Äthiopien:Wie die Weltbank Massenvertreibungen mitfinanziert

Refugees Ethiopia, ICIJ

Geschlagen und vergewaltigt: Odoge Otiri und Aduma Omot mit ihrer Tochter im Flüchtlingslager Gorom im Südsudan.

(Foto: Andreea Campeanu)

Odoge Otiri wurde verprügelt, seine Frau vergewaltigt. Sie hatten sich gegen ein Umsiedlungsprojekt der äthiopischen Regierung gewehrt. Das Geld für die Massenvertreibungen stammt auch von der Weltbank.

Von Sasha Chavkin

Die Soldaten richteten ihre Gewehre auf Odoge Otiri und führten den 22-jährigen Studenten in den Wald hinter seinem Dorf in Westäthiopien. Dann, sagt er, begannen sie mit ihren Schlagstöcken auf ihn einzuprügeln und ließen ihn blutend zurück. "Ich war ohnmächtig", erinnert sich Otiri. "Sie sind weggegangen, weil sie dachten, ich würde sterben."

In derselben Nacht verhafteten Soldaten seine Frau, Aduma Omot. "Die Soldaten brachten mich in ihr Lager", sagt sie. "Dann misshandelten und vergewaltigten sie mich." Zwei Tage lang hielten die Soldaten Omot fest.

Die Soldaten hätten ihn angegriffen, sagt Otiri, weil er sich den äthiopischen Behörden widersetzt habe, die ihn und seine Nachbarn aus ihren Häusern zwingen wollten. Innerhalb eines sozialen Umsiedlungsprogramms der äthiopischen Regierung sollten fast zwei Millionen arme Menschen in neue, von der Regierung ausgewählte Siedlungen gebracht werden. Dort sollte es ihnen besser gehen.

Die Regierung finanzierte die Umsiedlungen mit Geld von der Weltbank

Odoge Otiri und Aduma Omot gehören zu den Anuak, einer vorwiegend christlichen Gruppe aus der ländlichen äthiopischen Region Gambella, die vor der Massenumsiedlungskampagne geflohen sind.

Die äthiopische Regierung hat die Vertreibungen auch mit den Geldern von einem der einflussreichsten Finanziers von Entwicklungshilfe weltweit finanziert: Der Weltbank. Das bestätigten dem International Consortium of Investigative Journalism (ICIJ) zwei ehemalige äthiopische Beamte, die an dem Umsiedlungsprogramm beteiligt gewesen waren. Das Geld, sagten beide, wurde von den zwei Milliarden Dollar abgezapft, welche die Weltbank zeitgleich in eine Gesundheits- und Bildungsinitiative steckte.

Die Weltbank, deren Ziel es ist, weltweit Armut zu bekämpfen, bestreitet, mit dem Geld die Massenvertreibungen unterstützt zu haben. Selbst als Flüchtlinge und Menschenrechtsorganisationen öffentlich kritisierten, dass Gelder der Bank verwendet wurden, um brutale Vertreibungen zu finanzieren, pumpte die Bank weitere zehn Millionen Dollar in das Programm.

Ein ehemaliger Beamter gibt Drohungen und Gewalt zu

Einer der beiden ehemaligen äthiopischen Beamten, die das ICIJ befragte, ist Omot Obang Olom, der ehemalige Gouverneur von Gambella. Er überwachte, wie einige Millionen Dollar aus dem Topf der Gesundheits- und Bildungsinitiative der Weltbank in die Kasse des Massenumsiedlungsprogramms der Regierung umgeleitet wurden. Leitende Beamte der äthiopischen Regierung hätten ihm aufgetragen, die Gelder zu splitten. "Wenn wir nicht von der Regierung angewiesen worden wären, das Geld von der Weltbank zu verwenden, wäre das Programm nicht möglich gewesen", sagt Olom.

Olom, der im vergangenen Jahr das Land verlassen hat, und nun im Asyl auf den Philippinen lebt, hat niemals zuvor mit Medien über das Umsiedlungsprogramm gesprochen. Er räumt nun ein, dass die Anuak mit Drohungen und Gewalt in dem Programm vertrieben wurden. Bauern, die sich gegen die Vertreibung gewehrt hätten, sagt er, "wurden von äthiopischen Streitkräften geschlagen und gefoltert".

