Anschläge von Norwegen: Anders Behring Breivik "Er kam aus dem Nichts"

"Er kam aus dem Nichts", sagt dementsprechend ein Polizist. Der Verdächtige hatte in seiner Polizeiakte nur Einträge wegen kleinerer Vergehen. "Er war nicht auf unserem Radar und wäre er in einer Neo-Nazi-Gruppe in Norwegen aktiv gewesen, hätten wir ihn auf dem Radar gehabt", sagt der Polizist. Trotzdem könnte es sein, dass er von der rechtsextremen Ideologie inspiriert worden sei. In den 90er-Jahren führten Neo-Nazi-Gruppen in Skandinavien eine Reihe von Morden und Überfällen durch. Doch seitdem verhielten sie sich ruhig. "Sie haben ein Führungsdefizit. Wir haben diese Gruppen ziemlich gut unter Kontrolle", fügt er hinzu.

Auch der Rechtsextremismus-Forscher der Freien Universität Berlin, Hajo Funke, bezeichnet es als ungewöhnlich, dass ausgerechnet Norwegen Ziel eines offenbar rechtsextremistisch motivierten Anschlags geworden ist. "Der Rechtsextremismus in Norwegen ist relativ schwach ausgeprägt", sagt Funke zur Nachrichtenagentur dapd. Funke wies allerdings darauf hin, dass es mit der norwegische Fortschrittspartei FrP eine Formation gebe, die bis zu 25 Prozent der Wähler erreichen könne. Diese sei zwar "nicht unmittelbar verantwortlich für solche Gewalttaten, aber das kann das Klima anheizen", sagte Funke. "Jede Form von Rechtspopulismus senkt die Hemmschwelle für solche vermutlichen Einzeltäter".

Auf einschlägigen Internetseiten deutscher Neonazis wird auch über die Tat spekuliert: "Einen größeren Bärendienst hätte der Attentäter seiner Sache - dem Kampf gegen die Überfremdung und Islamisierung seiner norwegischen Heimat und Europas insgesamt - nicht erweisen können", heißt es da etwa oder "Was für ein Wahnsinn, aus (berechtigter) Sorge um sein Land Angehörige des eigenen Volkes abzuschlachten. Mögen die Getroffenen auch noch so links-gutmenschlich verblendet gewesen sein, sie bleiben doch seine Landsleute." Offenbar weil Breivik in vielen Medienberichten als fundamentalistischer Christ bezeichnet wird, fällt es ihnen leicht, Breivik den mutmaßlichen Massenmörder als "Psychopathen" zu abzustempeln.

Analog zu Oklahoma City?

Als Psychopath wurde allerdings auch versucht, Timothy McVeigh abzukanzeln. Er war es, der 1995 den bislang letzten rechtsextremen Anschlag einer dermaßen großen Dimension in der US-Stadt Oklahoma ausführte. Damals kamen 168 Menschen ums Leben, als McVeigh den Sprengstoff in einem Laster vor einem Regierungsgebäude zündete. Psychopath war McVeigh nicht, aber überzeugter Rechtsextremist.

Tatsächlich könnte das Blutbad in Norwegen die paramilitärische Szene in Europa wieder stärker ins Licht rücken. Denn ein Jahrzehnt nach den al-Qaida-Anschlägen vom 9/11 hat sich auf dem Kontinent eine neue Bedrohung entwickelt. In vielen westeuropäischen Städten beobachten die Sicherheitsbehörden besorgt, wie sich rechtsextreme Einstellungen verbreiten und von einer giftigen Mischung aus anti-muslimischen Reflexen, Widerstand gegen das Zusammenleben mit Einwanderern und wachsenden wirtschaftlichen Nöten genährt werden. Und was wäre, wenn sich eine Verbindung von Breivik zu Vertretern rechtspopulistischer Parteien nachweisen ließe?

Sollten sich die Hinweise auf das Motiv des Attentäters erhärten, sei die Botschaft nicht zu unterschätzen, sagt Hagai Segal, ein Experte für Sicherheitspolitik an der New York University in London, zu der Nachrichtenagentur Reuters. "Ein solcher rechtsextremer Angriff wäre in Europa und ganz sicher in Skandinavien beispiellos. "Das wäre das hiesige Gegenstück zu Oklahoma City: der Anschlag einer Einzelperson mit extremen regierungsfeindlichen Ansichten und Verbindungen zu bestimmten Gruppen, gegen die Regierung gerichtet und mit dem Ziel eines Regierungsgebäudes oder einer Regierungsinstitution."