

Die Mitteilungen der Polizei sind zu jeder Zeit angemessen sachlich. Aber in den sozialen Netzwerken werden die Leerstellen schnell gefüllt - mit Gerüchten. Von "Männern südländischen Aussehens" ist die Rede, eine Frau soll belästigt worden sein. Die Polizei dementiert den letzten Punkt mehrmals, bittet via Twitter, Spekulationen zu unterlassen. Trotzdem schlagen die Wellen der Empörung immer höher. Zwischenzeitlich verbreitet sich die Nachricht, dass ein zweiter Mann im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen sein soll. Nichts davon bestätigt sich.

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Während die AfD 100 Menschen mobilisieren kann, kommen die Hooligans in kurzer Zeit auf 800

Was sich an diesem Tag in Chemnitz zeigt: Es gibt Menschen, die sind an Fakten nicht interessiert, wohl aber an Gründen, ihren Hass auf die Straße zu tragen. Während einem Aufruf der Chemnitzer AfD am Sonntagnachmittag nur etwa 100 Menschen folgen, verbreitet sich ein weiterer Appell der rechtsextremen Hooligan-Gruppe Kaotic Chemnitz rasend schnell. "Lasst uns zusammen zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat. Ehre Treue Leidenschaft für Verein und Heimatstadt", heißt es darin. Die Gruppierung, die bei Fußballspielen des Chemnitzer FC Stadionverbot hat, ist kein unbeschriebenes Blatt, sie wird im sächsischen Verfassungsschutzbericht erwähnt. Das Chemnitzer Stadtfest wird am Sonntagnachmittag vorzeitig abgebrochen, angeblich aus Pietätsgründen. Am Abend wird klar: Der entscheidende Punkt waren Sicherheitsbedenken - und es war wohl die richtige Entscheidung.

Mehrere Handyaufnahmen des Nachmittags haben inzwischen ihren Weg ins Netz gefunden. Sie zeigen eine große Gruppe, die sich zügig durch das Stadtzentrum bewegt, hauptsächlich Männer. Polizisten sind auf den Videos nur vereinzelt zu sehen. Die Menge skandiert: "Wir sind das Volk" und "Das System ist am Ende, wir sind die Wende". Am Rande kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Am Johannisplatz reißt ein Teilnehmer einen Polizisten zu Boden. Dieser wehrt sich mit seinem Schlagstock. Ein paar Hundert Meter weiter, auf der Bahnhofstraße, brechen einzelne Teilnehmer aus dem Zug aus und machen Jagd auf Migranten. Ein Mann brüllt: "Haut ab! Was ist denn, ihr Kanaken?" Die Polizei spricht in einer Mitteilung von "dynamischer Phase", eine recht positive Umschreibung für "außer Kontrolle". Den Teilnehmern des Demonstrationszuges gelingt es, die Innenstadt zu umrunden. Sie sammeln sich am Tatort der Messerattacke, einen Steinwurf vom Karl-Marx-Monument entfernt. Grablichter und Sonnenblumen verdecken die Überreste der Blutlache nur notdürftig.

Sachsens Generalstaatsanwalt Hans Strobl teilt am Montagabend mit, er werde die weiteren Ermittlungen zu den gewalttätigen Auseinandersetzungen übernehmen.

Beim Innenministerium gelten Teile der Innenstadt längst als "gefährliche Orte"

Die Szenen aus Chemnitz erinnern an die Ausschreitungen in Heidenau vor drei Jahren. Damals hatte ein wütender Mob in der Kleinstadt nahe Dresden einen Baumarkt belagert, in dem Geflüchtete untergebracht werden sollten, und sich zwei Abende infolge eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert, eine Zufahrtsstraße blockiert. Die Bilder von explodierenden Feuerwerkskörpern, zersplitternden Bierflaschen und einer Polizei in der Defensive gingen um die Welt, auch weil sie deutlich machten, dass "besorgte Bürger" durchaus in der Lage sind, binnen kurzer Zeit für bürgerkriegsähnliche Zustände zu sorgen. Hätten die Chemnitzer Beamten nicht gewarnt sein müssen?

Die Polizei räumt in ihrer Schilderung der Ereignisse ein, die Lage zumindest zeitweise nicht im Griff gehabt zu haben. Einer Sprecherin zufolge standen anfangs 800 Demonstrationsteilnehmer etwa 50 Beamten gegenüber. Gesprächsversuche seitens Stadt und Polizei seien fehlgeschlagen, heißt es. Die Gruppe habe sich unvermittelt in Bewegung gesetzt, im weiteren Verlauf weder auf Ansprache der Polizei reagiert, noch Kooperationsbereitschaft gezeigt. Man habe umgehend weitere Einsatzkräfte der sächsischen Bereitschaftspolizei angefordert.

Dass zunächst nicht genügend Beamte vor Ort waren, mag auch damit zusammenhängen, dass sich die Polizei an diesem Wochenende auf die Landeshauptstadt konzentriert hatte: In Dresden hatten am Samstag auf verschiedenen Veranstaltungen mehrere Hundert Menschen gegen ein Treffen der rechtsextremen "Identitären Bewegung" protestiert. Der Einsatz stand unter besonderer Beobachtung. Die Debatte um das unverhältnismäßige Vorgehen sächsischer Beamter gegen zwei Journalisten am Rande einer Pegida-Kundgebung war kaum verebbt. In Dresden verlief der Tag weitgehend friedlich.

In Chemnitz herrschte dagegen auch am Montagabend Ausnahmezustand. Mehr als 2000 rechte Demonstranten standen etwa halb so vielen Gegendemonstranten in der Innenstadt gegenüber, zwischen ihnen lagen kaum 50 Meter. Die Polizei berichtete von Hitlergrüßen aus dem rechten Lager, beide Seiten warfen mit Feuerwerkskörpern, es gab Verletzte. Das Herz der Stadt - es kommt vorerst nicht zur Ruhe.

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