Halle-Attentäter:Briefe an Gleichgesinnte

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Synagogentür von Halle

Einschusslöcher in der Tür der Synagoge in Halle.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Der Attentäter von Halle pflegt aus seinem Gefängnis heraus mehr Kontakte zu anderen Rechtsextremen als bislang bekannt.

Von Ronen Steinke, Berlin

Der 29-jährige Rechtsextreme, der vor zwei Jahren einen Anschlag auf die Synagoge von Halle verübte, schreibt im Gefängnis viele Briefe. Dabei hatte er nicht nur monatelang unbemerkt einen Kontakt zu einer Polizistin aufgebaut, Lara G., wie die Süddeutsche Zeitung und die Mitteldeutsche Zeitung kürzlich aufdeckten. Daneben hält er offenbar auch zu bekannten Rechtsextremen Kontakt. Nach Recherchen der SZ soll der Attentäter von Halle, Stephan B., der vor Gericht keinerlei Reue gezeigt hatte, sich brieflich mit einer Szenegröße aus Brandenburg sowie mit einer bekannten Rechtsextremistin aus Sachsen-Anhalt ausgetauscht haben.

Lediglich ein Brief, den Stephan B. an den in Hessen in Haft sitzenden rechtsextremen Mörder des Kasseler CDU-Politikers Walter Lübcke schrieb, Stephan E., wurde demnach von der Justizvollzugsanstalt abgefangen und gestoppt. Wegen dieses Briefes hat die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Es geht um den Verdacht der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Denn der Halle-Attentäter soll in seinem Brief über Anleitungen zum Waffenbau informiert haben. Bei seinem Anschlag am 9. Oktober 2019 hatte er selbstgebaute Waffen verwendet. Allerdings ist unklar, ob der Mörder Walter Lübckes wusste, dass er einen solchen Brief erhalten sollte.

Polizeikommissarin als Brieffreundin

Es geht um Briefe voller ideologischer Ermunterung und gegenseitiger Sympathie. Die Justizvollzugsanstalt Burg in der Nähe von Magdeburg liest all diese Briefe mit, so hat es die Landesregierung Sachsen-Anhalts jetzt auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Eva von Angern hin bestätigt. "Es liegt in der Natur der Sache", dass der Rechtsextreme Stephan B. versuchen könnte, Nachahmer zu motivieren, heißt es. Dennoch war den Beamten lange nicht aufgefallen, dass sich hinter einer Brieffreundin von Stephan B. die junge Polizeikommissarin Lara G. verbarg, die im Bereich der Polizeiinspektion Dessau-Roßlau arbeitete.

In mehr als zehn Briefen, die die Polizistin im Laufe mehrerer Monate schrieb, soll sie ihr Verständnis für die Tat ausgedrückt haben - ohne dass die Anstalt dazwischenging. "Art und Umfang" der Post von Stephan B. seien "regelmäßig thematisiert" worden, schreibt jetzt die Landesregierung. Es habe da "Auffälligkeiten" gegeben. Aber die Briefe der Polizistin kamen unter einem Tarnnamen und von einer Tarnadresse. Und diese persönlichen Daten untersuchten die Beamten nicht. Den Austausch extremistischer Inhalte als solchen unterbanden sie ebenfalls nicht, wie nun auch der Fall des rechtsextremen Brieffreunds von Stephan B. aus Brandenburg und der rechtsextremen Brieffreundin aus Sachsen-Anhalt zeigen.

Der Justizvollzug in Sachsen-Anhalt sah sich schon in der Vergangenheit mit Kritik konfrontiert, weil es dem Halle-Attentäter Stephan B. gelungen war, wenige Monate nach seiner Tat einen Fluchtversuch zu unternehmen und unbemerkt über eine drei Meter hohe Mauer zu klettern. Aus Gründen der Sicherheit wird er im Gefängnis ausschließlich von männlichen Justizbeamten betreut, heißt es. Eine Distanzierung von seinem Verbrechen habe sich bis heute nicht feststellen lassen. Am 9. Oktober 2019 hatte Stephan B. versucht, in die Synagoge von Halle einzudringen, und schließlich eine Passantin und einen Besucher eines Döner-Imbisses erschossen.

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