Afghanistan:"Eigene Opfer riskieren, um Vertrauen zu gewinnen"

Lesezeit: 9 min

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler schildert, wieso der Westen in Afghanistan gescheitert ist und welche Folgen eine Truppenaufstockung haben könnte.

Matthias Kolb

Herfried Münkler, 58, ist Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin und beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte des Krieges. Sein Buch "Die neuen Kriege" (2002) gilt als Standardwerk.

Bundeswehr, Afghanistan, dpa

Auf gefährlicher Mission: Bundeswehrsoldat in Afghanistan

(Foto: Archiv-Foto: dpa)

sueddeutsche.de: Herr Münkler, in dieser Woche findet in London die Afghanistan-Konferenz statt. Kann der Einsatz am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden oder ist der Westen schon gescheitert?

Herfried Münkler: Im Prinzip ist der Westen in Afghanistan gescheitert. Niemals wurde so viel in den Wiederaufbau eines zerfallenen Staates investiert und zugleich ein so unbefriedigendes Ergebnis erzielt. Es kann jedoch in London passieren, dass das Ausmaß des Scheiterns noch begrenzt wird. Dazu wäre es nötig, dass man die Ziele realistischer formuliert und die Taliban für die Aufrechterhaltung der Sicherheit interessiert und in geeigneter Form in die politischen Machtstrukturen einbindet.

sueddeutsche.de: Ein solches Ergebnis wäre wünschenswert, aber rechnen Sie wirklich damit?

Münkler: Es ist eher unwahrscheinlich, dass eine solch radikale Wende vollzogen wird. Ein realistischer Blick setzt sich nach und nach durch: Die Frage der Demokratie ist nach der skandalösen Präsidentenwahl niedriger gehängt worden. Das Ideal eines forcierten Modernisierungsprogramms, die sich an der Gleichheit von Knaben und Mädchen orientiert, hat viele Feinde. Diese Vorstellung wurde entwickelt, um die Bevölkerung im Westen zur Unterstützung zu bewegen - davon hätte man in Afghanistan die Finger lassen sollen.

sueddeutsche.de: Die Bundesregierung hat nun erklärt, dass sie auf der Londoner Konferenz die Entsendung von bis zu 850 zusätzlichen Soldaten nach Afghanistan anbieten will. Auch die Zahl der Ausbilder soll steigen und die zivilen Hilfsgelder erhöht werden. Wie beurteilen Sie den Schritt?

Münkler: Das ist eine Entscheidung, die wenig mit der eigentlichen Situation in Afghanistan zu tun hat, sondern sehr viel mit der deutschen Debatte und den Bündnisverpflichtungen. Sie macht es auch möglich, die SPD einzubinden. Wenn man aber bedenkt, was Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal gefordert hat, um größere Präsenz zu zeigen, also mehr boots on the ground zu bekommen, dann ist dieser Schritt nur ein symbolischer Akt.

sueddeutsche.de: Auch in Berliner Regierungskreisen gibt man mittlerweile zu, dass der Einsatz "mit Hoffnungen und Illusionen überfrachtet" wurde. War das naiv oder traute man sich nicht, den Wählern die Wahrheit zu sagen?

Münkler: Beides trifft zu. Nach den relativ erfolgreichen Interventionen auf dem Balkan herrschte ein gewisser Überschwang. Dies paarte sich mit der Vorstellung, dass die Afghanen nichts gegen uns haben könnten, wenn wir ihnen nur Gutes tun wollen. Die Muster unserer Wohlstandsgesellschaft wurden auf Afghanistan übertragen, ohne sich näher über die Vorstellungswelt der Paschtunen, Religiösität oder die herrschenden Vorstellungen von Männlichkeit zu informieren.

sueddeutsche.de: Welchen Effekt könnte die von US-Präsident Barack Obama forcierte Truppenaufstockung haben? Im Irak wurde nach einer ähnlichen Maßnahme die Lage stabiler.

Münkler: In diesem Fall hat die Truppenaufstockung eher das Ziel, den Gegnern vor Augen zu führen, dass auch sie Interesse an einem politischen Kompromiss haben sollten. Ob das wirkt, wird davon abhängen, wie der Faktor Zeit strategisch ins Spiel gebracht werden kann. Die als Taliban subsumierten Gegenakteure könnten natürlich die Arme verschränken und abwarten ...

sueddeutsche.de: ... ein Militäranalytiker fasste das so zusammen: "Die Taliban können gewinnen, wenn sie nicht verlieren. Die Nato aber verliert, wenn sie nicht gewinnt."

Münkler: Genau. Es ist denkbar, dass die erhöhte Militärpräsenz des Westens dazu führt, dass die Taliban den kostengünstigeren Weg wählen und einen Kompromiss eingehen. Aber zu optimistisch sollte man nicht sein, denn das Vietnam-Drehbuch ist ja bekannt - auf eine Ausweitung des Krieges folgte der Zusammenbruch.

sueddeutsche.de: Unterschätzt der Westen die Strategiefähigkeit der Taliban?

Münkler: Das denke ich nicht, man nimmt sie ernst. Es fällt uns aber schwer, die Asymmetrie der "neuen Kriege" zu begreifen - also dass die Gegner nicht mehr gleichartig sind und prinzipiell andere Mittel und Strategien haben. Das gilt auch für Soldaten, die lange ausgebildet wurden und noch aus der alten Denkschule kommen. Das beginnt mit der für uns überraschenden Tatsache, dass die Taliban nun nicht nur Bombenanschläge verüben, sondern der Bundeswehr stundenlange Gefechte liefern. Dafür sind logistische Strukturen nötig - und dass diese in Nordafghanistan existieren, hat man übersehen.

sueddeutsche.de: Wie konnte das passieren?

Münkler: Weil die Planer nicht auf einen wachsenden Widerstand vorbereitet waren, sondern auf eine hoffnungsvoll wartende Bevölkerung, die froh ist, wenn der Spuk der Taliban vorbei ist. Man hat sich nicht darauf eingestellt, dass man es mit einem klugen, vielfältigen und sich ständig veränderndem Gegenakteur zu tun hat. Das Problem lässt sich kaum militärstrategisch lösen, sondern es geht darum, die Herzen und Köpfe der Bevölkerung zu gewinnen - im Nato-Jargon heißt das "winning hearts and minds". Die Bundeswehr dachte, es genüge, ein Feldlazarett aufzubauen oder Brunnen zu bohren. Man war zu weit weg von den Dörfern, hat sich nachts in den Camps eingebunkert und das Feld dem Gegner überlassen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Interventionismus-Euphorie gebremst wird.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB