Armee Wo die Wehrpflicht in Europa noch gilt

CDU-Politiker diskutieren, ob Deutschland wieder eine Wehrpflicht braucht.

(Foto: dpa)
  • Mehrere CDU-Politiker sprechen sich für eine Wiedereinführung der 2011 in Deutschland abgeschafften Wehrpflicht aus.
  • Der Großteil der europäischen Staaten hat seine Streitkräfte in den letzten 15 Jahren zu reinen Berufsarmeen umgebaut.
  • Heute halten zehn europäische Staaten noch an der Wehrpflicht fest, Schweden und Litauen haben sie kürzlich wieder eingeführt.
Von Xaver Bitz und Helena Ott

CDU-Politiker diskutieren, die 2011 abgeschaffte Wehrpflicht wieder einzuführen oder zumindest in Form einer allgemeinen Dienstpflicht wieder aufleben zu lassen. Einerseits soll dem Personalmangel bei der Bundeswehr entgegengewirkt werden, andererseits könnten so auch offene Stellen in der Gesundheitsversorgung und der Pflege zumindest übergangsweise besetzt werden.

Dabei ging der Trend in den vergangenen Jahren eigentlich eher gegen die Wehrpflicht in Europa. Derzeit gibt es deutlich mehr Berufsheere als Armeen, die sich zum Teil aus Wehrpflichtigen rekrutieren. Zur Jahrtausendwende hatten noch 28 europäische Länder, darunter auch Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien die Wehrpflicht.

Nachdem 2004 die Tschechische Republik sich als erstes europäisches Land von einem verpflichtenden Militärdienst abwandte, folgte aber sukzessive ein Großteil der anderen Nationen Europas. Darunter waren auch Litauen (abgeschafft 2008) und Schweden (2010), die dies allerdings 2015 und 2018 wieder rückgängig machten.

Heute halten zehn Staaten in Europa an der Wehrpflicht fest. Ein Überblick:

Dänemark

Nach Artikel 81 des dänischen Grundgesetzes ist jeder männliche Staatsbürger wehrpflichtig. Die Dauer der Wehrpflicht ist seit 2017 flexibel: Sofern der Personalbedarf der "Forsvaret" ausreichend durch Freiwillige gedeckt ist, müssen die Wehrpflichtigen nur noch vier Monate Dienst an der Waffe leisten, sonst bis zu zwölf Monate.

Estland

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlangte Estland 1991 seine Unabhängigkeit und gründete im selben Jahr die "Eesti Kaitseväg" neu. Die allgemeine Wehrpflicht wurde 1992 eingeführt und beträgt seitdem acht Monate. Debatten über eine Abschaffung der Wehrpflicht gab es in letzter Zeit keine - was auch daran liegen könnte, dass es mit Russland immer wieder Spannungen gibt.

Finnland

Der Pflichtdienst in der "Puolustusvoimat" beträgt je nach Ausbildungsstand zwischen sechs und zwölf Monate. Dieser kann zwar auch verweigert und durch einen zwölfmonatigen Ersatzdienst ausgetauscht werden, doch dem Verteidigungsministerium zufolge leisten die meisten Finnen ihren Dienst ab. Seit 1995 besteht außerdem für Frauen die Möglichkeit des freiwilligen Wehrdienstes.

Griechenland

Männer zwischen 18 und 45 Jahren sind in Griechenland für neun Monate zum Wehrdienst verpflichtet. In jüngerer Vergangenheit wurde vom Verteidigungsministerium eine Verlängerung der Wehrpflicht auf 12 Monate geprüft. Eine Abschaffung steht wohl angesichts der geografischen Lage an der Grenze Europas nicht zur Debatte. Erst kürzlich hat die griechische Regierung 7000 Soldaten an die Grenze zur Türkei verlegt.

Litauen

Die Entwicklung der "Lietuvos kariuomenė" verlief sehr ähnlich zu der Estlands: Die allgemeine Wehrpflicht wurde 1992 eingeführt, nach Abzug der russischen Streitkräfte aus dem Land 1993 organisierte sich die Armee nach westlichem Vorbild. 2008 wurde die Wehrpflicht abgeschafft, angesichts der Ukraine-Krise 2015 wieder eingeführt. Die verpflichtende Dienstzeit beträgt derzeit neun Monate.

Österreich

In Mitteleuropa ist Österreich zusammen mit der Schweiz das einzige Land, das noch an der allgemeinen Wehrpflicht festhält. Bei einer Volksbefragung im Jahr 2013 stimmten etwa 60 Prozent der Österreicher dafür, die Wehrpflicht und den sogenannten Zivildienst auch weiterhin beizubehalten. Schon vor der Befragung hatte die Regierung angekündigt, sich in ihrer Entscheidung an das rechtlich nicht bindende Referendum zu halten. Der Militärdienst dauert in Österreich nun sechs Monate. Als Ersatz ist ein Zivildienst von neun Monaten oder ein einjähriger Auslandsdienst zulässig. Vor allem der Zivildienst sei Experten zufolge notwendig, um ausreichend Stellen in Pflege und Krankentransport besetzen zu können.

Norwegen

Nowegen ist neben Schweden das einzige europäische Land, in dem die zwölfmonatige Wehrpflicht auch für Frauen besteht. Mit dieser Entscheidung sichert Norwegen auch die Truppenstärke seines Militärs, einen Ersatzdienst gibt es in Norwegen nicht. In jedem Jahr werden deutlich mehr junge Erwachsene auf ihre Tauglichkeit geprüft, als letztlich eingezogen werden.

Schweden

Schweden ist 2018 zur Wehrpflicht zurückgekehrt. Um nicht gegen Gleichberechtigungsgrundsätze zu verstoßen, wurde der Militärdienst auch auf Frauen ausgeweitet. 2010 hatte die konservative Vorgängerregierung die Berufsarmee abgeschafft. Daraufhin meldeten sich pro Jahr im Schnitt nur 2500 Freiwillige für die Berufsarmee. Um die Truppenstärke aber bei 20 000 Soldaten halten zu können, wären pro Jahr 4000 Freiwillige nötig gewesen. Im vergangenen Jahr beschlossen Regierungs- und Oppositionsparteien deshalb die Wiedereinführung der Wehrpflicht.

Schweiz

Ein für europäische Verhältnisse untypisches Modell hat die Schweiz. Nach einer Grundausbildung - in der Schweiz Rekrutenschule genannt von 18 oder 21 Wochen werden Männer zwischen 18 und 32 Jahren neben ihrem Beruf immer wieder zu Übungen herangezogen. Seit 1992 besteht für Wehrdienstverweigerer die Möglichkeit, einen Zivildienst zu leisten. Mehrfach wurde auch in der Schweiz über eine Abschaffung debattiert, in einer Volksinitative hatte 2013 die Mehrheit gegen eine Aufhebung gestimmt.

Zypern

In Zypern wurde die Wehrpflicht im Jahr 2016 von 24 Monaten auf 12 Monate verkürzt. Das Operationsgebiet der Nationalgarde ist auf den mehrheitlich von griechischsprachigen Zyprern bewohnten Teil der Insel beschränkt.

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