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Afghanistan-Einsatz:Heikle Chance für Erdoğan

Internationaler Flughafen Kabul

Der Internationale Flughafen Kabul: Drehscheibe für Diplomatie, Waffenlieferungen und humanitäre Hilfe.

(Foto: Oliver Lang/picture alliance / dpa)

Die ausländischen Truppen ziehen nach und nach aus Afghanistan ab - bleibt die Frage, wer den Flughafen in Kabul schützen soll. Jetzt bietet sich die Türkei dafür an. Was verspricht sich Präsident Erdoğan davon?

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Die Türkei versucht ihr Gewicht als Regionalmacht durch eine Verlängerung des Militäreinsatzes in Afghanistan unter Beweis zu stellen. Die Frage des Schutzes des Kabuler Flughafens nach einem Totalabzug aller ausländischen Truppen war Thema gewesen beim Brüsseler Nato-Gipfel und beim anschließenden Treffen Recep Tayyip Erdoğans mit US-Präsident Joe Biden. Obwohl Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg betonte, es gebe keine abschließende Entscheidung, scheinen sich der türkische und der amerikanische Staatschef weitgehend handelseinig zu sein. Auch die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, die jüngst in Ankara war, hatte ein Engagement unterstützt: "Ich bin dankbar, dass die Türkei bereit ist, eine wesentliche Rolle zu übernehmen", sagte sie.

Erdoğan und Biden waren in vielen Fragen - beim russischen Luftabwehrsystem S-400, beim Programm zum Bau des US-Jets F-35 und beim Vorgehen im syrischen Bürgerkrieg - nicht zusammengekommen. Anders beim Kabuler Flughafen: "Wenn die Türkei aus Afghanistan nicht abziehen soll und wenn es diplomatische, logistische und finanzielle Unterstützung der USA geben wird, dann wäre uns das sehr wichtig", hatte Erdoğan gesagt. "Wir könnten mit den Taliban im Gespräch bleiben."

Die Türkei ist an dem 20-jährigen internationalen Einsatz am Hindukusch beteiligt, hat aber nie Kampftruppen gestellt. Derzeit stehen 500 türkische Soldaten im Land, die zum Teil jetzt schon an der Sicherung des Hamid-Karsai-Flughafens in Kabul beteiligt sind. Klar ist, dass Ankara sich ein fortgesetztes Engagement in dem Bürgerkriegsland nicht nur mit Geld bezahlen lassen wird. Erdoğan könnte so die Unverzichtbarkeit seines Landes für die Nato beweisen und mit weiteren Forderungen verknüpfen. Etwa in der Frage der S-400 und einer Wiederaufnahme der Türkei in das Programm zum Bau des US-Kampfjets F-35. Der Präsident könnte den Einsatz aber auch gegen die von den USA und von der EU immer wieder geäußerte Kritik an der wachsenden Repression und der fehlenden Rechtsstaatlichkeit in der Türkei in die Waagschale werfen.

Ankara will den Einsatz allerdings nicht allein schultern: Erdoğan hatte Biden vorgeschlagen, den Flughafen zusammen mit Ungarn und mit Pakistan zu sichern. Pakistan ist ein Nachbarland Afghanistans, eine Art Mastermind der Taliban und enger Verbündeter Ankaras. Mit dem zunehmend autoritär herrschenden ungarischen Staatschef Viktor Orbán versteht sich Erdoğan. Dem türkischen Präsidenten zufolge, der keine Details nannte, wären die USA mit einer Rollenverteilung einverstanden.

Die Taliban warnen vor einer Verschlechterung der Beziehungen mit Ankara

Bleiben die Taliban. Die Islamisten-Miliz, die derzeit massiv auf dem Vormarsch ist und nach dem endgültigen Abzug des ausländischen Militärs wahrscheinlich rasch nach der Herrschaft über das gesamte Land greifen wird, lehnt jede Rolle der Türkei beim Schutz des Airports ab: Ankaras Truppen seien Teil des Nato-Kontingents; die Absprachen zwischen den USA und den Taliban sähen den Komplettabzug aller ausländischen Truppen vor. "Die Türkei ist ein herausragendes islamisches Land, mit dem Afghanistan historische Beziehungen hat", warnte Taliban-Sprecher Suhail Shaheen: "Wir hoffen auf ebenso gute Beziehungen, wenn in Zukunft eine neue islamische Regierung in Afghanistan an die Macht kommen wird."

Die Taliban haben Gründe für ihr Nein: Der Kabuler Airport dient als Zivil- und als Militärflughafen. Er wäre die Lebensader der ausländischen Diplomaten - und wahrscheinlich auch der Militärberater in ihren Reihen -, auf die sich die schwache afghanische Regierung stützen müsste, wenn sie ohne US-Luftunterstützung und Nato-Truppen am Boden gegen die Taliban bestehen will. Aber nicht nur Waffen für die Regierung könnten über den Hauptstadt-Flughafen ins Land gebracht werden, sondern auch weite Teile der internationalen Hilfe, auf die das bettelarme Land angewiesen bleiben wird.

Widerstand kommt auch aus Russland. Moskau verfolgt die Entwicklung wegen seiner Interessensphären in Zentralasien genau; es ist von den wachsenden geopolitischen Ambitionen Ankaras ohnehin nicht begeistert. "Die militärische Präsenz türkischer Truppen widerspricht, so wie die Anwesenheit von Truppen jedes anderen Staats, dem Doha-Abkommen zwischen den USA und den Taliban", sagte eine Sprecherin des Außenministeriums. "Warum wird die Sicherheit des wichtigsten Flughafens nicht afghanischen Kräften überlassen? "

Auch in der Türkei selbst wird gewarnt: Türkische Soldaten sind bereits in den Bürgerkriegen in Syrien, im Irak und in Libyen im Einsatz. Bisher hätten die Türken sich in Afghanistan auf die Helferrolle konzentriert. Der Einsatz am Flughafen ohne US-Unterstützung könnte leicht zu Kampfhandlungen führen. Dies könnte das afghanisch-türkische Verhältnis zerstören und die Türkei in den Treibsand des 40-jährigen Bürgerkriegs am Hindukusch ziehen.

© SZ/toz
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