Ägyptens Präsident al-Sisi:Islamisten haben viel Vertrauen verspielt

Niemand kann sagen, wie groß die Anhängerschaft der Muslimbrüder in Ägypten heute noch ist - Schätzungen reichen von weniger als zehn Prozent der Bevölkerung bis zu einem Drittel. Klar ist allerdings auch, dass die Islamisten in ihrer einjährigen Regierungszeit viel Vertrauen verspielt haben. Nicht wenige Ägypter hatten 2011/2012 bei den Parlaments- und Präsidentenwahlen für sie und Mursi gestimmt, weil sie als glaubwürdigste Alternative zum alten Regime galten. Doch viele ihrer damaligen Wähler würden sie heute nicht mehr unterstützen, begrüßen aus heutiger Sicht gar den Putsch des Militärs.

Khalid Mohammed etwa, ein 34 Jahre alter Politologe aus Assuan, sah in Mursi das kleinere Übel als in seinem Gegenkandidaten Ahmed Schafik, einem Offizier der Luftwaffe. Er ist bereit zu sprechen, aber nur unter der Bedingung, dass sein echter Name nicht genannt wird. "Ich habe für den Sturz Mubaraks demonstriert, und ich war einer der Organisatoren von Tamarod hier in Assuan", sagt er - jener Bewegung, die von April 2013 an Unterschriften für die Absetzung Mursis sammelte. Der habe seine Versprechen nicht gehalten und versucht, "alle von der Politik auszuschließen, die nicht zur islamischen Strömung gehörten", sagt er. Allerdings hätte er sich gewünscht, Mursi durch eine Revolution des Volkes aus dem Amt zu jagen, nicht durch das Militär.

"Ich setze mich ein für einen zivilen Staat und eine zivile Verfassung", sagt er. Das Militär wisse nicht viel über Demokratie, es basiere auf Befehl und Gehorsam. Daher will er, dass auch Sisi geht; der verstehe nicht viel von Politik. "Wir brauchen eine neue Revolution, aber die alten Methoden funktionieren nicht mehr", sagt Khalid Mohammed. Deswegen hat er sich vorerst frustriert aus der Politik zurückgezogen.

Geschäftsleute sehen den Sturz Mubaraks als größten Fehler

Von politischen Turbulenzen hat Hany Zaghloul erst einmal genug. Seit 18 Jahren leitet er ein Mode-Geschäft in Alexandria, der zweitgrößten Stadt Ägyptens. Manche Geschäftsleute sehen heute den Sturz Mubaraks als größten Fehler. So weit geht er nicht. "Die Revolution musste kommen", sagt er beim Gespräch in einem Café, das von der Eleganz zeugt, die einst die Hafenstadt prägte. Es habe auch sehr gut angefangen, sagt er mit Blick auf die Tage auf dem Tahrir-Platz im Januar 2011. Doch dann habe "eine Gruppe die Revolution entführt", wie er es formuliert: die Muslimbrüder.

Die Leute hätten sich anfangs getäuscht und den Versprechungen der Islamisten geglaubt, sagt er. Viele hätten gehofft, dass "Ägypten eine Entwicklung nimmt wie die Türkei", erinnert er sich. Aber er habe bald gemerkt, dass die Brüder andere Ziele verfolgten. In Alexandria hätten sie auf der Straße Frauen kontrolliert, ob sie richtig verschleiert gewesen seien. "So etwas hat es hier nie gegeben", sagt er. Später hätten sich die meisten Ägypter seiner Meinung angeschlossen, dass Ägypten untergehe und es den Muslimbrüdern nur darum gegangen sei, "alle Positionen im Staatsapparat zu besetzten".

Für die normalen Ägypter sei Sisi die Rettung gewesen, fügt Hany Zaghloul hinzu. Und die Demokratie? Das Ende der Militärherrschaft? All das, was die Menschen auf die Straße trieb gegen das Regime von Hosni Mubarak? "Wenn ein Retter kommt, fragst du nicht, woher er kommt", sagt er. Das sei wie mit einem Schiffskapitän, der in Seenot das Ruder übernehme, auch wenn das Schiff schon alt und leckgeschlagen sei. "Ich liebe Sisi", sagt er und hebt die Finger zum Victory-Zeichen.

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