Abtreibungsrecht in den USA:Fötus an Bord

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Abtreibungsrecht in den USA: Nach texanischem Recht ist ein Fötus ab der sechsten Schwangerschaftswoche eine vollwertige Person. Darf eine werdende Mutter deswegen auf der Spur für Autos mit mehreren Passagieren fahren? Eine schwierige Frage.

Nach texanischem Recht ist ein Fötus ab der sechsten Schwangerschaftswoche eine vollwertige Person. Darf eine werdende Mutter deswegen auf der Spur für Autos mit mehreren Passagieren fahren? Eine schwierige Frage.

(Foto: Lopolo/imago)

Das Abtreibungsrecht in den USA und seine Folgen: Eine schwangere Texanerin zählt ihr ungeborenes Baby als regulären Passagier - und fährt auf der Spur für Autos mit mehreren Mitfahrern. Darf sie das?

Von Lea Hampel

Seit der Oberste Gerichtshof das Recht auf Abtreibung in den USA gekippt hat, hat dieses Land vieles gesehen: Demonstrationen, Wutausbrüche, und vermutlich wird so manche dramatische Geschichte hinzukommen, wenn nach und nach die Bundesstaaten ihre Gesetze ändern. Dass es dadurch nicht nur für betroffene Frauen, Väter und Medizinpersonal kompliziert werden kann, zeigt ein Fall in Texas.

Brandy Bottone hatte die neue Rechtslage auf jeden Fall zu ihrem Vorteil interpretiert. Die Frau aus einem Ort namens Plano war Ende Juni mit dem Auto unterwegs, um ihren Sohn abzuholen. Sie wollte nicht zu spät kommen und nahm eine Spur, die für Autos mit mehreren Passagieren vorgesehen ist. Als ein Polizist sie anhielt und fragte, wer mit ihr im Auto sei, zeigte sie auf ihren Bauch. Damals war sie in der 34. Woche schwanger. Der Polizist akzeptierte die Erklärung nicht und stellte ihr einen Strafzettel über 275 Dollar aus, etwa 255 Euro. Bottone wehrte sich gegen den Bescheid und argumentierte mit dem strengen neuen texanischen Recht. Laut diesem gilt der Fötus von dem ersten Herzschlag an, in der Regel ab der sechsten Schwangerschaftswoche, als vollwertige Person. Dann müsse er auch als Passagier zählen, argumentieren Bottone und ihr Anwalt.

Tatsächlich steht hier texanisches Strafrecht versus Verkehrsrecht. Der Fall wurde über Wochen diskutiert, schließlich stellte der Bezirksstaatsanwalt das Verfahren ein, aufgrund "der Fakten und Umstände des Falles und des anzuwendenden Rechts", ohne weitere Erläuterungen. Jetzt kam heraus: Der Ärger hielt Bottone nicht davon ab, weiter diese Spuren zu nutzen. Gerade weil der Fall nicht abschließend geklärt war, sah sie sich im Recht. Und wurde erneut mit einem Strafzettel bedacht; wegen des Wirbels um den ersten Fall hatte sie das zunächst nicht publik gemacht.

In wenigen Ländern ist Recht so eine komplexe Angelegenheit wie in den USA; Einzelfälle haben oft wegweisende Bedeutung und derzeit das Potenzial, die politischen Gräben zu vertiefen. Während viele Menschen Bottone als Frauenrechtlerin feierten, hat ein konservativer Politiker schon ein Gesetz gefordert, das in seinem Bundesstaat schwangeren Frauen das Benutzen der Spuren erlaubt. Bottone hat zwar in den Dallas Morning News betont, dass es ihr nicht darum gegangen sei, etwas zu demonstrieren. Dennoch zeigt sie zumindest indirekt, welche banalen Verzwicktheiten zusätzlich zu dramatischen Problemen die neuen Regeln befördern.

Zumal sich über die Verkehrskontrolle hinaus weitere Fragen ergeben: Nach der Bottone'schen und indirekt texanischen Logik müsste eine schwangere Frau in öffentlichen Verkehrsmitteln ein zusätzliches Ticket für das ungeborene Baby kaufen. Nicht auszudenken, wie teuer es werden könnte, wenn eine werdende Drillingsmutter ein Konzert besuchen will.

Im Fall von Bottone werden sich diese Probleme vorerst nicht stellen. Ihre Tochter wurde vor wenigen Wochen geboren. Nachdem sie die "Ankunft" ihrer "zweiten Passagierin" mit diesen Worten auf Instagram verkündet hatte, fragten gleich mehrere Nutzer: "Angekommen? Ich dachte, sie wäre schon da."

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