Die Vorwürfe der Menschenrechtsverletzungen bei den Massenumsiedlungen haben das Nachbarland Südsudan veranlasst, den Anuak aus Gambella Flüchtlingsstatus zu gewähren.

Die Flucht von Aduma Omot und Odoge Otiri

Auch Otiri und Omot entflohen der Gewalt in Gambella im Sommer 2011. Sie liefen über die äthiopische Grenze in den Südsudan. Aber das junge Paar ging diesen Weg nicht gemeinsam.

Als Otiri allein im Wald aufwachte, musste er sich entscheiden: Wenn er nach Hause zurückkehrte, würde er höchstwahrscheinlich sich selbst und seine Frau in weitere Gefahr bringen. Er entschied, dass es das Sicherste sei, über die Grenze in den Südsudan zu gehen. Er hoffte, seine Frau würde erfahren, was passiert war, und ihm folgen.

Ein Nachbar erzählte Aduma Omot kurz nach dem Verschwinden ihres Mannes, dass Soldaten ihn in den Wald gebracht hätten. "Mein erster Gedanke war, dass ich meinen Mann nicht wiedersehen würde", erzählt Omot.

Später in dieser Nacht kamen drei Soldaten zu ihrem Haus. Sie wollten von ihr wissen, wo ihr Mann sich verstecke. Als sie sagte, dass sie es nicht wisse, nahmen sie sie mit in ihr Camp. Auf dem Weg stießen sie Omot auf den Boden, weil sie nicht schnell genug lief. "Wo ist dein Mann?" fragten sie erneut. Als Omot wiederholte, dass sie es nicht wisse, wurde sie von den Soldaten vergewaltigt.

"Nach zwei Tagen ließen sie mich frei", sagt Omot. "An dem Punkt habe ich beschlossen, mein Land zu verlassen." Sie machte sich auf in den Südsudan, ohne zu wissen, was sie dort erwarten würde.

Die Aktivitäten der Weltbank in Äthiopien

Schon vor langer Zeit hat die Weltbank Äthiopien zu einer ihrer obersten Prioritäten gemacht und die Regierung mit Krediten unterstützt, um 90 Millionen Menschen zu helfen, der Armut zu entfliehen.

2005 stellte sie die Unterstützung aufgrund heftiger Konflikte im Land ein, bei den Parlamentswahlen waren zahlreiche Oppositionsanhänger und Menschenrechtsaktivisten drangsaliert und festgenommen worden. Aber nur ein Jahr später hob die Weltbank die Sperre wieder auf. Ihre neue Strategie: Kommunalverwaltungen und Landesregierungen unterstützen. 2006 bewilligte die Bank 215 Millionen Dollar, um die Bildungschancen, die Gesundheits- und die Trinkwasserversorgung in ländliche Gegenden zu verbessern.

Kurz nach der Ausweitung des Programmes im Jahr 2009 begann die äthiopische Regierung mit ihrer Umsiedlungskampagne. Die Weltbank sagt, die äthiopischen Beamten hätten die Bank nicht konsultiert, als sie das Programm entwarfen. Die Bank habe erst eineinhalb Jahre später von dem Plan erfahren.

Der Gouverneur gibt zu, Geld abgezweigt zu haben

Othow Nygowo, ein ehemaliger Verwaltungsleiter in Gambella, sagt, der ehemalige Gouverneur Olom habe ihm und anderen Beamten befohlen, Weltbankgelder in das Umsiedlungsprogramm umzuleiten. Er selbst habe 1500 Dollar zweckentfremdet, die eigentlich für Grundschulen vorgesehen waren.

Olom bestätigt diesen Bericht: Er habe auf diese Weise insgesamt etwa zehn Millionen Dollar abgezweigt. Seine Vorgesetzten hätten ihn dazu angewiesen und ihm versichert, dass er dafür nicht bestraft werden würde.

Als Angestellte der Weltbank im Februar und März 2011 nach Äthiopien reisten, um sich über das Umsiedlungsprojekt zu informieren, besuchten sie die Region Benishangul-Gumuz nördlich von Gambella, in dem überhaupt keine Anuak leben. Basierend auf ihren Eindrücken kamen sie zu dem Ergebnis, dass die Umsiedlungen "offenbar freiwillig und nicht als eine direkte Konsequenz von durch die Weltbank finanzierten Investitionsprojekten" erfolgt seien.

