Anhörung von Kavanaugh "Der Senat sollte die Zeugen unter Eid befragen"

Brett Kavanaugh während eines Anhörungstermins am 4. September

(Foto: AFP)

Im US-Senat werden heute Richterkandidat Brett Kavanaugh und Christine Blasey Ford, die ihn der sexuellen Belästigung beschuldigt, befragt. US-Anwalt Douglas Wigdor erklärt, wie glaubwürdig 30 Jahre alte Vorwürfe sein können.

Interview von Beate Wild, Austin

Die Stanford-Professorin Christine Blasey Ford wirft Brett Kavanaugh, Kandidat für den Supreme Court, vor, sie während einer Highschool-Party in den frühen 1980er Jahren sexuell belästigt zu haben. Kavanaugh weist diese Anschuldigungen zurück. Vier von zehn US-Amerikanern wissen einer Umfrage zufolge nicht, wem sie glauben sollen.

Am Donnerstag nun will der Rechtsausschuss des US-Senats Ford und Kavanaugh öffentlich befragen - allerdings nur eine Stunde jeweils und nicht unter Eid. Das wäre aber notwendig, um tatsächlich zur Aufklärung beitragen zu können, kritisiert der US-Anwalt Douglas Wigdor. Der frühere Staatsanwalt vertritt Opfer sexueller Gewalt, insbesondere in Fällen, bei denen Frauen gegen prominente Männer oder Firmen wie Fox News, die Deutsche Bank, Uber oder Starbucks klagen.

SZ: Herr Wigdor, erwarten Sie, dass der Senat die Anschuldigungen gegen Brett Kavanaugh aufklären kann?

Douglas Wigdor: Die Zeugenbefragung wird mit Sicherheit interessant werden. Unklar ist, ob die Leute danach wissen, wer von beiden die Wahrheit sagt - und wer nicht. Beiden ist es erlaubt, zu Beginn eine Stellungnahme abzugeben. Aber meiner Erfahrung nach gewinnt man die besten Erkenntnisse aus der Befragung selbst.

Kritiker stellen in Frage, ob die 30 Jahre alten Erinnerungen von Christine Ford glaubwürdig sind.

Natürlich lassen die Erinnerungen mit der Zeit nach. Aber das bedeutet nicht, dass jemand nach einem traumatischen Erlebnis vergisst, was passiert ist. Sicher verschwimmen mit der Zeit Details - zum Beispiel wie das Zimmer ausgesehen hat, die präzise Zeit oder welche Kleidung jemand anhatte. Aber ich habe über die Jahre viele Opfer sexueller Gewalt erlebt, die Jahrzehnte später glaubhaft bezeugen konnten, was passiert ist.

Finden Sie Fords Anschuldigungen glaubhaft, auch wenn es keine klaren Beweise gibt?

Ich würde sagen, dass sie glaubhaft erscheinen und es gibt Dinge, die ihre Behauptungen bekräftigen. Aber um eine seriöse Entschätzung zu treffen, müssten die Zeugen unter Eid befragt werden.

Ford hat mit ihrem Therapeuten darüber gesprochen. Können diese Aufzeichnungen ihrer Glaubwürdigkeit helfen?

Ja. Ihr Therapeut hat diese Notizen bereits 2012 gemacht hat, also lange bevor Kavanaugh für den Supreme Court nominiert wurde. Das ist sehr wichtig, weil es das Narrativ, Ford würde aus politischen Gründen handeln, aushebelt.

Ford hat gesagt, dass während des Vorfalls eine dritte Person im Zimmer war: Kavanaughs Mitschüler Mark Judge. Er könnte ein Augenzeuge sein, kann sich nach eigener Aussage aber an nichts erinnern.

Er sagt, dass er sich nicht an den mutmaßlichen sexuellen Übergriff erinnert, aber das ist natürlich keine Zeugenaussage unter Eid. Ich kann nicht glauben, dass der Senat über die Bestätigung von Kavanaugh abstimmen will, ohne Mark Judge unter Eid zu befragen. Alleine anhand der Jahrbucheinträge von Kavanaugh und Judge (hier mehr zum Thema; Anm. d. Red.) hätten die beiden da einiges zu erklären.

Ford hat vorgeschlagen, dass das FBI den Fall untersuchen soll. Denken Sie, das würde zur Aufklärung beitragen?

Wenn ich Frau Ford vertreten würde, hätte ich meinen eigenen Ermittler auf den Fall angesetzt. Aber dadurch, dass der mutmaßliche Vorfall in den 1980er Jahren passiert ist, sind es keine Ermittlungen, bei denen man DNA, Video-Überwachung oder Ähnliches finden kann. Deshalb bin ich der Meinung, dass der Senat die Zeugen unter Eid aussagen lassen sollte, bevor er über Kavanaugh abstimmt. Leider scheint es aber so, dass das nicht passieren wird. Jede Seite hat nur etwas weniger als eine Stunde Zeit, um die Zeugen zu befragen.

Warum wollen weder Kavanaugh noch die Republikaner im Senat das FBI einschalten?

Der Grund dürfte sein, dass die Vorwürfe so spät öffentlich wurden. Jetzt das FBI einzuschalten wäre zeitintensiv und wahrscheinlich Zeitverschwendung. Das FBI kann ja keine Beweise sammeln, sondern nur Stellungnahmen und Zeugenaussagen. Und das ist sicherlich etwas, das der Senat oder die Anwälte der Betroffenen auch tun können.

Christine Ford hat den mutmaßlichen sexuellen Übergriff damals nicht der Polizei gemeldet - wie viele andere Opfer auch. Was ist der Grund dafür, dass Frauen keine Anzeige erstatten?

Es ist ziemlich oft so, dass Frauen sexuelle Vergehen nicht anzeigen. Und in den 1980er Jahren, als dieser Vorfall passiert ist, war es sogar noch gängiger, nicht zur Polizei zu gehen. Dafür gibt es viele Gründe. Opfer haben nicht zuletzt Angst davor, dass ihre Glaubwürdigkeit angegriffen wird. Sie wollen das traumatische Erlebnis am liebsten vollständig vergessen und haben kein Vertrauen, dass das System ihnen helfen wird.

Die Republikaner lassen die Staatsanwältin Rachel Mitchell die Befragung durchführen, während bei den Demokraten die Senatoren selbst die Fragen stellen. Offenbar wollen sie eine Kontroverse wie im Fall von Anita Hill vermeiden, die vor 27 Jahren mit ihren Vorwürfen gegen den Richterkandidaten Clarence Thomas ausschließlich von weißen Männern befragt wurde.

Der Schachzug der Republikaner ist leicht durchschaubar. Ich finde es aber vielmehr merkwürdig, dass die Senatoren, die ja von den Bürgern gewählt sind, ihre Pflicht an jemanden delegieren, der der Öffentlichkeit gegenüber zu keiner Rechenschaft verpflichtet ist.

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