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Annäherung an die USA:Letzte Ausfahrt für Havanna

To match story CUBA-TOURISM/

Uralte amerikanische Autos in Havanna: Viele Kubaner stehen zur Revolution, aber gleichzeitig auch zum Wunsch nach Erneuerung.

(Foto: REUTERS)
  • Viele Kubaner feiern ausgelassen den Gefangenenaustausch mit den USA. Sie hoffen darauf, dass ihnen die Annäherung der beiden Länder Erneuerung bringt.
  • Präsident Raúl Castro stellt bei einer Fernsehansprache klar: Kuba soll sozialistisch bleiben.
  • Die Friedensgeste der USA könnte Kubas wirtschaftlichen Kollaps verhindern. Kubas Landwirtschaft etwa kann die eigene Bevölkerung schon lange nicht mehr ernähren.

Als der Anruf kam, brachte Roberto Chile gerade seine 91-Jährige Mutter zum Arzt. Die Neuigkeit, die er aus dem Handy erfuhr, musste er sogleich lauthals dem guten Dutzend Patienten im Wartezimmer mitteilen: Gerardo, Ramón und Antonio, rief er, seien endlich frei! "Alle sind in Jubel und Applaus ausgebrochen", erzählt Roberto Chile. "So ist eben das kubanische Volk."

Jeder Kubaner weiß, wer Gerardo Hernández, Antonio Guerrero und Ramón Labañino sind. Seit ihrer Verurteilung 2001 wegen Spionage in den USA wurden die drei Kubaner von der Castro-Regierung zu Märtyrern aufgebaut. Ihr Austausch gegen den US-Bürger Alan Gross am Mittwoch war sichtbarstes Zeichen der Annäherung zwischen beiden Ländern - und wurde von der Regierung in Havanna als Frucht der eigenen Hartnäckigkeit in den Vordergrund gestellt.

"Morgen wird die Welt besser sein - und Kuba auch"

In der Tat hatten die drakonischen Haftstrafen gegen die Kubaner weltweiten Protest, unter anderem von Amnesty International, hervorgerufen. Die drei hatten lediglich Aktivitäten der kubanischen Exilgemeinde in Miami ausspioniert.

Stolz, sagt Roberto Chile, seien er und die anderen im Wartezimmer in dem Moment gewesen, Kubaner zu sein. Doch schon im nächsten Satz deutet er an, dass auch er sich nach einem Wandel sehnt: "Morgen wird die Welt besser sein - und Kuba auch." Das ist bemerkenswert, denn Roberto Chile hat Fidel Castro 25 Jahre lang als Kameramann um die Welt begleitet und seine Auftritte gefilmt. Erst im August war in Havanna und Berlin seine Fotoausstellung "Fidel bleibt Fidel" zu sehen, zusammengestellt zum 88. Geburtstag des Revolutionsführers.

Roberto Chile steht zur Revolution, wie es noch immer viele Kubaner tun. Aber aus ihm spricht gleichzeitig der Wunsch nach Erneuerung - nach einem "normalen Leben gemäß den globalen Codices des 21. Jahrhunderts", wie es der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura ausgedrückt hat, nach einem Leben zum Beispiel mit Reisefreiheit und ungehindertem Zugang zum Internet.

Viele Kubaner feierten ausgelassen die Nachrichten aus Washington. Sie hoffen auf Erneuerung in ihrem Land. Damit es mit seinen Leuten aber nicht durchgeht, war Präsident Raúl Castro bei seiner Fernsehansprache bemüht, ein paar Dinge klarzustellen: Kuba, so drückte er sich aus, sei interessiert an "einer Aktualisierung unseres ökonomischen Modells", einem "nachhaltigen und Prosperität erzeugenden Sozialismus".

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Aber sozialistisch soll das Land bleiben. Castro will den sowjetischen Kollaps vermeiden, es will den chinesischen Weg des langsamen Übergangs. Dafür wird es allerdings höchste Zeit.

Obama hat Raúl Castro eine Demütigung erspart

US-Präsident Barack Obama sagte am Mittwoch im Weißen Haus, das Embargo habe nichts gebracht. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich hat die jahrzehntelange Blockade Kuba in den Ruin getrieben. Übrig geblieben ist nur der Stolz auf das eigene Durchhaltevermögen, so wie es sich in den Worten Roberto Chiles und vieler anderer Kubaner ausdrückt.

