Anhörung:Kavanaugh weist Anschuldigungen wütend zurück

  • Drei Frauen werfen Supreme-Court-Kandidat Kavanaugh inzwischen vor, sie als Schüler oder Student sexuell belästigt, genötigt oder regelrecht attackiert zu haben.
  • Allerdings gibt es keine Augenzeugen, die die Aussagen der Psychologie-Professorin Blasey Ford zu dem angeblichen Vorfall bestätigen.
  • Kavanaugh weist die Anschuldigungen wütend zurück. Nach seinen Angaben kannte er Blasey Ford in seiner Schulzeit nicht.

Von Hubert Wetzel, Washington

Vielleicht schafft Brett Kavanaugh es ja doch noch an den Supreme Court. Vielleicht finden sich in den kommenden Tagen genügend Senatoren, die seine Berufung an den Obersten Gerichtshof der USA bestätigen, allen Zweifeln und Vorwürfen zum Trotz. Vielleicht.

Sicher ist: Brett Kavanaugh ist ein beschädigter Mann, und er wird allenfalls ein beschädigter Richter werden. Alles andere ist kaum noch denkbar, nach dieser Aussage von Prof. Dr. Christine Blasey Ford am Donnerstagmorgen in Raum 226 des Dirksen Senate Office Building.

Drei Frauen werfen Kavanaugh inzwischen vor, sie als Schüler oder Student sexuell belästigt, genötigt oder regelrecht attackiert zu haben. Ford war die erste dieser Frauen, und ihre Vorwürfe gegen Kavanaugh sind die am besten belegten. Die Amerikaner kennen Fords Geschichte bisher nur aus den Medien, am Donnerstag aber erzählte sie diese Geschichte der ganzen Nation live im Fernsehen. "Ich bin heute nicht hier, weil ich hier sein möchte", sagte Ford. "Ich habe Angst. Ich bin hier, weil ich es für meine Bürgerpflicht halte, zu erzählen, was mir passiert ist, als Brett Kavanaugh und ich in der Highschool waren."

Kavanaugh sei sturzbetrunken gewesen

Was damals passierte, war - so wie Ford es am Donnerstag mit stockender Stimme und sichtlich erschüttert erzählt - dieses: Im Sommer 1982 ging die 15 Jahre alte Schülerin Christine auf eine kleine Party in einem Privathaus in Bethesda, einem Vorort von Washington, auf der auch der 17-jährige Brett war. Die beiden kannten sich flüchtig. Brett Kavanaugh sei sturzbetrunken gewesen, so Ford. Als sie auf die Toilette gehen wollte, hätten er und ein weiterer betrunkener Junge sie in ein Schlafzimmer geschubst. Kavanaugh habe sie auf einem Bett festgehalten und versucht, sie zu vergewaltigen. Als sie schreien wollte, habe er ihr den Mund zugehalten. "Ich konnte kaum atmen, und ich dachte, dass Brett mich versehentlich töten würde." Ford konnte sich damals befreien. Doch nach eigenen Angaben leidet sie immer noch an dem Trauma, das sie erlitten hat.

Sie habe Angstzustände und Klaustrophobie, sagte sie. Und bis heute, so erzählte Ford den geschockten Senatoren, könne sie sich an das besoffene Gelächter ihrer Peiniger erinnern. Zwei Jungs, die offensichtlich "großen Spaß hatten".

Er hat versucht, mich zu vergewaltigen, und er hätte mich beinahe umgebracht - das ist der Kern dessen, was Ford den Senatoren über den präsumtiven Verfassungsrichter Brett Kavanaugh zu sagen hatte. Welcher Senator könnte für Kavanaugh votieren, wenn Fords Geschichte zutrifft?

Ein normales Gericht müsste nun dieser Frage nachgehen: Stimmt die Geschichte? Die Antwort: Mit letzter Sicherheit lässt sich das nicht sagen, daran hat die Anhörung nichts geändert.

Kavanaugh weist Anschuldigungen wütend zurück

Kavanaugh stritt alle Anschuldigungen kategorisch und wütend ab. "Ich hatte nie eine sexuelle oder körperliche Begegnung irgendeiner Art mit Dr. Ford", sagte er. Wer immer Ford an jenen Sommerabend in dem Zimmer angegriffen habe, er sei es nicht gewesen, so Kavanaugh. Zeitweise traten auch ihm die Tränen in die Augen - auch wenn es in seinem Fall Tränen des Zorns waren. Er sei das Opfer einer konzertierten Rufmordkampagne der Demokraten, sagt Kavanaugh, die seine Ernennung zum Verfassungsrichter verhindern wollen. Der ganze Bestätigungsprozess sei wegen der Querschüsse der Demokraten zu "einem Zirkus" und "einer nationalen Schande" verkommen, schimpft er.

Nach Kavanaughs Angaben kannte er Ford in seiner Schulzeit nicht. Er sei auch nie auf einer Party gewesen, wie Ford sie beschrieben habe. Deren Aussage sei zudem voller Löcher und Widersprüche. Er habe nie eine sexuelle oder anderweitig physische Begegnung mit Ford gehabt.

Tatsächlich gibt es keine Augenzeugen, die den Vorfall bestätigen. Der zweite Junge, der damals im Raum gewesen sein soll, Mark Judge, widerspricht Ford. Ford ging damals nicht zur Polizei und erzählte auch ihren Eltern nichts. Andererseits: Ford hat im Lauf ihres späteren Lebens immer wieder vertrauten Personen von dem Angriff erzählt, die das nun in eidesstattlichen Erklärungen bestätigt haben. Sie hat zudem in diesem Sommer einen Lügendetektortest gemacht und bestanden.

Fords Aussage über den Vergewaltigungsversuch wurde nicht in Zweifel gezogen

Die Republikaner versuchten, Schwachstellen in Fords Geschichte zu finden. Sie hatten dazu eine in Sexualstraftaten erfahrende Staatsanwältin aus Arizona angeheuert - den Eindruck, dass da ein Dutzend alter Männer eine traumatisierte Frau ins Kreuzverhör nehmen, wollten sie vermeiden. Doch bis auf ein paar unstimmige Einzelheiten ergab die Befragung keine neuen Erkenntnisse. Fords Aussage über den Vergewaltigungsversuch wurde nicht in Zweifel gezogen.

Ob es möglich sei, dass Ford Kavanaugh mit einer anderen Person verwechsle, fragte die Staatsanwältin. "Absolut nicht", antwortete Ford, und ihre Stimme, die sonst oft zitterte, war fest. Sie sei zu "einhundert Prozent" sicher, dass es Kavanaugh war, wiederholte sie später.

Für Kavanaugh war Fords Auftritt verheerend. Er verteidigte sich voller Wut und Empörung, denn er weiß, dass es für ihn inzwischen genauso um seine Ehre und seinen Ruf geht wie um seinen künftigen Posten. Und er weiß, dass über ihn keine Juristen urteilen, sondern Politiker. Für diese sind juristische Maßstäbe von Schuld oder Unschuld, Wahrheit oder Unwahrheit eher zweitrangig. In das Urteil der Senatoren und Senatorinnen fließen allerlei parteipolitische und wahltaktische Ab- und Erwägungen ein, die mit dem, was bewiesen und was nicht bewiesen ist, nur wenig zu tun haben. Entscheidend ist, ob Ford so glaubwürdig war, dass die Senatoren ihre Aussage nicht beiseite schieben können. Oder ob Kavanaugh glaubwürdig genug war, um seine Kandidatur zu retten. Nächste Woche soll der Senat abstimmen.

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