Aufstand in Ägypten:Welches Spiel spielt der Vize-Präsident?

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Aufstand in Ägypten: Verletzter Demonstrant in Kairo: Drei Szenarien bestimmen die Zukunft Ägyptens.

Verletzter Demonstrant in Kairo: Drei Szenarien bestimmen die Zukunft Ägyptens.

(Foto: AP)

Die USA sollen hinter den Kulissen bereits einen Vorschlag ausgearbeitet haben: Mubarak, der gesundheitlich angeschlagen ist und vor einiger Zeit in Heidelberg operiert wurde, fliegt zu einer Nachuntersuchung nach Deutschland. Die Genesungsphase zieht sich hin. Suleiman führt derweil die Geschäfte und leitet in Zusammenarbeit mit der Opposition den friedlichen Wandel ein.

Das erfordert das Vertrauen der Opposition in Suleiman. Daran fehlt es. Bisher hat das Regime den Demonstranten keinerlei Garantien geben. Tag für Tag werden weitere Blogger und Protestierende verhaftet. Und Suleiman ist seit Jahrzehnten der treuer Diener Mubaraks.

Der Vizepräsident mag den aktuellen Konflikt beilegen wollen. Die Demontage des Regimes will er nicht. Genau die aber fordern die Demonstranten, wenn sie nach dem Aus für den Staatschef rufen. Sie sagen Mubarak und meinen das gesamte System.

Es gibt noch ein zweites Szenario: Das Regime schlägt zurück, beendet das kurze demokratische Abenteuer auf dem Befreiungsplatz mit Gewalt.

Der Vize-Präsident hatte in einem Fernsehinterview widersprüchliche Signale ausgesendet: Der frühere Armee- und Geheimdienstgeneral hatte die ägyptische Jugend gelobt. Sie habe ihre Revolte mit "legitimen Forderungen" begonnen. Dann hätten "andere und ausländische Kräfte" sich eingemischt. Sie manipulierten die Protestbewegung.

Ausländische Einmischung: Das ist in Ägypten der Aufruf, die nationalen Reihen zu schließen. Wen genau er gemeint hat, ließ Suleiman offen. Für die Mehrheit der Ägypter dürften es die USA und - trotz Friedensvertrags - der alte Erzfeind Israel sein.

Der Vize-Präsident, früher Geheimdienstchef, dürfte andere im Sinn haben: Iran, die libanesische Hisbollah, die palästinensische Hamas und andere Fundamentalisten. Irans geistlicher Führer Ayatollah Ali Khamenei goss von Teheran aus zudem Öl ins Feuer: Mubarak habe sein Volk betrogen, weil er jahrzehntelang enge Beziehungen zu den USA und zu Israel unterhalten habe. "Amerikas Kontrolle über die Führer Ägyptens hat das Land in einen der größten Feinde der Palästinenser und eines der größten Rückzugsgebiete der Zionisten verwandelt".

Der Eindruck der Gefahr

Der persische Islamisten-Führer sprach von einem "islamischen Erwachen" in der Region. Das klang so, als ob an den Pyramiden eine islamische Revolution bevorstehe wie die persische von 1979. Und da die ägyptischen Fundamentalisten von der Muslimbruderschaft inzwischen ein tragender Teil der Tahrir-Revolution sind, erscheinen sie somit als der verlängerte Arm feindlicher Mächte.

Sie erklärten sofort: "Die ägyptischen Proteste sind kein 'islamischer' Aufstand, sondern ein Massenprotest gegen ein ungerechtes, autokratisches Regime, der Ägypter aus allen Lebensbereichen, allen Religionen und allen Sekten einschließt."

Der US-Sender Fox News berichtete, es habe einen Anschlagsversuch auf Vizepräsident Suleiman gegeben. Auch wenn der Sender sich auf Quellen in der US-Regierung beruft: Niemand wollte die fragwürdige Meldung bestätigen. Ein hochrangiger ägyptischer Geheimdienstmitarbeiter wies den Bericht als frei erfunden zurück.

Zudem brannte am Samstag die ägyptisch-israelische Gaspipeline nach Israel: Unbekannte hatten die Rohrleitung gesprengt. Wer auch immer dahinter steckt: Solche Sabotage verstärkt den Eindruck, dass Ägypten in Gefahr ist. Dazu die internationalen Medien, die mit ihrer Berichterstattung das Bild des Landes beschmutzen, wie die Staatsmedien behaupten. Das zusammen könnte reichen, den Druck und die Wut nach außen zu lenken.

Verräter und Repressionen

Tatarenmeldungen, Anschläge, das angeblich anstößige Verhalten der internationalen Medien - da ist die Schlussfolgerung nahe liegend: Die Nation ist bedroht. Der demokratische Tumult auf dem Tahrir muss aufhören. Ägypten und die Ägypter müssen zusammen stehen.

Wer das nicht tut, ist kein Ägypter, sondern ein Verräter. Das könnte das Vorspiel dafür sein, die Demonstration auf dem Tahrir gewaltsam aufzulösen. Und das könnte die Vorstufe von größter Repression oder aber dem Absturz des Landes in die Anarchie sein.

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