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Supreme-Court-Kandidat Kavanaugh:Diese Anhörung ist kein Sieg für "Me Too"

Das mutmaßliche Opfer im Kreuzverhör, verquere Tiraden des Beschuldigten und eine Öffentlichkeit, die diskutiert, wer heult und wer recht hat: Die Aussagen von Ford und Kavanaugh waren schwer erträglich. Was haben sie gebracht?

Am Schlimmsten, sagt Christine Blasey Ford, war das Gelächter. Sie denke bis heute daran, wie der junge Mann ihren Mund zuhielt, an ihrer Kleidung zerrte und mit seinem Freund darüber lachte. Das Video der Anhörung der Psychologie-Professorin, die dem Supreme-Court-Kandidaten Brett Kavanaugh versuchte Vergewaltigung vorwirft, ist schwer erträglich. Im Saal saßen neben dem Justizausschuss des US-Senats auch Zuschauer. Einige, die Ähnliches erlebt haben, schluchzten laut auf.

Im Publikum saßen auch Tarana Burke und Alyssa Milano. Burke hat die Formulierung "Me Too" geprägt. Die Schauspielerin Milano hat sie vor einem Jahr als Hashtag etabliert, der für eine internationale Bewegung gegen sexualisierte Gewalt steht. "Das ist schwer", twitterte Burke während Fords Aussage. Es war schwer für viele, vor allem für Ford. Aber was hat es gebracht?

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Mit #WhyIDidntReport wendet sich die Schauspielerin an US-Präsident Donald Trump. Er hatte nach den Missbrauchsvorwürfen gegen Brett Kavanaugh die Glaubwürdigkeit des Opfers angezweifelt.

"Me Too" hat mächtige Männer für ihre Übergriffe abgestraft, Aufmerksamkeit für sexualisierte Gewalt geschaffen und Überlebende ermutigt, ihre Angreifer zu benennen. "Me Too" hat viele Siege errungen. Aber diese Anhörung war keiner.

Sie hat viele Menschen an die Befragung von Anita Hill erinnert, die 1991 einen Supreme-Court-Kandidaten beschuldigte. In den fast drei Jahrzehnten, die seither vergingen, scheint sich kaum etwas geändert zu haben.

Die Tatsache, dass die Anhörung überhaupt stattfand, mag eine Eigenheit des Supreme-Court-Auswahlverfahrens sein. Aber der Modus ist ein Beispiel dafür, wie mit Betroffenen heute noch umgegangen wird. Dass Ford vor einem weltweiten Publikum immer wieder die Details der Nacht schildern soll, dass eine Staatsanwältin sie in eine Art Kreuzverhör nimmt, dass sie wie eine Verdächtige behandelt wird: So etwas sollte es nicht geben. Wenn sich der Übergriff wirklich so zugetragen hat, wie Ford es schildert, muss das Hearing sie erneut traumatisiert haben. Dass die ganze Welt zuschaute und eifrig kommentierte, wer wann heult und wer wo recht haben könnte, zeigt, wie überfordert und rückständig die Gesellschaft mit solchen verletzten Menschen umgeht.

Andere Überlebende könnte die Anhörung sogar davon abhalten, ihren Angreifer anzuzeigen. Die Staatsanwältin, die für die Republikaner Fragen an Ford stellte, hat demonstriert, wie solche Kreuzverhöre in Gerichtsprozessen ablaufen. Außerdem zeigt der Fall, wie Frauen ihre Existenz zerstören können, wenn sie mächtige Männer beschuldigen.

Ford ist eine "shero", eine feministische Heldin

Schätzungen zufolge wird in den USA alle zwei Minuten eine Frau vergewaltigt. Versuchte Vergewaltigungen und andere Übergriffe kommen hinzu. Die wenigsten Täter werden später mal Supreme-Court-Kandidaten. Der Putzkraft, die ihren Vorgesetzten anzeigt, der Schülerin, die nach dem Übergriff Hilfe sucht, wird weiterhin mit Misstrauen begegnet. "Warst du nicht selbst schuld, weil du einen Rock getragen hast?" Diese Umkehr der Rolle von Opfer und Täter wird es weiterhin geben, wenngleich sie dank "Me Too" seltener geworden ist.

Kavanaughs seltsamer Gegenangriff befördert solche Interpretationen. Ein Argument des Richters und seiner Verteidiger: Wer weibliche Bekannte und Kolleginnen hat, die ihn als netten Typen einschätzen, kann kein Vergewaltiger werden. Solche verqueren Rechtfertigungen haben es nicht verdient, per Livestream in alle Welt übertragen zu werden.

Der Fall hat eine Schwäche von "Me Too" bloßgelegt: Das einzige Druckmittel ist ein zerstörter Ruf. Hashtags können niemanden verhaften. Demonstrantinnen können keinen Vergewaltiger zu einer Gefängnisstrafe verurteilen. Anhörungen können keinen Täter zur Einsicht seiner Schuld zwingen. Nach Kavanaughs Tiraden zeichnet sich ab, wie vor allem die amerikanische Rechte, die sich bedroht fühlt, weiterhin mit Betroffenen umgehen wird: Statt ihnen zuzuhören, werden sie als Teil einer Verschwörung denunziert.

Andererseits zeigt der Fall durchaus die Stärke von "Me Too": Ford ist ein Rollenvorbild, eine "shero", wie Feministen ihre Heldinnen bezeichnen. In ihrer Aussage hat sie gezeigt, wie aus Opferrolle, Traumatisierung und Verletzlichkeit heraus unglaubliche Kraft erwachsen kann.

Ford ist eine mutige Frau. Womöglich hat "Me Too" sie zusätzlich ermutigt, Kavanaugh anzuprangern, womöglich hätte sie sich das vor ein paar Jahren noch nicht zugetraut. Womöglich haben die bisherigen "Me Too"-Fälle den aktuellen angestoßen wie einen Dominostein. Ob dieser Stein steht oder fällt und ob er dann den nächsten anstößt, bleibt abzuwarten.

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