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Argentinien:25 Jahre ohne Gerechtigkeit

Rescue personnel work after an explosives-laden truck blew up outside the Argentine Israeli Mutual Association (AMIA) building on July 18 1994, in Buenos Aires

Der halbe Straßenzug in Buenos Aires wurde bei dem Anschlag 1994 verwüstet (Archivfoto).

(Foto: Julio Menajovsky/Reuters)

Das Land gedenkt des Anschlags auf das jüdische Zentrum in Buenos Aires.

Auch dieses Jahr werden wieder die Sirenen heulen in Buenos Aires, so wie jedes Jahr am 18. Juli. Sie sollen die Stadt an das Attentat auf das jüdische Gemeinschaftszentrum AMIA vor 25 Jahren erinnern. Damals parkte ein mit mehreren Hundert Kilo Sprengstoff beladener Renault-Lieferwagen vor dem Gemeindegebäude im Stadtteil Once. Das Viertel ist traditionell jüdisch geprägt, mit kleinen Läden, die Stoffe, Schmuck, Spielwaren und Werkzeuge verkaufen. Doch um genau 9.53 Uhr Ortszeit zerriss die Detonation der Autobombe die übliche Geschäftigkeit auf den umliegenden Gassen. Durch die Wucht wurde nicht nur das Gebäude der AMIA, sondern auch der gleich noch der halbe Straßenzug mit verwüstet, mehr als Hundert Menschen wurden verletzt, 87 starben. Es war der größte Anschlag in der Geschichte Argentiniens, doch bis heute sind die Hintergründe der Tat nicht geklärt und die Urheber nicht verurteilt.

Schon zwei Jahre vor dem Anschlag auf die AMIA hatte es in Buenos Aires ein Attentat auf die israelische Botschaft gegeben. 29 Menschen starben damals, hunderte wurden verletzt, darunter viele Kinder einer benachbarten katholische Schule. Als Urheber bekannte sich der "Islamische Dschihad", der mit dem Attentat nach eigenen Aussagen den Tod eines Hisbollah Funktionärs rächen wollte. Ermittler zogen auch Verbindungen in den Iran und den Libanon und als dann 1994 die Bombe vor dem Gebäude der AMIA explodierte, wurden schnell Stimmen laut, die ähnliche Urheber vermuteten.

Bei der Aufarbeitung beider Anschläge kam es jedoch bald zu Ungereimtheiten. Beweise verschwanden, angebliche Zeugen lenkten Ermittlungen auf falsche Fährten. Untersuchungen zeigten, dass Justiz und Geheimdienst ein groß angelegtes Vertuschungsmanöver inszeniert hatten, einige der Verdächtigen wurden mittlerweile verurteilt, die wahren Hintergründe der Taten blieben aber weiter unklar.

Besonders ein Ermittler trieb den Fall dennoch über Jahre hinweg voran: Sonderstaatsanwalt Alberto Nisman. Er beschuldigte Argentiniens Ex-Präsident Carlos Menem, Spuren vertuscht zu haben, die in den Iran führten. Menem habe damit vor allem die guten Geschäftsbeziehungen schützen wollen, die Argentinien damals mit dem Iran unterhielt: Das südamerikanische Land lieferte niedrig angereichertes Uran in die islamische Republik, diese wiederum versorgte Argentinien mit billigem Öl. Auch Menems Nachfolger, das Ehepaar Néstor und Cristina Kirchner sollen an der Vertuschung beteiligt gewesen sein. Nisman behauptete, Beweise für all seine Anschuldigungen zu haben. Einen Tag, bevor er diese jedoch der Öffentlichkeit präsentieren wollte, fand man den Sonderstaatsanwalt aber mit einer Kugel im Kopf tot in seinem Badezimmer. Bis heute gibt es wilde Spekulationen, ob Nisman sich umgebracht hat oder ob er nicht doch ermordet wurde.

Den Opfern des Attentats auf die AMIA und ihren Angehörigen sind all diese Ermittlungspannen und Gerüchte ein Graus. Sie fordern weiterhin Gerechtigkeit und Aufklärung. Immerhin hat die argentinische Regierung mittlerweile Entschädigungen an einige der Betroffenen gezahlt und Staatstrauer für den 18. Juli verhängt. Präsident Mauricio Macri hat zudem am Mittwoch im Vorgriff auf den Jahrestag des Anschlags die Hisbollah zur terroristischen Vereinigung erklärt. Sie darf nun unter anderem keine Konten mehr in Argentinien unterhalten und ihre Mitglieder bekommen keine Einreiseerlaubnis. Abhalten von ihren Aktivitäten in Lateinamerika wird das die schiitische Gruppe aber vermutlich nicht. Vor allem im Dreiländereck zwischen Paraguay, Brasilien und Argentinien soll die Hisbollah laut US-Ermittlern im großen Stil Geld waschen, das aus dem Handel mit Waffen, Drogen und gefälschten Markenprodukten stammt. Behilflich sollen dabei kolumbianische Kartelle sein genauso wie alte Familienbande.

Es gibt in Argentinien viele libanesischstämmige Einwanderer, gleichzeitig hat das Land den größten jüdischen Bevölkerungsanteil in ganz Lateinamerika. 200 000 Juden leben alleine in Buenos Aires, viele davon immer noch in Once, jenem Viertel also, in dem auch die AMIA ihren Sitz hat. Ihr Zentralsitz ist längst wieder aufgebaut, sie gehört zu den am besten gesicherten Gebäuden in ganz Buenos Aires.

Zum 25. Jahrestag des Anschlags sind am Donnerstag mehrere öffentliche Trauerfeiern geplant. Vertreter Israels und auch US-Außenminister Mike Pompeo werden dafür erwartet. Dazu wurden bereits drei riesige Wandbilder auf einer naheliegenden Klinik enthüllt. In ihr waren die meisten der Opfer behandelt worden. Die Gemälde sollen verhindern, dass das Attentat vergessen wird, bevor es Gerechtigkeit gibt.