Obama hat Raúl Castro die Demütigung erspart, dass der marode Staat unter ihm zusammenbricht. 2018 will Kubas Präsident ohnehin zurücktreten - dann wäre er 87. Nachfolger wird nach bisherigem Stand Vizepräsident Miguel Díaz-Canel Bermúdez, ein Technokrat, von dem viele annehmen, dass er den Rest des Sozialismus auf nüchterne Weise abwickelt.

Kubas Landwirtschaft ist extrem unproduktiv

Dass Washington der kubanischen Revolution diese letzte Ausfahrt offenhält, verbittert die kubanische Exilgemeinde in Miami. Die Miameros hätten liebend gerne den Zusammenbruch des verhassten Systems erlebt und im Triumphzug ihre nach der Revolution 1959 verstaatlichten Besitzungen wieder in Empfang genommen. Und waren sie nicht kurz davor?

Ernähren kann Kubas Landwirtschaft die eigene Bevölkerung schon lange nicht mehr. Sie ist extrem unproduktiv, trotz aller Liberalisierungen. Nahrungsmittel müssen importiert werden - zum Teil ausgerechnet aus den USA. Die wurden dann als humanitäre Hilfe deklariert, der einzige Weg, das Embargo zu umgehen.

Entscheidend fürs Überleben vieler Familien sind die Überweisungen ausgewanderter Verwandter. Dass die reme sas familiares nach der Annäherung an die USA leichter werden fließen können, ist die vielleicht wichtigste Nachricht für den Alltag der Kubaner.

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So banale Dinge wie Speiseöl, von Laptops ganz zu schweigen , sind ohne Dollarhilfe kaum erschwinglich - viele Staatsangestellte verdienen nur umgerechnet 25 bis 40 Dollar im Monat. Wie sie überhaupt durchkommen? Inventar, erfinden, ist eines der wichtigsten Worte in Kuba, das Wort für das tägliche Durchwursteln.

Was hält Fidel von alldem?

Und das wird immer wichtiger. Seit der Liberalisierung des Arbeitsmarktes 2010 wurden Hunderttausende Staatsdiener entlassen, von denen eine alte Redensart sagt, sie hätten so getan, "als würden sie arbeiten, während der Staat so tat, als würde er sie bezahlen".

Die Menschen stehen nun vor der Situation, wirklich herausfinden zu müssen, welche Fähigkeiten sie eigentlich besitzen. Durch das Leistungsprinzip sei die egalitäre Gesellschaft aufgehoben worden, schreibt Autor Padura, bestimmten Gesellschaftsschichten stünden Konsumgüter zur Verfügung, von denen andere nur träumten.

Am ehesten wird die Veränderung in Havanna sichtbar werden

Wie lange etwa das kubanische Gesundheitssystem noch funktionieren wird, wenn Ärzte künftig mehr Geld verdienen, wenn sie Kaugummi an Touristen verkaufen oder ins Ausland gehen, ist die Frage. Bislang hatte Kuba die höchste Lebenserwartung in Lateinamerika.

Optisch sichtbar wird die Veränderung am ehesten in Havanna werden. Noch gleicht die Stadtlandschaft mit ihrer bröckligen Kolonialarchitektur einem kommerzfreien Freilichtmuseum. Doch das dürfte sich bald ändern. Plastik-Reklameschilder und Malls werden das Bild prägen so wie in anderen lateinamerikanischen Großstädten auch. Das Interesse am Erhalt alter Bausubstanz ist in ganz Amerika ohnehin gering. Eine neue Zeit wird auch in Havanna die Spuren der Vergangenheit tilgen.

Und die Menschen? Die Schlangen von Kubanern, die nach US-Visa anstehen, dürften lang werden - so man jungen Menschen nicht eine echte Perspektive im Land anbietet. Dazu gehört freier Zugang zum Internet, bisher war die Insel schwer erreichbar für die digitale Kommunikation: Die in US-Hand befindlichen Unterseekabel waren einfach abgeklemmt.

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Schließlich Fidel, der einstige Máximo Líder. Was hält der von alldem? Castros bislang letzte seiner "Reflexionen", die regelmäßig in der Parteizeitung Juventud Rebelde erscheinen, datiert von Oktober. Darin fordert der Ruheständler ein Ende des Embargos. Auch Roberto Chile, der Kameramann, weiß nicht, wie es seinem prominenten Fotomodell geht. Doch als alter Fidelista ist er sich ganz sicher: "Er springt vor Freude herum."