AfD in Nordrhein-Westfalen Zehn Prozent in der Herzkammer der SPD

In der Dortmunder Nordstadt haben 10 Prozent der Wähler für die islamfeindliche AfD gestimmt.

(Foto: imago/biky)

Im einst so roten Ruhrgebiet haben die Rechtspopulisten von der AfD erstaunliche Erfolge erzielt. Schon bei einem Gang über den Marktplatz in Dortmunds Nordstadt brechen die Konflikte aus.

Von Christian Wernicke, Dortmund

Ein Satz genügt. Schon knallt's. "Ja, wir haben alle drei AfD gewählt", hatte der beleibte Händler gerade gesagt, während er auf dem Dortmunder Nordmarkt seine Billigware sortierte: Marmorkuchen in Cellophan, Kekstüten, Restposten Pralinen. Die beiden Verkäuferinnen, die jetzt finster dreinschauen, hatten noch beifällig genickt. Jetzt aber starren sie wütend auf den Mann vor ihrem Stand, auf den Kerl mit dem grauen Stoppelbart und dem kleinen Mädchen an der Hand.

Der hatte den Dialog mitgehört - und ist empört. "Bei Ihnen werd' ich nie wieder was kaufen", schimpft der Vater. "Sie wollen mein Geld, aber in Wahrheit verachten Sie mich." Dass sie seine Euros nicht bräuchten, geben die Marketender zurück, und dass schließlich sie hier zu Hause seien: "Hau bloß ab!" Der Kunde, offenbar türkischer Herkunft, feuert vom Nachbarstand eine letzte Salve: "Ich lebe hier seit 47 Jahren, das ist auch meine Heimat."

So kann es gehen, wenn man Andreas Urbanek begleitet, um in seinem Viertel seine Wähler zu suchen. Urbanek, 51, ist für die Alternative für Deutschland aktiv, er wohnt in der Nordstadt, dem Dortmunder Kiez, wo sich viele Probleme ballen: 70 Prozent Zuwanderer, Drogenhandel, illegale Prostitution. Jeder vierte ist hier arbeitslos. Seit acht Tagen gibt es nun noch eine Zahl: Jeder zehnte hat die AfD gewählt.

Bundestagswahl So mächtig ist die AfD im Bundestag
AfD

So mächtig ist die AfD im Bundestag

Als drittgrößte Fraktion hat sie nicht nur Anspruch auf fast 16 Millionen Euro im Jahr, sondern auch zahlreiche Privilegien - beispielsweise den Vorsitz in mehreren Ausschüssen.   Von Benedikt Peters und Sebastian Jannasch

Der Sprecher der Ruhr-SPD sieht das Wahlergebnis als "Schuss vor den Bug"

"Die Zustände werden hier immer schlimmer", schimpft der Kuchenhändler, der seinen Namen nicht sagen will. Seit zwei Jahren gehe das so, "seit die Flüchtlinge kamen", so glaubt er. Seither würden er und seine Kolleginnen "ständig beschimpft, beklaut, sogar bespuckt - und niemand kümmert sich!" Weder Marktmeister noch Polizei seien präsent, und auch nicht das Ordnungsamt, das drüben auf der anderen Marktseite einen Beobachtungsposten mit verspiegelten Scheiben eingerichtet hat. Die Ecke Mallinckrodt- und Schleswiger Straße ist berüchtigt: Am Bordstein stehen meist dunkelhäutige Männer, die sich stundenweise als Schwarzarbeiter verdingen. "Das ist der Arbeiterstrich", erklärt Urbanek.

Mit seiner randlosen Brille und dem Anzug strahlt Urbanek Seriosität aus, er räumt ein, dass seine Partei ihre Wähler kaum kennt. "Vielen fehlt der Mut, sich zu outen", sagt er, "aber ein Großteil sind Protestwähler." In Nordrhein-Westfalen blieben die Rechtspopulisten landesweit zwar knapp unter zehn Prozent, im einst SPD-roten Ruhrgebiet hingegen erzielten die Blauen durchaus Erfolge: 17 Prozent in Gelsenkirchen, 13 in Duisburg und Oberhausen, 11 in Essen. 10,3 Prozent in Dortmund. Vor allem in der Nordhälfte vieler Revierstädte, wo traditionell die Malocher und die weniger betuchten Wähler wohnen, stimmte mancherorts jeder fünfte Bürger für die AfD. Frank Baranowski, der Sprecher der Ruhr-SPD, wertete das Ergebnis als "Schuss vor den Bug" und warnte seine Partei: Ein Teil der Bevölkerung "hat Angst, dass die eigene Lebenswirklichkeit, die Welt vor der eigenen Haustür entgleitet".