Noch bevor die Angestellten ihren Bericht der Weltbank vorlegten, bewilligte die Bank Äthiopien einen weiteren Kredit von 420 Millionen US-Dollar. Ein Großteil davon landete in Gambella und in anderen von der Umsiedlung betroffenen Regionen. Die Anuak, die juristisch keinen Anspruch auf das Land ihrer Ahnen haben, bekamen keinen finanziellen Ausgleich, sagen sie.

Tote und Flüchtlinge

Refugees Ethiopia, ICIJ

Es gibt nichts zu tun: Alltag im Flüchtlingslager von Gorom im Südsudan.

(Foto: Andreea Campeanu; Andreea Campeanu / ICIJ)

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch konfrontierte die Weltbank und die äthiopische Regierung 2011 mit den Vorwürfen über die Misshandlungen in Gambella. Die Organisation berichtete von "mindestens sieben glaubwürdigen Berichten über Menschen, die in Folge von Schlägen durch das Militär gestorben sind". Ein Dorfbewohner beschreibt in dem Bericht, wie Soldaten mit Gewehren und Stöcken so auf einen 19-Jährigen einprügelten, dass er Blut erbrach und bald darauf starb.

Im September 2012 wandten sich die Anuak-Flüchtlinge an das interne Prüfgremium der Weltbank, das Anfang 2015 eine "operative Verbindung" zwischen dem Projekt der Weltbank und den Zwangsumsiedlungen bestätigte. Aber das Prüfgremium sprach der Bank keine direkte Schuld zu, da die Vertreibungen kein "notwendiger" Teil des Gesundheits- und Bildungsprogramms gewesen sei.

Im März 2015 bewilligte die Weltbank einen neuen Kredit über 350 Millionen Dollar für Äthiopien, der Unterstützung für die Lokalregierung von Gambella beinhaltete.

Das Leben im Flüchtlingslager ist hart

Als Otiri das Flüchtlingslager im Südsudan erreichte, traf er zwei Männer, die auf dem Weg nach Gambella waren. Er bat sie, seiner Frau zu sagen, dass er nun im Südsudan sei.

Nachdem seine Frau Omot von den Soldaten freigelassen worden war, stand sie vor einer schmerzhaften Entscheidung: Entweder sie bleibt in Äthiopien oder sie flieht und hofft ihren Mann auf der anderen Seite der Grenze zu treffen. Sie entschied sich, Äthiopien zu verlassen.

Auf ihrem Weg traf sie auf die zwei Männer, die wussten, dass Otiri noch am Leben war. Sie erzählten Omot, dass ihr Mann sie im Südsudan erwartet. Als Omot das Flüchtlingscamp erreichte, führten sie zwei kleine Kinder zu ihrem Mann. "Ich sah sie das Gelände betreten und wir weinten", erinnert sich Otiri.

Seit mehr als zwei Jahren leben sie nun schon in einer Hütte mit zwei Räumen neben einem Feld, auf dem Otiri Okra und Cassava anbaut. Otiri sagt, es gebe hier nichts zu tun. "Das Leben im Flüchtlingslager ist sehr schwierig", sagt er. "Es gibt nicht genug zu essen."

Doch sie haben nicht aufgegeben. Ohne große Hoffnung, jemals nach Äthiopien zurückkehren zu können, versuchen sie, ein neues Leben in einem neuen Land aufzubauen. Seit sie angekommen sind, haben sie eine kleine Tochter bekommen. Ihr Name ist Annacerjwok - in der Sprache der Anuak bedeutet das "In Gottes Händen".

Übersetzung: Esther Widmann und Katrin Langhans

Die Geschichte in voller Länge auf Englisch: http://www.icij.org/project/world-bank/new-evidence-ties-world-bank-human-rights-abuses-ethiopia

Alles zur Weltbank-Recherche

Vertreibung auf Kredit: Recherchen in Honduras, Äthiopien, Indien und im Kosovo zeigen, wie das System Weltbank funktioniert. Zur Multimedia-Reportage.

Das Internationale Konsortium für Investigative Journalisten hat eine umfangreiche interaktive Datenbank umgesetzt

Hintergründe, Daten, Reportagen in Wort und Bild: Dossiers unserer Partner vom NDR und WDR

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB