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Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan:Zweiter Versuch einer Waffenruhe offenbar gescheitert

Konflikt in Berg-Karabach

Ein aserbaidschanischer Soldat beruhigt einen Mann zwischen den Trümmern eines Hauses, das bei einem Beschuss seitens der armenischen Artillerie zerstört wurde.

(Foto: dpa)

Waffenruhe - das versprachen sich die beiden Länder schon in der vergangenen Woche. Trotzdem gab es wieder und wieder Berichte über Angriffe. Auch nach einem erneuten Anlauf in der Nacht zum Sonntag.

Im Konflikt um die Südkaukasus-Region Berg-Karabach haben Armenien und Aserbaidschan einen neuen Anlauf für eine Feuerpause genommen. In der Nacht zum Sonntag solle eine "humanitäre Waffenruhe" in Kraft treten. Das teilten die Außenministerien beider Länder am Samstagabend mit. Doch diese ist offenbar bereits brüchig.

Zunächst hatte eine Sprecherin des armenischen Verteidigungsministeriums erklärt, es habe Raketen- und Artilleriefeuer von gegnerischer Seite gegeben. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium wiederum warf Armenien später vor, die Feuerpause nicht eingehalten zu haben.

Bereits vor einer Woche hatten sich beide Seite unter Vermittlung Russlands auf eine Feuerpause verständigt. Diese Vereinbarung war jedoch ebenfalls schon kurz nach Inkrafttreten gebrochen worden. Die Schuld schoben sich beide Länder gegenseitig zu.

Zu Beginn des Wochenendes hatte es neue Kämpfe mit Toten und Verletzten gegeben. Aserbaidschan meldete schwere Angriffe der armenischen Seite auf Ganja, die zweitgrößte Stadt des Landes. Bei dem Raketenbeschuss seien 13 Menschen getötet worden, teilte das Zivilschutzministerium in der Hauptstadt Baku mit.

Armenien machte das Nachbarland ebenfalls für Angriffe verantwortlich. Von 50 Verletzten sprach Aserbaidschan in Ganja. Die Leichen seien etwa unter Trümmern zerstörter Häuser gefunden worden. Darunter sollen auch Kinder gewesen sein. Auf von Aserbaidschan verbreiteten Bildern war zu sehen, wie Rettungskräfte in zerstörten Häusern nach Überlebenden suchen.

Die gegenseitigen Beschuldigungen häfen sich - und lassen sich nur schwer überprüfen

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev nannte den Angriff im Fernsehen ein Kriegsverbrechen und drohte, dass die armenische Führung dafür zur Rechenschaft gezogen werde. Armenien wies jedoch eine Verantwortung zurück und warf dem verfeindeten Nachbarn im Gegenzug vor, selbst hinter dem Angriff zu stecken.

Beide Seiten warfen sich in der vergangenen Woche öfter gegenseitig vor, gegen die Feuerpause verstoßen zu haben. Jedoch lassen sich die Angaben aus der Konfliktregion unabhängig nicht überprüfen. So teilte das Militär von Aserbaidschan mit, es habe einen armenischen Kampfjet abgeschossen. Das aber dementierte das armenische Verteidigungsministerium umgehend und erklärte, zwei Drohnen der gegnerischen Seite abgeschossen zu haben.

Russland versucht weiterhin zu vermitteln

Der russische Außenminister Sergej Lawrow appellierte am Abend eindringlich an beide Seiten, sich an die Vereinbarung zu halten. Er telefonierte dazu nach Angaben seines Ministeriums in Moskau erneut mit seinen Kollegen aus Aserbaidschan und Armenien, Jeyhun Bayramov und Sohrab Mnazakanjan. Dabei habe Lawrow daran erinnerte, dass die Feuerpause auch humanitären Gründen diene. Außerdem hätten beide Seiten ihre Bereitschaft für "substanzielle Verhandlungen" mit dem Ziel einer schnellstmöglichen Friedensregelung erklärt, hieß es.

Auch die EU forderte beide Seiten erneut zur Einhaltung der Waffenruhe auf. "Alle Angriffe auf Zivilisten und zivile Einrichtungen müssen ein Ende haben", sagte ein Sprecher des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell am Samstag. Die Europäische Union bedauere den Beschuss der aserbaidschanischen Stadt Ganja. Das Auswärtige Amt in Berlin appellierte, beide Länder müssten "unverzüglich auf den Pfad für eine friedliche und dauerhafte Konfliktlösung zurückkehren". Außerdem müssten die von dem Konflikt betroffenen Menschen nun Hilfe erhalten.

Ein alter Konflikt mit vielen Toten

Die beiden Ex-Sowjetrepubliken kämpfen seit Jahrzehnten um die bergige Region mit etwa 145 000 Bewohnern. Berg-Karabach wird von Armenien kontrolliert, gehört aber völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet. Seit 1994 galt eine brüchige Waffenruhe. Aus der mehrheitlich von christlichen Karabach-Armeniern bewohnten Bergregion sind inzwischen Tausende Menschen geflohen.

Das armenische Verteidigungsministerium sprach von mehr als 600 getöteten Soldaten seit Beginn der neuen Kämpfe am 27. September. Aserbaidschan machte bislang keine Angaben zu Verlusten bei seinen Streitkräften. Bei armenischen Angriffen seien mehr als 50 Zivilisten getötet worden.

© SZ/dpa/rtr/mpu/aner
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Von Silke Bigalke

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