Das sieht AfD-Mann Urbanek genauso: "Die Leute fühlen sich im Stich gelassen." In der Multikulti-Welt der Nordstadt mit Menschen aus 120 Ländern erkenne er den Trend "zu einer Monokultur aus Nordafrika und dem arabischen Raum". Die Islamisierung des Potts, die drohende Überfremdung? "Ich mag das Wort nicht verwenden", sagt er, "aber das trifft's." Zehn Prozent AfD in der Nordstadt und in Dortmund, "der Herzkammer der SPD", das sei der Anfang. Urbanek zieht eine Wahlanalyse der Stadtverwaltung aus der Tasche, schlägt die politische Landkarte seiner Heimatstadt auf: Der reiche Süden ist blassblau, der Norden schillert dunkelviolett: Wo einst die Kohlezechen und Stahlhütten standen, in Scharnhorst oder Mengede, erzielte die AfD bis zu 17 Prozent. Gleichzeitig sackte die SPD durch. Urbanek hofft, dieses Potenzial der Enttäuschten nun "zu Stammwählern zu entwickeln".

Viele Bürger fühlen sich seit Schröders Agenda 2010 zurückgelassen

Genau das wollen Janina Kleist und Lars Wedekin verhindern. Die beiden SPD-Nachwuchspolitiker kämpfen an unterschiedlichen Fronten. Kleist, mit 33 Jahren gerade Mutter geworden und auf Jobsuche als Sozialwissenschaftlerin, engagiert sich als Stadtbezirksvorsitzende der Nordstadt. Ihr Kiez dürfe nicht "zu einem Angstraum stigmatisiert" werden. Ja, sie kennt die Probleme - "aber ich sehe auch die Fortschritte." Auf dem Nordmarkt stünden inzwischen ein Kinderspielplatz und ein Café, die Polizei fahre mehr Streife, gehe gegen die Dealer vor. Für so ziemlich alles gebe es in der Nordstadt irgendeine Soli-Gruppe, einen Migranten-Verein, eine Suppenküche, ein Förderprogramm. Sie fühlt sich wohl in ihrem Kiez, "und andere beneiden uns um diese Vielfalt und um all unser Engagement." Und doch räumt Janina Kleist ein, die hohen AfD-Werte im proletarischen Norden der Stadt könnten etwas mit ihrem Viertel zu tun haben: "Vielleicht haben manche Leute dort Angst, dass die Nordstadt irgendwann zu ihnen kommt."

Lars Wedekin, ihr Genosse und SPD-Stadtbezirkschef in Scharnhorst, mag das so nicht bestätigen. Der 30-jährige Lehrer deutet auf den alten Förderturm der Zeche Gneisenau, heute ein Denkmal: "Wir hier haben den Strukturwandel doch hinter uns." Richtig aber sei, dass sich seit Schröders Agenda 2010 viele Bürger zurückgelassen fühlten. Und als die Stadt in seinem Heimatviertel zwei alte Schulen für Flüchtlinge herrichtete, "hieß es, warum man seit fünf Jahren auf die Reparatur der Hauptstraße warten müsse". Wedekin erklärt dann, "dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat".

Kleist und Wedekin setzen jetzt darauf, dass die SPD in Berlin in die Opposition geht. Das sehen sie als Chance - auch, um den Vormarsch von Urbanek und seiner AfD bremsen zu können.

Bundestagswahl "Wir haben Menschen vergessen"

AfD-Erfolg in Ostdeutschland

"Wir haben Menschen vergessen"

Nach der Wende entstand in Bitterfeld-Wolfen ein kleines Paradies. Heute stimmen dort 22 Prozent für die AfD. Wie passt das zusammen? Ein Besuch am Tag nach der Wahl.   Von Antonie Rietzschel, Bitterfeld-Wolfen