Abitur Wenn fast jeder Abitur macht, wird anderswo selektiert

Früher bildeten Abiturienten die Elite. Heute macht die Häfte eines Jahrgangs Abitur. Selektiert wird in Eingangstests an den Hochschulen - und anhand des Elternhauses.

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Eltern und Schüler empören sich, wenn das Gymnasium strenger wird und das Mathe-Abi schwierig ist. Die gesellschaftlichen Erwartungen an die Schulen sind zu hoch und zu gering zugleich.

Kommentar von Johan Schloemann

Das Gymnasium ist eine ehemalige Eliteneinrichtung, die in Deutschland seit einigen Jahren für die Hälfte eines Jahrgangs oder sogar mehr geöffnet wird. Man muss nicht lange Stochastik gebüffelt haben, um sich auszurechnen, dass dies wahrscheinlich zu einer gewissen Spannung führt: zwischen dem Alltag des Unterrichts über die Jahre und der großen Prüfung am Ende.

Diese Spannung hat es immer schon gegeben. Aber sie wird durch die weniger restriktive Zulassung zum Gymnasium viel stärker. Das zeigt sich jetzt an dem Protest gegen eine textlastige und möglicherweise überfrachtete Aufgabenstellung im diesjährigen Mathe-Abitur, mit dessen Korrektur die zuständigen Lehrerinnen und Lehrer dieses Wochenende verbringen, während andere Leute zum Beispiel Zeitung lesen.

Wenn das Gymnasium zur weiterführenden Schule der Mehrheit wird, dann gibt es zwar zugleich mehr Abbrecher und Durchfaller, aber es wird auch leichter gemacht, gute Noten zu bekommen, weil die Anforderungen sinken. Dies sieht man schon daran, wie von der fünften Klasse an korrigiert wird: Direktoren und Ministerien drängen darauf, dass die "Eins" leichter und die "Sechs" schwerer zu vergeben ist, auch wo dies den Leistungen nicht entspricht.

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Mit seiner Öffnung lässt das Gymnasium viel mehr gesellschaftliche Realität herein als früher. Es repräsentiert stärker die Einwanderungsgesellschaft, der Unterricht muss auf größere Unterschiede der Erziehung, der Sprachfähigkeit und der sozialen Herkunft reagieren. Das ist zwar eine harte, mal lohnende, mal frustrierende Arbeit, und die Lehrkräfte bekommen dazu immer noch zu wenig Unterstützung; aber auf diese Weise übt das Gymnasium heute ohne Zweifel eine neue, wichtige integrative Wirkung aus.

Das ganze Land teilt sich sozusagen in zwei Schulklassen

Allerdings nur für die eine Hälfte der Gesellschaft, die es aufs Gymnasium schafft. Denn wenn immer mehr junge Leute innerhalb dieses Systems das Abitur machen - oft unter reger Anteilnahme ihrer Eltern -, dann wird natürlich die Abgrenzung nach außen schärfer. Wenn das ganze Land sich sozusagen in zwei Schulklassen teilt, dann dringt immer mehr Karriereorientierung in die eine Klasse ein, die angesehener ist als die andere und mehr Chancen verspricht.

Dann denken Eltern und ihre Kinder auf dem Gymnasium immer früher schon an spätere Berufswege und ans Geldverdienen, und nicht so sehr an die Voraussetzungen des gelingenden Lebens, das sie da erzwingen wollen: Neugier, Entwicklung der Persönlichkeit, Allgemeinbildung, demokratisches Bewusstsein, kritisches Denken und, ja: Spaß am Lernen. Die Schule übt mit der Schulpflicht einen Zwang aus, mit dem sie eigentlich auch einen Raum der Freiheit schaffen soll, bevor der Ernst des selbständigen Lebens beginnt - unabhängig von den ökonomischen Interessen der Erwachsenen. Oder ist das schon viel zu altmodisch gedacht?